Spendenaktion übertrifft Erwartungen Spendenkampagne für die Betroffene im Vergewaltigungsprozess am Amtsgericht Münster / Interview mit Aktivist*innen der Gruppe “Femizide Stoppen Münster”

Die Gruppe “Femizide Stoppen Münster” hatte nach dem Freispruch am Amtsgericht Münster für den mutmaßlichen Vergewaltiger zu Spenden für die Betroffene aufgerufen. (Foto: Femizide Stoppen Münster)
Die Gruppe “Femizide Stoppen Münster” hatte nach dem Freispruch am Amtsgericht Münster für den mutmaßlichen Vergewaltiger zu Spenden für die Betroffene aufgerufen. (Foto: Femizide Stoppen Münster)

Der Freispruch eines mutmaßlichen Vergewaltigers am Amtsgericht Münster sorgte bundesweit für Empörung. Während die Staatsanwaltschaft gegen das Urteil in Berufung ging, starteten Aktivist*innen eine Spendenkampagne für die Betroffene. Ziel der Aktion war es zunächst, 600 Euro für ein neues Sofa zu sammeln. Aus finanziellen Gründen befand sich in der Wohnung der Frau noch immer jenes Möbelstück, auf dem die Tat stattgefunden haben soll.

Die Resonanz war enorm: Innerhalb kürzester Zeit kam fast das Doppelte der anvisierten Summe zusammen. Zum aktuellen Zeitpunkt beläuft sich der Spendenstand auf 1.160 Euro. Die überschüssigen Mittel sollen nun für die anwaltliche Vertretung der Betroffenen genutzt werden. Das Berufungsverfahren ist für den 5. November angesetzt. Die Kampagne läuft bis dahin weiter.

Anna, die im Verfahren als Geschädigte aussagen muss, zeigte sich von der Solidaritätsaktion überwältigt: „Es bedeutet mir mehr, als Worte ausdrücken können, zu erleben, dass Menschen nicht einfach wegsehen, sondern sich solidarisch zeigen und bereit sind, mich auf meinem Weg zu unterstützen. Danke für eure Zeit, eure Arbeit, eure Solidarität und dafür, dass ihr mich nicht allein lasst. Jede einzelne Spende und jedes Zeichen der Unterstützung bedeutet mir unglaublich viel.“

Ihren besonderen Dank richtete sie dabei an die Initiative „Femizide Stoppen Münster“. Die Aktivist*innen der Gruppe standen ALLES MÜNSTER auf Nachfrage für ein Interview zur Verfügung:

Interview mit Aktivist*innen der Gruppe “Femizide Stoppen Münster”

Ihr nennt euch ‚Femizide Stoppen Münster‘: Was steckt hinter der Initiative?

Wir haben uns im Mai 2025 gegründet. In diesem Jahr sind bis dahin schon 37 Femizide in Deutschland dokumentiert worden. Die Idee kommt durch die deutschlandweit agierende Gruppe Femizide Stoppen. Femizide Stoppen wurde von den besten Freundinnen der ermordeten Derya und ihrem Sohn gegründet. Dieser Femizid fand am 14.11.2021 statt. Wir haben den Namen übernommen, wollen uns jedoch eher lokal in Münster und Umgebung einbringen. Wir sehen uns als aktivistische Gruppe und sind eng mit anderen – auch etablierten – Gruppen und Strukturen vernetzt.

Wie genau definiert ihr einen „Femizid“?

Wir stützen uns bei unserer Arbeit auf gängige feministische Definitionen. Eine Definition, die wir für uns formuliert haben und so unter anderem auf Instagram nach außen tragen ist diese: „Als ein Femizid wird die Tötung einer Person, weil sie als Frau wahrgenommen oder ihr eine (vermeintliche) Weiblichkeit zugeschrieben wird, bezeichnet.

Die Tötung passiert dabei nicht zufällig oder wegen individueller Umstände, sondern aufgrund von gesellschaftlich gefestigten, sexistischen Strukturen z.B. Rollenbildern, abwertenden Stereotypen oder Vorstellungen von Ungleichwertigkeit. Es ist die schlimmste Form geschlechtsspezifischer Gewalt. Viele Femizide werden in bestehenden oder ehemaligen Partnerschaften begangen. Oft geht den Taten bereits Partnerschaftsgewalt voraus.“ Ergänzend dazu arbeiten wir mit dem Begriff Feminizid, der die Straflosigkeit der Täter und das damit zusammenhängende Versagen des Staats und seiner Organe betont. Dieser Begriff wurde von der mexikanischen Anthropologin Marcela Lagarde verwendet und von der feministischen Bewegung Süd- und Mittelamerikas geprägt.

Wie sieht eure Arbeit aus?

Wir setzen uns ein für die Sichtbarmachung von patriarchaler Gewalt. Dabei arbeiten wir vor allem lokal. Wir dokumentieren die Berichterstattung rund um patriarchale Gewalt, begleiten Prozesse und beobachten die zögerliche Umsetzung der Istanbulkonvention. Dabei sind wir viel auf Instagram aktiv, bringen uns in verschiedenen Arbeitsgruppen ins Stadtgeschehen ein und planen eigene Aktionen.

Können sich neue Interessierte bei euch engagieren?

Wir sind offen für neue Stimmen, arbeiten jedoch als FLINTA*-Gruppe (Anm. d. Red.: FLINTA = Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen.) Wir öffnen bald wieder das Plenum, Interessierte können sich jedoch auch immer per Instagram oder per Mail bei uns melden.

Auf Instagram habt ihr fast 3.000 Follower, eure Beiträge erreichen tausende Menschen. Wie erklärt ihr euch das große Interesse an eurer Arbeit?

Das Thema ist und bleibt wichtig. Außerdem sind wir lokal gut vernetzt und berichten aktuell. Wir füllen dabei anscheinend eine Lücke. Gleichzeitig funktioniert unsere Arbeit nur durch laufende Vernetzungen mit anderen feministischen Gruppen, die sowohl lokal als auch deutschlandweit arbeiten. Unter anderem die DACH-weite  Vernetzung anderer Femizide-Stoppen Ortsgruppen hat dabei immer wieder eine wertvolle Ressource dargestellt. (Anm. d. Red.: DACH = Deutschland, Österreich und Schweiz.)

Wie habt ihr das Gerichtsverfahren rund um Anna wahrgenommen und weshalb habt ihr euch entschieden, euch hier einzubringen?

Bei Annas Prozess sind wir erst nach Urteilsverkündung aktiv geworden. An Annas Fall kann sehr gut die mangelhafte Strafverfolgung, eine Verharmlosung von patriarchaler Gewalt und ein fehlendes Verständnis der Justiz von sexualisierter Gewalt nachvollzogen werden. Wieder einmal zählt ein Nein nicht als Nein.

Patriarchale Gewalt bleibt auch diesmal wieder ohne Konsequenzen und der Angeklagte kommt straffrei davon. Und wieder einmal liegt die Beweislast auf der Betroffenen.

Vielen Dank für das Interview.

Unterstütze unsere Arbeit

Unser Lokaljournalismus ist dir mehr wert als nur ein Like? Jetzt spenden!

EUR
Du wirst zu PayPal weitergeleitet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert