„Freiheit – das ist absolut mein Ding!“ 2. Folge der Serie „Mein FASD ganz normales Leben“ von Iris Brandewiede und Ingrid Hagenhenrich mit Tobi aus Havixbeck

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)
(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

An dieser Stelle zeigen sich einmal im Monat starke Persönlichkeiten, deren Einschränkungen der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt sind. Das Fetale Alkoholsyndrom (kurz FAS, angloamerikanisch auch Fetal Alcohol Spectrum Disorder/ FASD) wird bei vielen Betroffenen erst im späten Jugendalter diagnostiziert.

Kinder, die vor ihrer Geburt dem Alkoholkonsum der werdenden Mutter ausgesetzt sind, können während des Heranwachsens schwere Einschränkungen zeigen, selbst wenn sie augenscheinlich als gesunde Babys zur Welt kommen. Ihre Symptome werden oft mit anderen Syndromen wie ADHS oder psychischen Erkrankungen verwechselt. Regelmäßig werden die Auffälligkeiten der Kinder auch als Resultat mangelhafter Erziehung eingeordnet. Der Weg zu staatlicher Unterstützung und passgenauen Hilfen ist oft lang, leidvoll und von vielen Rückschlägen geprägt.

Fotografin Ingrid Hagenhenrich hat einen unvergleichlich liebevollen Blick auf die Menschen vor ihrer Kamera. Sie nimmt sich Zeit, jede spezielle Persönlichkeit zu portraitieren. Iris Brandewiede nähert sich ihnen mit Worten. In der zweiten Folge der Serie treffen wir den 19-jährigen Tobi aus Havixbeck.

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Dass ich FASD habe, ist spät rausgekommen, durch eine Intelligenztestung. Mit meiner Konzentration war es besonders schwierig. Es kam zur Diagnostik. Ich lerne, mit FASD zu leben. Gegen meine Vergesslichkeit habe ich einen einfachen Trick entwickelt: Ich schicke Textnachrichten an meine Freunde, zum Beispiel: „Heute gehe ich einkaufen.“ Mein Freund denkt dann zwar: „Interessiert mich doch nicht“, aber ich will mich ja erinnern. Er spricht mich darauf an und dann weiß ich es wieder. Das FASD kann sogar Vorteile haben: Meine Kreativität ist ganz groß geworden.

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)
(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Hier bin ich gerade am Bretter-Besprühen, das macht mir so Spaß, weil ich mich damit kreativ ausleben kann. Ich hatte eine schwere Zeit und wusste nichts mit mir anzufangen. Dann habe ich irgendwann mit dem Brennpeter auf ein Brettchen geschrieben. Dann dachte ich: „Das kann ich doch auch auf großen Brettern machen!“ Irgendwann sind alle Brennpeter kaputt gewesen, weil ich die so viel benutzt habe. Da bin ich auf die Idee gekommen, mit Edding aufs Brett zu schreiben und über zu lackieren. Das ist das Sprayen.

Mein Thema beim Sprayen ist das Preppen. Das macht mich glücklich. Prepper sind Menschen, die sich auf Krisen vorbereiten – und das war in der Coronazeit ja ein großes Thema. Ich stelle mir eine Ausrüstung zusammen. Eine echte Prepper-Ausrüstung nach meinen Wünschen klappt allerdings vom Budget her nicht – das wäre dann im vierstelligen Bereich. Deshalb nenne ich mich einen Pseudo-Prepper: Ich habe meine Hüfttasche, die ist immer dabei. Daran hängt die Maske, auf der steht „Doomsday Prepper“. In der Hüfttasche habe ich Notizbücher und einen Eddingstift, eine Feldflasche mit Leitungswasser und meine Zigaretten.

Mit dem Preppen versuche ich, meine Träume zu verwirklichen, und mit dem Sprayen bringe ich die Ideen aus meinem Kopf aufs Brett.

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)
(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Ich habe meine Freundin Lena am 27.9.2020 kennengelernt. Das war eine lustige Geschichte. Ich war für einen Tag zum „Probewohnen“ in der Wohngruppe, in der wir jetzt zusammenleben. Lena war damals schon dort, ich bin aus einer anderen Wohngruppe ausgezogen und war auf der Suche. Nach dem Probewohnen hat Lena mich zusammen mit einer Betreuerin nach Hause gebracht.

Abends saß ich mit einem Freund zusammen. Mein Freund hat einen Brief auf meinem Bett gefunden. Er meinte zu mir: „Alter – du hast ne Freundin…?!“ – Am nächsten Tag war ich bei meinem Praktikum in Tilbeck. Da war ich zusammen mit den Gärtnern am Laubfegen, ich weiß noch genau, es war elf Uhr morgens, da kam Lena an uns vorbei. Da hat es gefunkt.

Ich habe sie direkt gefragt: „Sind wir jetzt eigentlich zusammen?“ Und sie hat ja gesagt. Seitdem sind wir fest zusammen. Lena hat mir schon oft aus der Scheiße geholfen. Die Scheiße ist meistens der Alkohol. Sie sagt mir jeden Tag aufs Neue: „Du schaffst das, ich weiß das ist anstrengend, zieh das trotzdem durch.“ Sie ermutigt mich, weiterzumachen und nicht aufzugeben. Alkohol ist und bleibt für mich ein Problem.

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)
(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Ich brauche Struktur und meine Ruhe. Meine Betreuer wissen das auch. Schon früher in den Ferien war ich am liebsten draußen. Ich habe eine Plane im Garten meiner damaligen Wohngruppe abgespannt und darunter geschlafen. Im Garten meiner jetzigen Wohngruppe habe ich angefangen, mir eine Hütte aus Paletten zu bauen. Ich brauche noch mehr Baumaterial, aber den Anfang habe ich schon geschafft. In der Hütte kann ich mich zurückziehen, habe meine Ruhe und kann so sein, wie ich gerne möchte. Hier sitze ich mit meiner Freundin auf den Paletten. Mit ihr zusammen habe ich auch schon draußen übernachtet. Wenn du morgens aufwachst und die Sonne geht auf – das ist so ein schönes Gefühl von Freiheit. Und Freiheit, das ist absolut mein Ding.

Homepage von Ingrid Hagenhenrich: https://ingrid-hagenhenrich.com/

Hintergrund-Informationen über das FASD gibt es u.a. hier:
Biographie einer jungen Frau mit dem FASD: https://agenda-verlag.de/produkt/selina-spetter-ich-lasse-mich-nicht-unterkriegen-solange-worte-meine-wut-besiegen/„Chaos im Kopf“ – dein FASD Podcast https://www.chaosimkopf.info/
Institut FASD Münster https://www.institut-fasd.de/Startseite/
FASzinierendD – Homepage von Ralf Neier https://faszinierend.org/

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