„Mode – das ist ein Stück weit mein Leben!“ 3. Folge der Serie „Mein FASD ganz normales Leben“ von Iris Brandewiede und Ingrid Hagenhenrich mit Brian

Brian: „Ich würde sagen, ich bin ein sehr selbstbewusster Mensch. Meinen Eltern war es immer sehr wichtig, dass ich weltoffen bin.“ (Foto: Ingrid Hagenhenrich)
Brian: „Ich würde sagen, ich bin ein sehr selbstbewusster Mensch. Meinen Eltern war es immer sehr wichtig, dass ich weltoffen bin.“ (Foto: Ingrid Hagenhenrich)

An dieser Stelle zeigen sich einmal im Monat starke Persönlichkeiten, deren Einschränkungen der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt sind. Häufig wird das Fetale Alkoholsyndrom (kurz FAS, anglo-amerikanisch auch Fetal Alcohol Spectrum Disorder/FASD) erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.

Impulsives Verhalten, Wutausbrüche und andere emotionale Auffälligkeiten können als Zeichen anderer Syndrome wie ADHS oder psychischen Erkrankungen verwechselt werden. Regelmäßig wird die Schwierigkeit, Regeln zu verinnerlichen, als Resultat mangelhafter Erziehung eingeordnet. Der Weg zu staatlicher Unterstützung und passgenauen Hilfen ist oft lang, leidvoll und von vielen Rückschlägen geprägt.

Fotografin Ingrid Hagenhenrich hat einen unvergleichlich liebevollen Blick auf die Menschen vor ihrer Kamera. Sie nimmt sich Zeit, jede spezielle Persönlichkeit zu portraitieren. Iris Brandewiede nähert sich ihnen mit Worten. In der dritten Folge der Serie treffen wir den 26-jährigen Brian.

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„Ich würde sagen, ich bin ein sehr selbstbewusster Mensch. Meinen Eltern war es immer sehr wichtig, dass ich weltoffen bin.“

Mein erstes Lebensjahr habe ich in meiner Ursprungsfamilie verbracht. Einjährig wurde ich aus einer völlig verwahrlosten Situation herausgeholt. Meine Erzeugerin war psychisch krank und süchtig, hat mich misshandelt und hungern lassen. Bis heute habe ich panische Angst, wenn im Kühlschrank Lebensmittel zu Ende gehen. Mein erster Gang, wenn ich nach Hause komme, ist immer zum Kühlschrank. Wenn ich weiß, alles ist da, ist alles gut. Mama – den Titel hat nur meine Pflegemutter verdient, den behält sie bis an mein Lebensende. Ab dem zweiten Lebensjahr hatte ich eine schöne Kindheit in der tollsten Familie der Welt, dafür bin ich unglaublich dankbar.

Wir hatten im Freundeskreis viele Menschen mit Behinderung. Ich habe die Sommerferien eigentlich mehr in Tilbeck verbracht als irgendwo anders, weil wir so oft den Barfußgang gelaufen sind und im Café waren. Ich habe auch auf ein Mädchen mit Trisomie 21 aufgepasst. Meine Eltern haben immer gewusst, dass ich eine Beeinträchtigung habe, und mich einfach früh in Kontakt mit behinderten Menschen gebracht. Das war für uns normal. Aber als meine Mutter vor meinem Umzug in die Wohngruppe sagte: „Brian, du kommst nach Tilbeck“, bin ich ausgerastet: „Ich geh nicht zu den Behinderten!“ weil ich ganz große Schwierigkeiten hatte, mir einzugestehen, dass ich behindert bin.

Auch den megatollen Lehrerinnen meiner Grundschule war klar, dass ich meine Einschränkungen habe, meine Mutter hat damals schon an das FAS gedacht. Als mir das FASD diagnostiziert wurde, war das trotzdem für mich der völlige Weltzusammenbruch.

Bis zum 10. Schuljahr war ich auf einer Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung, und später auf einer Waldorfschule, bin aber aufgrund diverser Schwierigkeiten leider ohne Abschluss geblieben. Dabei wäre ich so gerne Kosmetiker geworden!

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Mode, das ist ein Stück weit mein Leben. Ich finde ordentliche Kleidung sehr wichtig – gepflegtes Auftreten ist das A & O.

Als ich in der Schule war, waren Ralph Lauren und Lacoste in, da wollte ich diese Klamotten haben. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: „Mama, ich brauche Ralph Lauren und Lacoste“ – Meine Mutter hat gesagt: „Brian, wir werden deinen Kleiderschrank jetzt nicht mit Lauren und Lacoste ausstatten!“ Meinen Eltern war es wichtig, dass ich lerne, mir mein Geld einzuteilen. Ich verdiene heute nicht viel Geld, gebe es aber immer noch gern für Klamotten aus. Zu Geburtstagen und Festen wünsche ich mir Klamotten von meiner Family. Ich würde schon sagen, dass ich ein Stück weit verwöhnt bin. Ich achte überwiegend darauf, dass ich Marken kaufe, aber inzwischen häufig aus dem Sale, wenn es günstiger ist. Viel Hilfiger, viel Tom Tailor. Eine Zeitlang war ich jedes Wochenende shoppen.

Ich habe eine gesetzliche Betreuung für alle Bereiche, auch für das Finanzielle, und das ist auch gut so. Einmal gab es richtig Ärger mit meiner gesetzlichen Betreuerin. Da habe ich viel Geld für Klamotten ausgegeben, das eigentlich für andere Sachen bestimmt war. Inzwischen habe ich einen Einwilligungsvorbehalt – wenn ich Verträge schließe, sind sie ohne Zustimmung meiner Betreuerin nicht gültig.

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

André ist vor vier Jahren in meine damalige Wohngruppe gezogen. Damals hatte ich noch eine andere Beziehung und André war mit einem Mädchen zusammen. André und ich haben uns von Anfang an sehr gut verstanden, viel zusammen gemacht, viel miteinander unternommen. Ich habe schon während der Beziehung mit meinem Exfreund gemerkt, dass ich André sehr mag, und auch bei ihm war da was. Kurz bevor ich in meine eigene Wohnung gezogen bin, habe ich mich in ihn verliebt. Da wir leider Corona hatten, habe ich ihn ganz unromantisch per Whatsapp fragen müssen. Er hat nicht lange nachgedacht und hat ja gesagt. Jetzt sind wir schon zwei Jahre und vier Tage zusammen. Wir haben diese Woche unser Zweijähriges gefeiert.

Als ich meiner Mutter sagte: „Mama, ich bin schwul!“, sagte sie: „Das war mir immer klar.“
Meine Familie steht voll hinter mir, und auch hinter André. Am 24.09. ist der Heiratstermin.

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Die WG mit acht Bewohnern war eine gute Zeit. Das Gruppenleben war aber extrem anstrengend für mich. Ich musste immer alles mitkriegen und im Mittelpunkt stehen. Dazu kamen Konflikte mit den WG-Bewohnern, angefangen bei der leeren Butterpackung im Kühlschrank bis zu „Wer hat mein Shampoo benutzt…?“ Gruppe geht für mich eigentlich gar nicht. Wie viele Menschen mit FASD brauche ich klare Strukturen. Hier ist Kirsten zu sehen, die André und mich aus dem Gruppenleben kennt.

Ich lebe jetzt im stationären Einzelwohnen. Wenn ich keine Lust auf jemanden habe, mache ich einfach die Tür zu – und das war‘s. Für mich ist das ideal: Du hast deine eigene Wohnung, musst einkaufen, aufräumen, putzen und für alles sorgen. Aber du hast auch 24 / 7 eine Ansprechperson, wenn du Hilfe brauchst.

Beruflich arbeite ich als Betreuungsassistent in einer beschützenden Werkstatt – ich hatte schon immer eine soziale Ader. Betreuungsassistenz ist ein sogenannter „Werkerberuf“, das ist eine zweijährige Ausbildung. Mein Arbeitsbereich ist der „Fachbereich Intensive Arbeitsassistenz“. Die Klienten haben intensiven Betreuungsbedarf, sind zum Beispiel psychisch krank und werden eigen- oder fremdaggressiv. Wir haben Aufträge für die Autoproduktion, Sanitärbedarf, Tierfutter und so weiter, stehen aber nicht unter Termindruck wie andere Bereiche der beschützenden Werkstätten. Ein Klient fasst es so zusammen: „Mach ich morgen.“ Mit einer Klientin gehe ich jeden Tag spazieren. Ansonsten beschäftigen wir uns kreativ, zum Beispiel mit Singen, Malen, Basteln und Spielen. Eine meiner Klientinnen beruhigt sich, indem sie mit mir den Trickfilm „101 Dalmatiner“ schaut. Auch beim wasweißichwievielten Mal haben wir uns wieder kaputtgelacht.

Homepage von Ingrid Hagenhenrich: https://ingrid-hagenhenrich.com/

Hintergrund-Informationen über das FASD gibt es u.a. hier:
Biographie einer jungen Frau mit dem FASD: agenda-verlag.de
„Chaos im Kopf“ – dein FASD Podcast: www.chaosimkopf.info/
Institut FASD Münster: www.institut-fasd.de
FASzinierendD – Homepage von Ralf Neier: faszinierend.org
Fachhochschule Münster – Weiterbildung zur FASD-Fachkraft: www.fh-muenster.de

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