Leezen-Strehlen Im 16. Teil ihrer Masematte-Kolumne betrachtet unsere Autorin Marion Lohoff-Börger die Reaktionen auf rot gefärbte Fahrrad-Straßen

Lesezeit: 4 Minuten.
Der Lindberghweg ist Teil der längsten, jüngst rot geteerten Fahrradstraßen-Strecke, aber hier ist der Parkdruck nicht so groß wie in der Innenstadt. (Foto: Ralf Clausen)
Der Lindberghweg ist Teil der längsten, jüngst rot geteerten Fahrradstraßen-Strecke, aber hier in Lütkenbeck ist der Parkdruck nicht so groß wie in der Innenstadt. (Foto: Ralf Clausen)

Nicht dat den Münsteraner dat Corona-Virus hamel meschugge (ganz verrückt) macht, nein, jetzt wird der Münsteraner auch noch nerbelo (verrückt), datt se die Strehlen (Straßen) rot anmalen.

Immer hatte er sein Wuddi (Auto) jovel (schön) vor sein Beis (Haus) an Stehen, und jetzt, Tokusmalokus (zum Donnerwetter nochmal), darf dat Wuddi (Auto) ambach (dort) nicht mehr parken. Da bleibt den Anwohner morgens sein Killemaro (Butterbrot) inne Strotte (Hals) stecken, als der beim Frühstück ausse Fenete (Fenster) kneistert (guckt): Da fangen doch die Lapanenmalocher (Bauarbeiter) an, die Strehle (Straße) rot anzumalen! Wat ein Tinnef (Quatsch). Da wird der Schero (Kopf) von den Anwohner auch gleich mit rot. Er schmust (sagt) seine Alsche (Frau), dat die mal den Laberknochen (Telefon, freundliche Leihgabe aus dem Neu-Plattdeutsch) holen soll, damit der die Husche (Polizei) anrufen kann. Watt labern die? Er wohnt schon seit hei (fünf) Jennikes (Jahren) an einer sogenannten Leezen-Strehle (Fahrrad-Straße)? Und hat dat nich gemuckert (gemerkt)? Modewehl (ach ja), dat war doch immer so jovel (angenehm), wenn seine Alsche (Frau) mit den hamel (sehr) schweren Taschen an der Leeze (Fahrrad) vom Biggen (Einkaufen) nach Hause gejuchelt (gefahren) ist. Ambach (dort) konnte die immer inne Mitte vonne Strehle (Straße) peseln (fahren) und die Wuddis (Autos) mussten warten. Dat war jovel (gut).

Stimmt. Aber wat is mit sein Parkplatz vor sein Beis? Da muss man doch mal die Seegers vonne Stadt Münster fragen. Und wat schmusen die? 200 Meter weiter wird ein hamel neuer Parkplatz für alle Anwohner gebaut! Ach wat? Da stand doch immer die dicke Linde, wo der sein Keilofken (Hündchen) dran miegen lässt. Ja, wenn dat so is! Dann kann die Alsche ja demnächst mit de Leeze die Kiste Lowine vom neuen Parkplatz zum Beis transportieren! Ach, es gibt doch für alles eine jovle Lösung.

Andere Münsteraner sind ganz nerbelo (verrückt), weil die sich in ihren Schero (Kopf) drin so hamel (viel) am Verdollewinieren (nachdenken) sind, wat die rote Farbe von die Leezen-Strehlen (Fahrradstraßen) denn bedeuten soll. Ob dat symbolisch gemeint is? Weil doch bald ein neuer Obermacker (Chef, hier Oberbürgermeister) von Münster gewählt werden soll und die Kalinen (Frauen) und Seegers (Männer) auch, die im Ratsbeis (Rathaus) sitzen und meinen, dat sie Zerche (Ahnung) hegen (haben), wat für Münster jovel (gut) is und wat schofel (schlecht). Aber dat muckert (weiß) keiner so genau. Ach, ich bösch (gehe) von mein Thema plete (weg).

Sollen die roten Strehlen (Straßen) denn die Münsteraner schmusen (sagen), dat sie „Rot“ wählen sollen? Ist dat son mieses Sozi-Ding, datt die uns stikum (heimlich) beeinflussen wollen? Wo die doch schon hamel (sehr) lange in die Opposition drinne sind? So wird dat auf dem Schock (Markt) und in den Katschemmen (Kneipen) hinter vorgehaltener Fehme (Hand) oder besser dem Löl-Lappen (Mundschutz) rakawehlt (erzählt).

Aber, so verkasematuckelt (erklären) sich die anderen, dat haben sich doch die CDU und die Grünen ausbaldowert (geplant) …, warum makeimen (machen) die dat dann nich in Schwarz-Grün? Und dann wäre dat auch hamel (sehr) einfühlsam für die Flemmer (Fußballer) von Münster, die hamelsten (größten) Wahlis (Versager) unter den Lorenz (Sonne): Eine Strehle (Straße) in den Vereinsfarben von Preußen Münster! Wenn dat nich dat mindeste wäre, wat man für die Halbkarötter (Armen) makeimen (machen) kann! Und alle könnten da drauf ein bisschen plannigen (weinen), wenn dat eh grad zu wenig meimelt (regnet) …

Modewehl (Ach, nein …), jetzt werde ich schon ganz meschugge (verrückt) von die Farben und die roten Leezen-Strehlen (Fahrradstraßen) in Münster.

Wenn ihr meine Meinung hören wollt?

Ich find‘s hamel ömmes jovel (absolut großartig), wenn ich mit meine Leeze (Fahrrad) frei wie der Wind durch Münster jucheln (fahren) kann. Es gibt nix Tofteres (Schöneres)!

Alles jovelino!?

Wortkunde: Biste nerbelo, meschugge oder kolone?
Die Masematte kennt drei Wörter für „verrückt“:
1. nerbelo (auch nerwelo) kommt aus der Sprache der Sinti und Roma, narbulo bedeutet „närrisch oder verrückt.
2. meschugge (wird auch allgemein im Deutschen gebraucht, ist also nicht typisch Masematte) kommt aus dem Jiddischen und bedeutet wie erwartet „verrückt“
3. kolone kommt aus dem Jüdisch-Deutschen (kulone).

Frage 1: Warum gibt es drei Wörter für eine Sache oder besser einen Zustand?
Die Masematte hat verschiedene Spendersprachen, das Jiddische (50 %), Romanes (20 %) und Rotwelsch 20 %), der Rest ist zusammengeklaut und Plattdeutsch. Hier sieht man jovel, dass zwei bzw. drei Spendersprachen sich gleichgewichtig durchsetzen konnten.

Frage 2: Was ist der Unterschied zwischen Jiddisch und Jüdisch-Deutsch?
Das Jiddische ist die Sprache der Aschkenasim, der deutschen Juden, die sich im sehr frühen Mittelalter in Deutschland (im Rheinland hauptsächlich) angesiedelt hatten. Nach Diskriminierungen siedelten sie Ende des Mittelalters nach Osten (Polen, Russland) über. Sie flüchteten im 20. Jahrhundert (wie die deutschen Juden) vor den Nazis oder wurden im Holocaust ermordet. Das Jüdisch-Deutsche ist die Sprache der Juden, die hier in Deutschland lebten.

So, jetzt reichts, sonst werde ich noch meschugge, kolone oder nerbelo. Oder alles drei …

Marion Lohoff-Börger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.