„Projektstadt“ oder mehr Lockerungen? Münster stellt das Modell „Projektstadt“ mit klar definierten Rahmenbedingungen vor / Land NRW verkündet Pläne für umfassende Corona-Lockerungen

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Der "digitale Biergarten" am ehemaligen Lindenhof soll nach dem Erfolg 2020 im Rahmen der "Projektstadt" wieder öffnen dürfen. (Foto: Marcus Geßler)
Der “digitale Biergarten” am ehemaligen Lindenhof soll nach dem Erfolg 2020 im Rahmen der “Projektstadt” wieder öffnen dürfen. (Foto: Marcus Geßler)

Kaum hatte die Stadt Münster gestern Mittag ihren ausgeklügelten Plan für die Umsetzung der „Projektstadt“ vorgestellt, da fiel ihr nur wenige Stunden später die Landesregierung mit der Ankündigung von weitreichenderen Lockerungen in den Rücken. Das Ergebnis ist allgemeine Verwirung – und sicher viel Arbeit am heutigen Feiertag für Wolfgang Heuer und seinen städtischen Krisenstab. 

So betonte die Stadt in ihrer Pressemitteilung unter genauer Angabe der Uhrzeit, dass sie am Mittwochabend um 17.31 Uhr von der Landesregierung darüber informiert wurde, dass „offenbar schon ab kommendem Samstag weitreichende Lockerungen in der Außengastronomie, im Einzelhandel und anderen Einrichtungen ermöglicht werden sollen“. Das klingt zwischen den Zeilen schon etwas verschnupft. Kein Wunder, hatte die Stadt selbst erst viereinhalb Stunden vorher ihren detaillierten Plan für die „Projektstadt“ vorgestellt, für den sie auch im „intensivem Austausch mit Vertretern der Landesregierung“ stand.

Die Stadtverwaltung will nun die neuen Vorgaben, die möglicherweise auch für Münster stark veränderte Rahmenbedingungen zur Folge haben, „mit Hochdruck auswerten“. Sie geht davon aus, dass auch einzelne der geplanten Lockerungen im Rahmen der gerade gestern erst von der Stadt bekannt gegebenen Modellprojekte betroffen sein werden – darunter auch die Pläne für einen „Digitalen Biergarten“. Wolfgang Heuer, Leiter des städtischen Krisenstabes, sagte dazu gestern Abend: „Die neuen Vorgaben sind weitreichend und wegen unseres guten Inzidenzwertes von akuter Bedeutung für unsere Stadt. Wir arbeiten bereits an der Auswertung und werden so schnell wie möglich die passenden Auslegungen und Arbeitshilfen zur Verfügung stellen.“

Die münsterschen Gastronomen freuen sich sehr über die neuen Eröffnungsperspektiven, wenngleich viele Details noch nicht bekannt sind. „Dazu zählen Fragen wie ‘Welche Abstände sind einzuhalten?’, ‘Welche Hygieneregeln sind gültig?’, ‘Welche Arten der Nachverfolgung müssen sein?’ Aber dennoch: Nach sechs Monaten Schließung ist endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, sagte uns Marcus Geßler, Sprecher der Innenstadt-Gastronomen.

Projektstadt mit digitalem Biergarten, Sport, Kultur und Schwimmen

Mit 24 ganz unterschiedlichen Projekten vom „digitalen Biergarten“ bis zu Angeboten aus Kultur und Sport will die Stadt Münster Modell für mögliche landesweite Öffnungsszenarien auf unterschiedlichen Themenfeldern stehen. Ob das in wenigen Wochen noch jemand interessieren wird? Wir stellen trotzdem hier die geplanten Projekte vor.

Allen aufgeführten Projekten ist gemein, dass ein mit dem Gesundheitsamt abgestimmtes Hygienekonzept, elektronische Registrierungen sowie negative Schnelltests der Beteiligten vorab erfolgen müssen. Die Daten werden strukturiert erfasst und in Zusammenarbeit mit der FH Münster, Institut für Prozessmanagement und Digitale Transformation, ausgewertet. Die Projekte sind zunächst für eine mehrwöchige Dauer angelegt. Sollten die Infektionszahlen in den kommenden Wochen wieder ansteigen, sich eine Inzidenz an mehr als drei aufeinanderfolgenden Tagen über 100 ergeben, kann das Modellprojekt in der vorliegenden Form beendet werden.

Die Projekte in der Übersicht:

Digitaler Biergarten

Der „Lindenhof 2021“ darf (jedenfalls nach dem ursprünglichen Plan) erst am Freitag, 21. Mai, eröffnen. Check-in und Bestellung erfolgen kontaktlos via QR-Code am Eingang und an den Tischen über das Smartphone, auch die Bezahlung ist nur digital möglich. Bis zum fest zugewiesenen Sitzplatz wird eine Maske getragen. Mindestabstände werden eingehalten, Desinfektionsmittel stehen bereit. Servicepersonal liefert Getränke direkt an den Tisch. Der besondere Clou: Aus dem Speisenangebot zahlreicher münsterscher Partnerrestaurants kann ebenfalls digital bestellt werden. Eigenes Besteck kann mitgebracht werden, Mehrwegbesteck ist auch verfügbar. Ein Zutritt ist entweder mit negativem Corona-Testergebnis, dem Nachweis einer vollständigen Impfung oder auch bereits erfolgter Genesung möglich.

Freibad Coburg

Ein gültiges negatives Testergebnis ist für den Besuch Voraussetzung. Außerdem müssen sich Gäste zuvor digital registrieren. Dies erfolgt über das vom Sportamt im vergangenen Jahr zur Online-Buchung für bestimmte Schwimmzeitfenster eingeführte Programm „Bäder-Suite“. Die Anzahl der zugelassenen Gäste ist begrenzt, Schwimmbecken sind unterteilt in drei unterschiedliche Tempozonen, um Abstandsunterschreitungen zu vermeiden.

Theater Münster

Auch das Theater Münster soll sich am Modellprojekt für vorsichtige Öffnungen beteiligen. (Foto: Thomas Hölscher)
Auch das Theater Münster soll sich am Modellprojekt für vorsichtige Öffnungen beteiligen. (Foto: Thomas Hölscher)

Für Juni ist eine dreiwöchige Vorstellungsphase im Großen Haus geplant. In Blockbespielung sollen Produktionen der Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Sinfoniekonzert gezeigt werden. Es gilt eine Maskenpflicht bis zum Sitzplatz, zudem ist ein gültiger negativer Schnelltest oder Nachweis der Genesung bzw. Impfung nötig. 145 Gäste können die Vorstellung verfolgen. Es gibt ein Wegeleitsystem und eine pandemiegerechte Lüftung. Der Kartenverkauf erfolgt ausschließlich online über „Eventim“ und für einen definierten Sitzplatz.

Wolfgang Borchert Theater

Eine Produktion und zwei bis sechs Vorstellungen pro Woche sind in einem der ältesten Privattheater Deutschlands möglich. Im Gebäude gilt die Maskenpflicht, ein gültiger negativer Schnelltest ist Einlass-Voraussetzung, außerdem sind ein Check-in über die Luca-App und feste Platzreservierung nötig. Stücke werden ohne Pause gespielt. Der Theatersaal verfügt über eine RLT-Lüftungsanlage. Es sind zunächst maximal 48 Plätze je Vorstellung zu vergeben.

Cinema / Kurbelkiste

Auch Kinobesuche sollen im Modellprojekt ermöglicht werden. Cinema und Kurbelkiste bieten Filmvorführungen an maximal vier Tagen pro Woche (3 bis 5 zeitversetzte Vorstellungen pro Tag) unter klaren Rahmenbedingungen an: Zutritt nur mit Negativtest oder nachgewiesener Immunisierung, Mundschutzpflicht im Gebäude, Datenerfassung, kontaktlose Bezahlung und Check-in über Luca-App. Mindestens ein Kinosessel bleibt zwischen getrennten Buchungen unbesetzt, eine Frischluft-Belüftung erfolgt dauerhaft.

Kap. 8

Das Stadtteilkulturzentrum des Bürgerhauses in Kinderhaus hat Bewegungs- und Weiterbildungsangebote sowie Theatervorstellungen im Pandemie-Portfolio. Dazu zählen beispielsweise das „Marktcafé“ im Außenbereich, ausgewählte Kreativ-Wochenendworkshops oder auch QiGong-Kurse. Dies alles mit beschränkter Teilnehmerzahl und unter den gängigen Vorkehrungen.

Theaterbühne im Kreativ-Haus

Das Ensemble „Impro 005“ plant an drei Terminen im Juni ein Improvisationstheater. Der Ein- und Auslass wird gesteuert, personalisierte Tickets mit dem Personalausweis abgeglichen, maximal 30 Prozent der üblichen Gesamtauslastung wird freigegeben. Pausen sind nicht vorgesehen. Es herrschen Maskenpflicht bis zum Platz und die bekannten AHA-Regeln, die Kontaktdaten der Gäste werden erfasst, Online-Tickets mit den Verhaltensregeln beschriftet.

Begegnungszentrum Meerwiese

Weiterbildungsangebote und Theatervorstellungen sollen im Begegnungszentrum Meerwiese angeboten werden. Der Saal des Hauses bietet sich für beschränkte Zusammenkünfte unter den bekannten Hygiene-, Test- und Verhaltensregeln an. Das Ticketsystem blockiert automatisch nicht zu besetzende Plätze, Tickets sind personalisiert.

Theater Pumpenhaus

Etwa 15 Theater- und Musikveranstaltungen sollen im Juni und Juli im Pumpenhaus vor jeweils bis zu 40 Gästen stattfinden können – unter aktueller Negativtestung oder Immunisierungs-Bescheinigung, Onlineticketing, Luca-App-Registrierung und mit Maskenpflicht bis zum Erreichen des Sitzplatzes.

Musikalischer Unterricht

Die e.V.-Musikschulen und die Westfälische Schule für Musik (WSfM) wollen Erwachsenen einen musikalischen Präsenz-Unterricht ermöglichen. Voraussetzung ist ein tagesaktueller negativer Schnelltest bzw. eine nachgewiesene Immunisierung. Die aerosolarme Instrumentenvermittlung (Streicher, Taste, Gitarre, Schlagwerk) kann in geschlossenen Räumen erfolgen.

Sportangebote

Münstersche Vereine und der Sportbund beteiligen sich an der Modellregion mit klar umrissenen Sportangeboten – dazu zählt unter anderem der Trainingsauftakt unter entsprechenden Vorkehrungen, also beispielsweise modifizierte Belegungspläne und Raumangebote, veränderte Gruppengrößen, lückenlose Dokumentation / digitalisierte Meldungen, Verzicht auf Gemeinschaftsduschen und -umkleiden etc.

Die so beteiligten Vereine und Verbände sind:
* Billard Sport Club (Billardspiel in Kleingruppen)
* Blau-Weiß Aasee (Training der integrativen Fußballteams)
* DJK Borussia Münster (Tischtennis und Badminton)
* Die Residenz (Tanztraining für Vereinsmitglieder)
* DJK Wacker Mecklenbeck (Trainingsstart)
* LG Brillux (Training außerhalb der Kader)
* Segelclub Hansa Münster (Kiepenkerlregatta)
* SportBildungswerk Münster (Aus- und Fortbildung von Übungsleiter/-innen)
* Stadtsportbund Münster (#Trotzdem Sport im Park – Münster bewegt sich wieder!, Eröffnung der Sportabzeichen-Treffpunkte)
* TG Münster (Rhythmische Sportgymnastik, Trampolin und Turnen)
* VGS Münster (Wiedereinstieg in den Sport)

 

Ralf Clausen

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