Eminem eingebürgert! Designstudent Linus Twents gewährt Einblicke in seine Graffiti-Kunst

Designstudent Linus Twents vor seinem wahrscheinlich bekanntestem Graffiti in Münster- Eminem hat er 2024 in der Nähe vom Skaters Palace gemalt. (Foto: Bastian E.)

Die Graffiti-Szene in Münster ist für die meisten Laien nur eine bunte Unbekannte. Spätestens seit November 2024 jedoch ist zumindest ein prominentes Gesicht, das man nach wie vor am Industrieweg an der Brücke Ecke Skaters Palace bewundern kann, vielen im Gedächtnis geblieben: Marshall Mathers, besser bekannt als Eminem. ALLES MÜNSTER hat mit seinem Schöpfer, dem Designstudenten Linus Twents, gesprochen.

An dieser Stelle sei gesagt, dass ALLES MÜNSTER sich ganz klar von illegaler Sachbeschädigung durch Graffiti distanziert und der Graffiti-Künstler in unserem Interview seine Kunst auf legalen Flächen verewigt und selbst dafür haftet. Eine von der Stadt Münster freigegebene Fläche ist derzeit die Stützmauer am Industrieweg, wo wir uns zum Interview treffen.

 ALLES MÜNSTER: Moin Linus, schön dass du dich bereit erklärst, uns einen kleinen Einblick in die Graffiti-Szene in Münster zu geben. Es herrschen heute zwar null Grad Außentemperatur, aber du bist trotzdem gerade dabei, dein ganz neues Kunstwerk fertigzustellen und wir dürfen ein bisschen dabei zusehen. Wenn ich das richtig sehe, malst du gerade Tai Lung den Schneeleoparden aus Kung Fu Panda. Woher stammen die Ideen, wie suchst du dir die Motive aus?

Linus: Also, ich glaube viel von dem, was ich so male, sind Dinge aus meinem Leben oder was mich im Alltag irgendwie begleitet. Oft höre ich zum Beispiel einen Rapper über längere Zeit und überlege dann, wie so eine Hommage durch Graffiti aussehen könnte. Die Gedanken werden dann zunehmend verbindlicher: „Was gefällt mir, was könnte cool aussehen?“

Also du machst jetzt nicht so auf „Fishing for Compliments“ weil du weißt, Eminem kommt auf jeden Fall super an?

Ich muss sagen, als ich meine ersten Sachen auf Social Media geteilt hatte, die so ein bisschen viraler gegangen sind, da habe ich dann schon kurz überlegt: Okay, was könntest du jetzt als nächstes machen? Aber nicht mit dem Gedanken, was bringt dir Likes, sondern was ist authentisch.

Wie darf man sich die Vorgeschichte rein technisch für eins deiner Kunstwerke vorstellen? Erstellst du eine Skizze am Computer vorab, misst du vor Ort die jeweilige Fläche der Wand aus?

Wenn ich Comic-Style oder ein bisschen eigenes Zeug mache, dann skizziere ich das entweder auf Papier, oder auf meinem iPad. Auf die Wand selber ziehe ich dann mit der Dose ein Raster, quasi wie ein Schachbrett.

Ich mache davon ein Foto und in Procreate kann man ein Bild was man gemacht hat, über ein anderes drüber legen und das dann verdünnen. Das heißt, ich sehe dann sozusagen, okay, der Umriss von meinem Kopf schneidet zum Beispiel Feld 4 von oben rechts, und so kann ich dann die Proportion genau auf die Wand bringen.

Weil, wenn man realistisch malt, dann sieht man es wirklich sofort, wenn ein Zentimeter „off ist“, zum Beispiel am Auge oder so, das sieht man.

Was entstehen eigentlich für Materialkosten für so ein Kunstwerk? Du hast endlos viele Spraydosen mitgebracht, die du für dein aktuelles Graffiti benötigst. Gibt es auch Farben mit besonderen Eigenschaften, zum Beispiel „glow in the dark“ würde mir jetzt spontan einfallen?

Beim Character-Malen braucht man viele Farben, aber man macht die Dosen meistens gar nicht komplett leer. Es gibt ja auch unterschiedliche Sprühstärken, und wie du mit „glow in the dark“ ansprichst, auch Farben mit besonderen Eigenschaften. Verschiedene Caps ermöglichen dir dicke Linie oder dünne Linie und es gibt Dosen, da ist mehr Druck drauf als auf anderen. Sprich, mehr Druck ermöglicht schnelles Sprühen und große Linien, weniger Druck ermöglicht dir mehr Details und kleine Linien. Also wenn ich bisschen größer male, liegt der Kostenpunkt bei ca. 150 Euro pro Bild, die Dose etwas unter 5 Euro. Es hängt generell vom Bild und der Dauer ab.

Du sprichst von Bild und von malen. Ist das dann auch so der Terminus, den man benutzt?

Ja, ich sage schon Bild. Malen und Sprühen finde ich beides okay. Man muss sich da, finde ich, jetzt nicht einen besonderen Sprachgebrauch aneignen, nur um auszudrücken, dass man Teil der Graffiti-Szene ist.

Eminem alias Marshall Mathers (Foto: Bastian E.)

Lass uns mal auf dein bekanntestes Kunstwerk zu sprechen kommen, den Münster Marshall Mathers – Eminem! Seit November 2024 wird dein Kunstwerk hier bewundert, tatsächlich auch von Kids. Der kleine Junge, der hier gerade während unseres Gesprächs dazukam, hat dir direkt mal ein großes Lob ausgesprochen. Wie lange hast du für Eminem von Skizze bis zur Fertigstellung gebraucht?

Die Skizze hat in dem Fall nicht so lange gedauert, weil es da einfach eine Fotovorlage ist. Gemalt habe ich zwei Tage, ca. 6 bis 8 Stunden. So ein Kunstwerk ist schon sehr zeitintensiv.

Ist das eigentlich vom Copyright okay, wenn man eine Person des öffentlichen Lebens einfach so an die Wand bringt?

Ich bin mir schon ziemlich sicher, dass es eigentlich geht. Es ist ja auch nicht kommerziell, kein Arbeitsauftrag. Ich glaube es wird jetzt nur einer schimpfen, wenn er durch dich hässlich getroffen wird.

Gibt es einen Ehrenkodex in der Graffiti-Szene, was so die Halbwertzeit betrifft von den Kunstwerken? Wann darf man zum Beispiel die Kunst eines anderen übermalen? Eminem ist zum Beispiel jetzt fast 1 ½ Jahre zu sehen und tatsächlich hat er bisher nur von einem Unbekannten rote Augen angemalt bekommen, ansonsten ist das Bild unbeschadet.

Ja, Eminem hat lange gehalten. Da war keiner dran, außer Wind- und Wetter. Was das Übermalen betrifft: Man sieht sich halt immer die Kunstwerke der anderen unter verschiedenen Gesichtspunkten an. Wie viel Farbe wurde da verwendet? Ist das Bild vielleicht besser als mein geplantes? Wie aufwendig war das Bild, wie aufwendig wird mein Bild sein? Da müsste man dann den Vergleich ziehen.

Man muss auch Respekt zollen und sagen können, das Kunstwerk ist so geil, das lässt du einfach länger stehen. Die Ur-Regel ist eigentlich, über einen Tag darf ein Throw up drüber, über ein Throw up darf ein Color Piece drüber. Klar ist aber, irgendwann wird dein Kunstwerk übermalt, das passiert sowieso. Wichtig ist nur, wenn du ein Kunstwerk übermalst, dass du es komplett übermalst und nicht einen Bereich einfach stehen lässt.

Urbane Kunst am Hawerkamp. (Foto: Bastian E.)

Wie lange malst du jetzt eigentlich schon Graffiti?

Seitdem ich 13 bin. Ich bin jetzt 22, also ich bin schon eine Weile dabei. Anfangs habe ich nur so Buchstaben gemalt, bin dann aber zu Figuren übergegangen von Comics bis Manga.

Tauscht man sich eigentlich auf Social Media über die Kunst aus? Und wie gut ist Münster in der Graffiti-Szene aufgestellt? Gibt es da womöglich Hate aus anderen Städten, so nach dem Motto „Oh je, Münster. Wir können es besser!“?

Ich würde auf jeden Fall sagen, dass Münster von der Graffiti-Szene her sehr gut dasteht. Viel Qualität, auch so im Vergleich zu anderen Städten. In anderen Städten wird vielleicht ein bisschen „rotziger“ gemalt, voll viel Chromschwarz und so. Hier in Münster herrscht aber schon ein hoher Standard und es gibt viele Full-Color-Pieces. Der Austausch über Social Media findet definitiv statt.

Wie sieht es mit der Anonymität in der Szene aus? Dich zum Beispiel dürfen wir mit Klarnamen nennen, worauf wir uns vorher geeinigt haben.

Ich trete mit vollem Namen auf, weil ich ja nichts Illegales mache. Ich studiere zudem Design an der FH Münster. Daher zeige ich meine Kunst auch gerne auf Social Media und nutze das als Plattform. Ich hoffe auf jeden Fall, dass ich irgendwann mit Aufträgen mein Geld verdienen kann, dass sich schöne Projekte ergeben.

Linus, vielen Dank für das nette Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Mehr Infos über die Ordnungspartnerschaft Graffiti und die Flächen für legale Graffiti in Münster könnt ihr unter https://www.stadt-muenster.de/ordnungsamt/allgemeines-ordnungswesen/graffiti finden.

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Hier folgt noch eine kleine Werkschau von Graffitis unterschiedlicher Künstler in Münster:

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