„Nichts ist unmöglich“ 7. Folge der Serie „Mein FASD ganz normales Leben“ von Iris Brandewiede und Ingrid Hagenhenrich mit dem 16-jährigen Niklas-Wilson aus Ochtrup

Niklas-Wilson mit aussagekräftigem Outfit. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)
Niklas-Wilson mit aussagekräftigem Outfit. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)

An dieser Stelle zeigen sich einmal im Monat starke Persönlichkeiten, deren Einschränkungen der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt sind. Kinder, die während der Schwangerschaft dem Alkoholkonsum einer suchtkranken Mutter ausgesetzt sind, tragen nicht selten bleibende Schädigungen davon. Viele von ihnen kommen als vermeintlich gesunde Babys zur Welt: Das Fetale Alkoholsyndrom (kurz FAS, angloamerikanisch auch Fetal Alcohol Spectrum Disorder/ FASD) wird bei vielen Betroffenen erst im späten Jugendalter diagnostiziert.

Ihre Symptome werden oft mit anderen Syndromen wie ADHS oder psychischen Erkrankungen verwechselt, gerade wenn der Alkoholkonsum unbekannt ist oder nicht thematisiert werden kann. Regelmäßig werden die Auffälligkeiten der Kinder als Resultat mangelhafter Erziehung eingeordnet. Der Weg zu staatlicher Unterstützung und passgenauen Hilfen ist oft lang, leidvoll und von vielen Rückschlägen geprägt.

Fotografin Ingrid Hagenhenrich hat einen unvergleichlich liebevollen Blick auf die Menschen vor ihrer Kamera. Sie nimmt sich Zeit, jede spezielle Persönlichkeit zu portraitieren. Iris Brandewiede gibt ihren Worten Raum. In der siebten Folge der Serie treffen wir den 16-jährigen Niklas-Wilson aus Ochtrup.

(Foto: Ingrid Hagenhenrich)
(Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Das Bild drückt meine sportliche Vielfalt aus. Ich spiele sehr viel Basketball, gerne auch Tischtennis. Die Höhe deutet an, dass ich auch gerne Parcours laufe.

Ich fixiere mich nicht nur auf eine Sportart und habe keine Angst davor, etwas Neues auszuprobieren. Im Sport kanalisiere ich vieles. Ich habe zum Beispiel gelernt, meine Wut, wenn ich in der Schule etwas nicht kann, aufzuschieben. Ich bleibe auf mein Ziel gerichtet, einen guten Schulabschluss zu erreichen. Alles, was ich in der Schule aufstaue, wandle ich zu Hause in Kraft und Energie um. Ich pumpe alles in den Sport rein und kann mal richtig die Sau rauslassen. Joggen mache ich für meine Ausdauer. Im Sommer gehe ich auch gerne Turmspringen im Freibad. Die meisten trainieren Parcours im Verein, ich mache es eher privat und überall, wo ich bin –  auch beim Spazieren gehen oder auf Spielplätzen. Ich halte die Gegend im Blick, gucke, ob es mir gut geht, ob es passt – und ab dafür!

Radschlag, Flickflack, Salto… Für mich ist es eine Sportart, bei der du das Maximale aus dir rausholen musst. Du weißt, wenn du etwas falsch machst, kannst du im schlimmsten Fall sterben. Das ist ein Adrenalinkick, für den du kein Geld bezahlen musst. Du musst dich 100 % auf dich und deinen Körper verlassen.

Basketball ist Niklas' Lieblingssportart. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)
Basketball ist Niklas‘ Lieblingssportart. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Das Bild drückt unfassbar viel aus. Wenn du einen Ball in der Hand hast und damit spielst, dann ist das ein Mega-Gefühl, das zu mir passt. Beim Basketballspielen ist dein Kopf völlig frei von anderen Gedanken. Du lernst, dich auf einen Punkt zu fixieren, und ich habe gemerkt, dass ich da gut drin bin.

Ein Jahr lang habe ich im Verein gespielt. Das wurde wegen Corona abgebrochen. In der Schule spiele ich in jeder Pause mit meinen Klassenkameraden und privat mit meinen Freunden. Wir spielen auf Streetbasketballkörbe und nehmen auch einfach einen Fußball, wenn gerade kein Basketball da ist.

Beim Basketball kann ich das Beste aus mir rausholen und habe mehr Erfolgserlebnisse als beim Fußball. Ich habe nicht genug Ausdauer, um wirklich gut im Fußball zu sein. Im Basketball kannst du zehn bis fünfzehn Minuten megapowern. Selbst wenn du ein Spiel verlierst, hast du ein Erfolgsgefühl, weil du in jedem Spiel einen Korb werfen kannst. Und du kannst Punkte machen, auch wenn du verlierst.

Niklas genießt die Ruhe am Wasser. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)
Niklas genießt die Ruhe am Wasser. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Hier bin ich zuhause an unserem See. Ich mag es, mit dem Kajak aufs Wasser rauszufahren. Das ist befreiend, weil ich sonst eher Extremsport mache. Auf dem Wasser ist es einfach schön, alleine rumzufahren und nebenbei die Arme ein bisschen zu trainieren. Das gibt mir ein entspanntes Gefühl, weil ich entscheide, was ich mache, wie ich es mache, wann ich es mache. Wenn ich viel um die Ohren hab, dann mache ich das gerne. Man kann gut nachdenken, weil es sehr ruhig ist auf dem Wasser. Das ist einfach eine andere Atmosphäre, als wenn du auf deinem Stuhl in einer ruhigen Ecke sitzt. Da werde ich mir darüber klar, was für Ziele ich habe, und wie ich die als nächstes angehe.

Schulisch habe ich das Ziel, meinen Hauptschulabschluss zu machen. Danach möchte ich auf ein Berufskolleg, um meinen Realschulabschluss zu machen. Mein Berufswunsch wäre, Steward bei einer Flug-Airline zu sein. Ich glaube, dass das gut zu mir passt, weil ich flexibel bin. Ich kann gut mit verschiedenen Leuten umgehen und ich kann sehr gut Englisch.

In nächster Zeit möchte ich einen Motorradführerschein machen, wahrscheinlich mit meinem Autoführerschein zusammen. Dann möchte ich mit meiner Freundin rumfahren, die auch ihren Führerschein macht. Was die Lebensplanung angeht, bin ich für alles offen. Ich würde sagen, mal schauen, was das Leben bereithält. Eine Familie gründen oder alleine leben – da guck ich einfach. Ich wünsche mir, dass wir zusammenbleiben und zusammen glücklich sind. Das Schönste, was ich mir vorstellen kann, wäre in einem schönen Haus mit einem schönen Auto und meiner netten Frau, vielleicht mit ein, zwei Kindern im Garten zu sitzen.

Das ich FAS (das sogenannte „Vollbild“ des FASD, Anm. d. Red.) habe, weiß ich schon immer. Ich sehe es im Gegensatz zu vielen anderen nicht als Last. Ich sehe sogar Pluspunkte, zum Beispiel habe ich durch das FAS auch in die Wiege gelegt bekommen, sozial zu sein und mich in andere hineinzuversetzen. Es gibt Leute, die durch das FAS viel stärker eingeschränkt sind. Da bin ich sehr dankbar, dass ich davon nicht betroffen bin. Man sieht es mir nicht an, wenn man mich auf der Straße trifft.

Ich glaube, dass ich anderen Menschen helfen kann, die in der gleichen Situation sind wie ich. Ich habe mich zum Beispiel bei einer Agentur beworben, um als Mediencoach zu arbeiten. Da geht es darum, über die Chancen und Gefahren von Mediennutzung zu erzählen. Ich möchte Jugendlichen und Betreuern weitergeben, was man Cooles mit Medien machen kann. Durch Leben in einer Wohngruppe ist auch meine Mediennutzung von Erwachsenen bestimmt. Da finde ich es gut, als Jugendlicher mein Wissen weiterzugeben.

Ich möchte mich als Erwachsener weniger mit FASD beschäftigen. Das habe ich, seit ich ein Kind bin, eigentlich schon viel zu viel gemacht. Du kannst das nicht in medizinische Begriffe fassen. Ich weiß, was ich kann ich und wie es bei mir ist. Anderen Leuten möchte ich nur den Tipp geben, das auch zu machen, sich auf sich zu fokussieren und ihre Stärken und Grenzen herauszufinden.

Nichts ist unmöglich. Wenn du weißt, wie weit du gehen willst, fängst du einfach an. Dann wirst du schon merken, wann du auf die Schnauze fällst oder wie weit du kommst. Das Wichtigste ist für mich, dass ich stolz auf mich sein kann.

Homepage von Ingrid Hagenhenrich: https://ingrid-hagenhenrich.com/

Hintergrund-Informationen über das FASD gibt es u.a. hier:
Biographie einer jungen Frau mit dem FASD: https://agenda-verlag.de/produkt/selina-spetter-ich-lasse-mich-nicht-unterkriegen-solange-worte-meine-wut-besiegen/„Chaos im Kopf“ – dein FASD Podcast https://www.chaosimkopf.info/
Institut FASD Münster https://www.institut-fasd.de/Startseite/
FASzinierendD – Homepage von Ralf Neier https://faszinierend.org/

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