Wird Masematte immaterielles Kulturerbe? Unsere Kolumnistin, die Autorin Marion Lohoff-Börger stellt Antrag ans Land NRW / Oberbürgermeister Markus Lewe lobt fachlich fundiertes Engagement

Oberbürgermeister Markus Lewe nahm von Marion Lohoff-Börger und ihrer Unterstützerin Kirsten Engmann-Samar (v.l.) den Antrag, die Masematte als Immaterielles Kulturerbe anerkennen zu lassen, entgegen. Der erste Schritt zur Entscheidung fällt aber in Düsseldorf. (Foto: Stadt Münster/Meike Reiners)

Leeze, jovel, schofel – ein paar Brocken Masematte kennt jeder, der einige Zeit in Münster lebt. Die Geschichte der münsterschen Geheimsprache und das Schicksal ihrer ursprünglichen Sprecher und Sprecherinnen aber denken wohl weit weniger Menschen mit. Münsters Masematte und ihre Historie als Sprachdenkmal schützen – das will Marion Lohoff-Börger, die als freie Autorin nicht nur Bücher schreibt, sondern auch für ALLES MÜNSTER die Masematte-Kolumne „…alles jovelino?“. Beim Land NRW hat sie Ende November den Antrag eingereicht, die Masematte als Immaterielles Kulturerbe zu bewahren. Diesen Mittwoch bekam sie für ihre acht Monate dauernde Arbeit daran auch die offizielle Anerkennung der Stadt Münster.

„Den Antrag zu verfassen, war eine einsame Angelegenheit. Und zum Schluss waren es zwei läppische Klicks, ihn zu verschicken. Deswegen wollte ich eigentlich ein großes Fest feiern“, sagt Marion Lohoff-Börger. Das fiel wegen Corona aus – aber nun hat Oberbürgermeister Markus Lewe die Autorin im Stadtweinhaus empfangen und ihren Antrag zur Anerkennung der Masematte als Immaterielles Kulturerbe angenommen – als Zeichen der Wertschätzung. „Ich freue mich sehr, dass eine Münsteranerin sich fachlich so fundiert für den Schutz der Masematte einsetzt. Diese Sprache ist ein bis heute lebendiges Stück Kulturgeschichte Münsters. Sie verdient es, dass sie nicht nur als folkloristisches Lokalkolorit überdauert, sondern auch ihre wechselvolle Geschichte und ihre Rolle in der Gesellschaft und Zeit, in der sie entstand, im Gedächtnis der Münsteranerinnen und Münsteraner bleibt“, so Lewe.

Vor rund 150 Jahren erfanden Arbeiter, Händler und Betreiber kleiner Gewerbe die Masematte als Geheimsprache, um sich von anderen sozialen Gruppen abzugrenzen. Sie lebten vor allem in den Stadtvierteln Pluggendorf und Klein-Muffi, dem heutigen Herz-Jesu-Viertel. Ihre Sondersprache füllten sie zu einem Großteil mit jiddischen Begriffen, außerdem mit den Sprachen der Roma und Sinti – und ein wenig westfälischem Wortgut. „Fast alle ursprünglichen Sprecher der Masematte aber wurden im Holocaust umgebracht, ihre Wohnviertel bei den Bombenangriffen in Schutt und Asche gelegt“, erklärt Marion Lohoff-Börger.

Wer als Kind noch Masematte von diesen Menschen aufgeschnappt habe, sei heute weit über 70. In die akademische Gesellschaft getragen hätten diese Form des Rotwelsch dann die 68er: Sie nutzten die Masematte, um sich abzugrenzen von verkrusteten Strukturen der Hochschulen. Und so fand die Geheimsprache aus dem 19. Jahrhundert auch ihren Weg in den Karneval. „Wenn die Sprache aber aktuell intensiv genutzt wird, dann – wie damals – in der Subkultur. Zum Beispiel bei den Ultra-Fans der Preußen oder in Clans, die in Coerde abgeschottet leben. Die Masematte lebt im Verborgenen, und ich will sie nicht ans Licht zerren“, sagt Marion Lohoff-Börger. Aber sie sei wichtiger Teil der münsterschen Identität, stärke das Selbstbewusstsein der Bewohnerinnen und Bewohner und müsse deswegen erhalten bleiben – allerdings mit mehr Reflexion über ihre Geschichte. „Wir sind ja hier nicht in der Bütt.“

Seit 2015 beschäftigt sich die Antragstellerin mit der Masematte, versteht alles, könnte die Sprache auch sprechen. „Aber das maße ich mir nicht an“, stellt Marion Lohoff-Börger klar. Kulturtragende der Masematte seien zahlreiche Münsterländerinnen und Münsterländer: „Ob man nun drei, vier Wörter verwendet oder Hunderte kennt – das ist ganz egal. Man hat teil daran, dass die Sprache erhalten bleibt“, so die Inhaberin des Ateliers „Schreibmaschinen-Lyrik“.

Fachliche Begleitschreiben zum Antrag verfassten Dr. Marta Lupica Spagnolo, Sprachforscherin an der Uni Potsdam, sowie Maila Seiferheld von der Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens. Den Antrag selbst unterstützen der Stadtheimatbund, das Freilichtmuseum Mühlenhof, der Verein Bürgernetz und das Bürgerhaus Bennohaus. Sie planen unter anderem ein Online-Wörterbuch, Treffen für ältere Nutzer der Masematte, Lesungen und Fortbildungen für Pflegekräfte, die Senioren betreuen, aber auch für Pädagoginnen und Pädagogen. Marion Lohoff-Börger hat ein Masematte-Memory entwickelt und didaktische Konzepte für Schülerinnen und Schüler. „Hier geht es nicht um stumpfes Nachplappern der Wörter – denn Masematte ist eine raue Sprache, frauenfeindlich und homophob. Es geht also um eine kritische Betrachtung und Verständnis dafür, welche Macht Sprache hat.“

Findet Marion Börger-Lohoffs Antrag auf die Anerkennung der Masematte als Immaterielles Kulturerbe Anklang in Düsseldorf, geht er im April als einer der vier besten Bewerbungen aus NRW ein bei der Kultusministerkonferenz in Berlin. Hier geht es um die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Von dort aus könnte es noch einen Schritt weitergehen: Die vier am besten bewerteten Anträge aus Deutschland werden weitergegeben an das Unesco-Welterbe-Komitee in Paris. „Bis dahin ist es ein weiter Weg“, so Oberbürgermeister Lewe. „Aber wir haben gute Gründe anzunehmen, dass der Schutz und die differenzierte Betrachtung der münsterschen Masematte bei den Kulturfördernden auf großes Interesse stoßen.“

Am Sonntag wird Marion Lohoff-Börger ihren ganz persönlichen Bericht zu dem Antrag bei uns in der Reihe "...alles jovelino?" bringen.

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