Fundamentalistischer Marsch stößt auf Gegenprotest “1000-Kreuze-Marsch” in der Innenstadt

Zum Beginn der Versammlung kam es zu einer größeren Blockade und handfesten Auseinandersetzungen. (Foto: Julius Gau)
Zum Beginn der Versammlung kam es zu einer größeren Blockade und handfesten Auseinandersetzungen. (Foto: Julius Gau)

Ruhig war es in Münsters Innenstadt. Am regnerischen Sonntag waren die sonst gut besuchten Einkaufspassagen fast wie leergefegt. Daran änderten die in etwa 50 Teilnehmer*innen des sogenannten “1000-Kreuze-Marsches”, eine Demonstration fundamentalistischer Abtreibungsgegner, nur wenig. So richtig laut wurde es dann aber doch noch.

Wie jedes Jahr rief das vornehmlich männliche Organisationsteam um den Münchener Wolfgang Hering und den Münsteraner Klaus Hengstebeck zum “Betzug” gegen Schwangerschaftsabbrüche auf. Gefolgt ist dem Ruf vor allem die politische Rechte. Doch der Reihe nach.

50-Kreuze-Marsch

Der Name “1000 Kreuze” sorgt regelmäßig für Verwirrung, da er auf der falschen Annahme beruht, es käme täglich zu 1000 Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland. Die Kreuze sollen die medizinischen Eingriffe mit dem Tod in Verbindung bringen. Dass es hier mehr um Schein als um Sein geht, zeigt auch die Anzahl der weißen Holzkreuze. Weder wurden so viele mitgebracht, noch könnten die wenigen Teilnehmer*innen überhaupt alle tragen. Es blieb also bei wenigen Kreuzen, einem alten Kinderwagen, der jedes Jahr aufs Neue herausgekramt wird, sowie Bildern von Jesus, Maria und dem Kardinal von Galen. Besonders ärgerlich dabei für die Fundamentalist*innen: Ihr traditioneller Kundgebungsabschluss konnte erstmals nicht vor der von Galen-Statue am Domplatz stattfinden, weil der feministische Gegenprotest die Örtlichkeit dieses Mal selbst für eine Versammlung nutzte. Stattdessen wurde die Route verkürzt und endete bereits an der Überwasserkirche. Ein Durchkommen zum Dom wäre jedenfalls nur schwer möglich gewesen, weil etliche Aktivist*innen die enge Gasse blockierten.

Verbindungen ins rechtsextreme Milieu

Die Beschneidung der Rechte von Schwangeren ist seit jeher ein Thema der extremen Rechten. So wundert es nicht, dass sich der Versammlung neben Rechtskonservativen auch viele Rechtsextremist*innen anschlossen. Neben einem Pfarrer aus Niedersachsen, der Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust gleichsetzt, liefen einige Mitglieder der AfD mit. Die jüngere Generation war vor allem durch Aktive der “Deutschen Burschenschaft” (DB) sowie der “Tradition Family Property” (TFP) vertreten. Die DB fiel in der Vergangenheit regelmäßig durch rechte Skandale wie die Forderung nach einem “Ariernachweis” für Mitglieder sowie mit Neonazis in den eigenen Reihen auf. Die TFP ist, wie auch die DB, ein Männerbund. Allerdings agiert er international.

Die "TFP" gilt als erzkonservativ und wird mitunter als "klerikalfaschistisch" bezeichnet. (Foto: Yazz Kocakoç)
Die „TFP“ gilt als erzkonservativ und wird mitunter als „klerikalfaschistisch“ bezeichnet. (Foto: Yazz Kocakoç)
„Müde Veranstaltung“

Sie sehen sich an “vorderster Front des Kulturkampfes” und lehnen neben Schwangerschaftsabbrüchen auch Scheidungen ab. Die Gruppe tritt regelmäßig uniformiert auf und sieht sich in einem Gotteskampf gegen alles, was links, queer oder progressiv ist. Aktivist*innen des Recherchekollektivs „Busters“ bestätigten auf Nachfrage außerdem die Teilnahme von bekannten Neonazis, die bereits auf mehreren Demonstrationen der faschistischen Heimatpartei auffielen und stellte dazu Vergleichsfotos zur Verfügung. Wie jedes Jahr liefen auch aktive Mitglieder der AfD mit. In anderen Städten mobilisiert die fundamentalistische Szene weit mehr Menschen. Darauf angesprochen erklärt der Mitveranstalter Klaus Hengstebeck, dass der Marsch in Münster vielen Menschen zu “fromm” sei. Ein Mitglied von TFP hingegen erklärt die geringe Teilnehmer*innenzahl damit, dass die Veranstaltung in Münster “müde” sei.

Gegenprotest

Anders gestaltet sich der Gegenprotest aus. Schätzungsweise 600 Menschen konnte das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ auf die Straße bringen. Das Bündnis zeigt sich zufrieden mit der Versammlung und betont den Fokus auf “Vielfalt” und “gegenseitigem Respekt”. Laura Stein, die Pressereferentin des Bündnis, erläutert: “Es ist wichtig zu betonen, dass es immer Schwangerschaftsabbrüche gab und geben wird, uns geht es um eine legale und sichere Gesundheitsversorgung.”

Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung brachte über 600 Menschen auf die Straße. (Foto: Fabian Pegel)
Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung brachte über 600 Menschen auf die Straße. (Foto: Fabian Pegel)

In Redebeiträgen zu Wort kam neben „pro familia“ auch der CSD Münster sowie das „Projekt Marischa“, die „Fachstelle für Sexualität und Gesundheit – Aidshilfe“ und die Grünen. Die Fachstelle stellt in ihrem Redebeitrag klar, dass sie auf dem Protest sind, “weil es uns alle betrifft, wenn fundamentale Rechte in Frage gestellt werden”. „pro familia“ ergänzt mit Zahlen und erklärt, dass “circa jede 5. bis 6. gebärfähige Person im Laufe ihrer fruchtbaren Lebenszeit eine ungewollte Schwangerschaft” erlebe und der “Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen” Leben rette.

Angespannte Polizei

Bereits zu Beginn der Proteste war die Anspannung bei den Beamt*innen selbst für Pressevertreter*innen spürbar. So wurden einige Journalist*innen bereits bei der Auftaktkundgebung scharf überprüft. Man wolle schließlich nicht die “falschen Leute” zu nahe heranlassen, so ein Polizist. Auch beim Gegenprotest wollte man auf Nummer sicher gehen und kontrollierte prompt Flyer, die verteilt wurden. Alles in Ordnung, die Flyer durften so rausgehen. Beim Marsch der Fundamentalist*innen machte man sich offenbar Sorgen um die uniformiert auftretende TFP und ließ deren Sprecher erst einmal erklären, um was für eine Organisation es sich handele. Auch wenn es später noch zu Auseinandersetzungen mit Aktivist*innen kommen sollte, beschrieb die Pressestelle der Polizei den Protest als überwiegend friedlich.

Aktivistische Interventionen

Auch wenn es zu Veranstaltungsbeginn ungewöhnlich ruhig schien, kam es dann doch zu handfesten Auseinandersetzungen. Zu Beginn des Zuges blockierte eine größere Gruppe von Aktivist*innen den Weg der Marschroute. Die Polizei prügelte die Sitzblockade zur Seite, sodass sich die Träger der Holzkreuze durch eine kleine Öffnung zwängen konnten. Auf dem Rest der Route gab es regelmäßig Widersprüche von Aktivist*innen und Personen, die bei ihrem Sonntagsspaziergang offenbar kaum fassen konnten, wem sie da in der Innenstadt begegnen.

Bei der Abschlusskundgebung wurde es dann noch einmal chaotisch. Während die Fundamentalist*innen kleine Silikonföten verteilten, sorgte ein Rauchtopf für einen Polizeieinsatz. Neben der Überwasserkirche stieg Rauch empor. Als die Polizei eine Tüte aus dem Gebüsch zog, entdeckte sie daran eine Verkabelung, wohl um das Signal aus der Entfernung zu aktivieren, wie die anwesenden Beamt*innen vermuten. Die “pyrotechnische Selbstkonstruktion aus freiverkäuflichen Rauchkörpern”, wie die Polizei es später in ihrer Pressemitteilung nennt, sollte im Laufe des Tages noch für eine Absperrung des gesamten Bereiches sorgen. Eine Gefahr habe jedoch nicht bestanden, so die Polizei Münster. Dennoch kam es zur Ingewahrsamnahme von vier Personen, gegen die der Staatsschutz ermitteln wird. Als der Pfarrer Anton Behrens aus Niedersachsen, der für seine Gleichsetzung von Kliniken mit Auschwitz bekannt ist, das Wort ergriff, drängten Aktivist*innen auf die Versammlungsfläche der Fundamentalist*innen und riefen laut “My body, my choice, raise your voice”. Dabei wurden sie unter Einsatz von Zwangsmitteln von der Polizei weggezerrt.

Zur besseren Nachvollziehbarkeit der Motivation lassen wir im folgenden eine Aktivistin aus dem Gegenprotest zu Wort kommen.

Kommentar: Kein Platz für Fremdbestimmung in Münster

Es ist jedes Jahr aufs Neue erschreckend, dass rechtsextreme AfDler*innen und Fundamentalist*innen durch die Innenstadt Münsters ziehen. “Betend” und mit Kreuzen protestieren sie gegen Abtreibung und somit gegen die Selbstbestimmung und Freiheit von gebärfähigen Menschen. Dass solch eine fremdbestimmende und ausgrenzende Ideologie in Münster keinen Platz findet, war auch in diesem Jahr wieder wichtig zu zeigen. Von einer Gegendemo mit beeindruckenden Redebeiträgen über Kundgebungen bis zu gelungenen Blockaden sind wir gemeinsam für Selbstbestimmung und Freiheit eingestanden.

Menschen aus den verschiedensten Organisationen und Verbänden kamen zusammen, um ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen. Trotz eines großen Polizeiaufkommens zum Schutze der Antifeminist*innen gelang es uns immer wieder, mit Gegenrufen die “Gebete” und Gesänge zu übertönen. Wir haben ihnen ganz klar gezeigt, dass ihre Ideologien in Münster und unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Wir blockierten den Weg zum Dom, sodass die Fundamentalist*innen nicht bis zur von Galen-Statue marschieren konnten. Auch wenn es erschreckend ist, dass etwa 50 Abtreibungsgegner*innen nach Münster gekommen sind, ist es dennoch ein Erfolg, dass sie ihren Marsch nicht ungestört durchführen konnten.

Gerade jetzt, in einer Welt, in der patriarchale Fremdbestimmung und Ausgrenzung zunehmen, ist es entscheidend, auf die Straßen zu gehen, um für unsere Rechte einzustehen. Wenn sich die Fundamentalist*innen im nächsten Jahr wieder nach Münster trauen, werden auch wir da sein: engagierter, lauter und entschlossener. Alerta! Wir müssen wachsam bleiben und weiter dafür kämpfen, dass unsere Rechte nicht noch weiter beschnitten werden.

Gastkommentar: Ineke Renger

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