Die Nacht der rauen Stimmen in der Sputnikhalle End-Hits Label Tour: Norbert Buchmacher, Swain, Matze Rossi und Nathan Gray zwischen Bier, Schweiß und Tränen

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Nathan Gray, der Headliner des Abends. (Foto: Stephan Günther)
Nathan Gray, der Headliner des Abends. (Foto: Stephan Günther)

Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass Nathan Gray erstmals solo mit eigenem Material in Münster auf der Bühne gestanden hat. Inzwischen ist die Location größer, der Nathan um einige Mitmusiker reicher und der Abend deutlich länger geworden. Aber der Reihe nach.

Denn eigentlich haben wir es hier gar nicht mit einem Einzelkonzert, sondern gleich mit einer ganzen Label-Tour – der „End Hits Tour 2020“ – zu tun. Und gleich zu Beginn des Abends zeigt sich, dass das Berliner Indepentent-Label End Hits Records eine enorme Bandbreite zu bieten hat.

Den Anfang macht Norbert Buchmacher, der direkt eindrucksvoll beweist, dass nicht nur die Sänger von Punk- und Hardcore-Bands sich in exzellenter Weise musikalisch neu erfinden können, sondern auch deren Roadies. Nach über 20 Jahren im schweißtreibenden, aber abseits der Bühne wenig ruhmreichen Tourgeschäft zieht es den Mann mit dem schönen Hemd und der derben Reibeisenstimme nun auch selbst auf die Bühne. Klar, einer musste den Job die ganzen Jahre machen – aber warum denn ausgerechnet der Kollege, der für‘s Rampenlicht geboren ist?

Norbert Buchmacher durfte den Abend eröffnen. (Foto: Stephan Günther)
Norbert Buchmacher durfte den Abend eröffnen. (Foto: Stephan Günther)

Hier werden irgendwo zwischen frühem Grönemeyer, den rotzigeren Phasen von Selig und solidem Singer-Songwriter-Indiepop ganz große Songs ausgepackt. Auch der Geist von Rio Reiser weht mehr als einmal durch die Halle, vor allem wenn es textlich kitschfrei ans Eingemachte geht. Diese Mischung weiß schon zu früher Stunde zu begeistern und hätte sicherlich deutlich mehr Zeit verdient. Nicht zuletzt die hervorragende Band – allesamt Veteranen in Sachen ehrlicher, handgemachter Musik – lässt aufhorchen. Bitte mehr davon und gerne öfter auf „zwei bis zwölf Bier“!

Und dann ist es plötzlich wieder 1994. Mit düster-atmosphärischem Licht und dem schönsten „Shiver“ seit Kurt Cobain entführen Swain auf die dunkle Seite des Grunge. Hier schwingen Soundgarden mit, auch die Pixies und ein guter Schuss Black Sabbath können erahnt werden. Ein dreckiger Traum von Seattle in Münster – sicher nicht die schlechteste Wahl für einen Samstagabend im Februar. Grunge ist also offensichtlich nicht tot, sondern hat sich nur noch mal umgedreht und ein paar Hardcore-Platten gehört.

Matze Rossi (Foto: Stephan Günther)
Matze Rossi (Foto: Stephan Günther)

Tapfer stellt sich danach Matze Rossi einmal mehr ganz alleine der sangesfaulen Westfalenmeute. Wie auch schon vor knapp über 2 Jahren, als er an gleicher Stelle zusammen mit Chuck Ragan aufspielte, lässt sich der Schweinfurter Schrammelvatti nicht entmutigen und erspielt sich schnell die Sympathien des Publikums. Ganz aktuell und brandneu im Gepäck ist dabei seine neue Single „Milliarden“, laut eigener Aussage sein erster politischer Song seit 22 Jahren. Zusammenhalten, Hoffnung nicht verlieren, mehr Menschlichkeit zeigen und dafür sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt – gutes Lied, wichtige Aussage. Gegen Ende singen dann selbst die Westfalen mit. Da hat er also wieder mal alles richtig gemacht, der gute Herr Rossi.

Der Grund dafür, dass der Abend recht zügig ausverkauft war, betritt kurz danach die Bühne. Nathan Gray, ansonsten seit 25 Jahren Sänger bei Boysetsfire, hat sich dieses Mal statt einer verstimmten Gitarre reichlich instrumentale Verstärkung mitgebracht. Das tut dem Sound gut und der Intensität keinen Abbruch. Und nicht anders als intensiv kann man die Show dann auch bezeichnen.

Gray mit seiner Begleitband. (Foto: Stephan Günther)
Gray mit seiner Begleitband. (Foto: Stephan Günther)

Dass Nathan Gray wohl einer der emotionalsten Musiker der Szene ist, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben und wird auch in der Sputnikhalle wieder deutlich. Von den persönlichen Themen seiner Songs und dem reichlichen Zuspruch des Publikums sichtlich ergriffen gibt er alles und geizt nicht mit wortreichen Ansagen.

Die Extraportion Punkrock im Vergleich zu seiner Soloshow in der Pension Schmidt vor 2 Jahren bringt die Stücke dann auch gut nach vorne und sorgt dafür, dass trotz nachdenklicher Themen auch gründlich gefeiert wird. Und dann ist nach einem Mix aus Titeln des neuen Albums „Working Title“ und eine Auswahl aus früheren Phasen seines Schaffens auch schon wieder alles vorbei. Es bleiben der Nachklang eines facettenreichen Abends, ein paar Tränen im Augenwinkel und noch ein kleiner Rest Durst, der auf der nachfolgenden Party gründlich gestillt werden kann.

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