Mariupol – Münster – und nicht zurück Unsere Kolumnistin Iris Brandewiede sucht ein Zuhause für ein Ehepaar aus der Ukraine und drei Katzen

Autorin mit haarigem Gast. (Foto: privat)
Autorin mit haarigem Gast. (Foto: privat)

Eine regelmäßige Katzenkolumne mit herzigen Katerbildern wäre sicher keine schlechte Strategie, die Auflage von ALLES MÜNSTER zu erhöhen. Autorin Iris Brandewiede nutzt stattdessen aus aktuellem Anlass ausnahmsweise unsere Reichweite, um die Suche nach einem Zuhause für ein Ehepaar aus Mariupol und ihre Haustiere zu unterstützen.

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Seit vier Wochen beherbergen wir drei haarige Gäste. Die charmanten Kater aus Mariupol bereichern unseren Alltag und schenken uns von früh bis spät ihre Aufmerksamkeit. Dabei hätten sie jeden Grund zum Groll, denn ihre lange Reise nach Münster haben sie vollkommen unfreiwillig angetreten:
Das Leben war schön, am Asowschen Meer. Ein gutes Jahrzehnt lang hatten die drei ihre Halter Sascha und Natascha, das Haus und den Garten für sich. Vor einem halben Jahr wurde es mit einem jungen Schäferhund und den Katzenbabys Mascha und Dascha nochmal richtig lustig.
Dann kam der Krieg, es wurde ernst. Angst und Stress zogen ein. Alle wohnten jetzt im Keller. Es war nicht auszuhalten.

Sascha und Natascha hörten sich um. In Deutschland, hieß es, könnten sie ihre Tiere halten, wenn veterinärmedizinisch alles in Ordnung sei. Noch zu Hause wurden die sechs entwurmt und gechipt. Mit allen Tieren im Auto floh das Paar Richtung Münster. Die notwendige Tollwutimpfung gab es gratis an der polnischen Grenze. Nach mehr als dreißigstündiger Fahrt kam die Reisegruppe endlich für die erste Nacht bei Verwandten in Gievenbeck unter.
Völlig übermüdet realisierten sie am nächsten Tag, dass der Weg zum gemeinsamen Neuanfang noch weit sein würde: In Notunterkünften ist Haustierhaltung nicht erlaubt.

Tage zuvor hatten Bilder von Menschen auf der Flucht mit Haustieren im Arm dazu geführt, dass wir uns bei der örtlichen Behörde als Pflegestelle für eine Katze registrierten. Samstags kam telefonisch die Anfrage, ob wir bereit seien, „drei alte Kater aufzunehmen, die schon ihr Leben lang zusammen sind.“
Eine Stunde später stand ich an der Oxford-Kaserne. Natascha stellte mir die drei Kater vor, ihre Verwandte Olga übersetzte. Ich wies mich mit Händen, Füßen und einem Foto unserer verstorbenen Katze als Expertin aus und versuchte mit klopfendem Herzen, so viel der Informationen wie möglich aufzunehmen. Einige Unterschriften fürs städtische Veterinäramt und eine große Übergabe von Futtermitteln später befand ich mich mit drei Lebewesen in Transportboxen auf dem Weg in ihr vorübergehendes Zuhause.

Mutiger Entdecker (Foto: privat)

Kusza füllt trotz seiner dreizehn Jahre den Posten als Chef des Rudels gewissenhaft aus. Jeden Menschen prüft er wohlwollend, mampft freudig dargebotenes Futter. Ihn schreckt kein Spinnengewebe in dunklen Winkeln, selbst schwindelnde Höhen erkundet er wie ein Halbstarker mit beherztem Sprung aus dem Stand. Ruhe findet er in Kartons und Kisten. Beim Anblick von Menschen mit Wolldecke auf dem Schoß verwandelt er sich spontan zum Katzenkind, trampelt sich ein gemütliches Nest zurecht und streckt alle Viere von sich.

 

Wann gibt’s Essen? (Foto: privat)

Filja hätte als zwölfjähriger Eigenbrötler definitiv keinen Umzug gebraucht. Tapfer stellt er sich der neuen Lebenssituation. Diese Anstrengung musste er mit tagelang hohem Fieber bezahlen. Seit er über den Berg ist, erlaubt er den Menschen, sein Fell auf Hochglanz zu bürsten und meldet sich freiwillig zur Essensvorbereitung.

 

Fädchenfreund beim Fangenspiel. (Foto: privat)
Fädchenfreund beim Fangenspiel. (Foto: privat)

Kirja ist mit neun Jahren der verspielte Jungspund. Er apportiert jedes Fädchen. Sein größtes Glück ist ein geduldiger Mensch am Ende einer Angel mit langer Schnur und danach der sichere Halt starker Arme. Ihm hat die Flucht besonders zugesetzt. Panikattacken jagen ihn ohne Vorankündigung durchs Haus, bis das nächste Fädchen ihn aus der Not erlöst und er als fröhlicher Hüpfer neu beginnt.

 

Nach vier Wochen ist klar: Wir sind in bester Gesellschaft dreier Tiere, die ihr Leben lang bestens versorgt und von Herzen geliebt wurden. Ihren Menschen war kein Weg zu weit und keine Strapaze zu groß, um in Frieden zusammenbleiben zu können.

Deshalb folgt ohne weitere Pointe einfach die Bitte an euch, liebe Leserinnen und Leser:
Wenn ihr einen Tipp habt, wo Natascha und Sascha ein Zuhause von bis zu 70 Quadratmetern finden, in dem Tierhaltung erlaubt ist – schreibt eine Mail an ibrandewiede(at)web.de !

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