„Einfach vernünftige Menschen“ Simon Stäblein begeisterte am Sonntagabend im Kap.8 / ALLES MÜNSTER führte vor dem Auftritt ein Interview mit dem Comedian

Comedian Simon Stäblein begeisterte am Sonntagabend im Kap.8. (Foto: Bastian E.)

Mitte August moderierte Comedian Simon Stäblein das große NightWash-Open Air bei uns vor dem Schloss, was vielen Newcomern der Comedy-Szene eine Bühne vor toller Kulisse bot. Typisch für Münster war an dem Tag leider auch das Wetter. Am Sonntagabend wollten wir in unserem Interview vor seinem Auftritt im Kap.8 im Bürgerhaus Kinderhaus daher mal persönlich nachfragen, wie sehr er Münster schon vermisst hat.

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ALLES MÜNSTER: Wie ist der aktuelle Beziehungsstatus Münster vs. Simon nach dem doch sehr nassen Auftritt neulich? Kriegen wir den von ‚kompliziert‘ wieder auf BFF-Niveau?

Simon Stäblein: Ich bin unabhängig vom Wetter, einfach immer gerne hier. Also ich habe schon sehr viele Shows hier gehabt, auch damals mit der Hörsaal-Comedy, und Münster war immer einer der Termine, die so ein absolutes Highlight waren, wo man immer wusste, hier brennt die Hütte.

Und Humor können wir, oder sind wir zu akademisch?

Könnt ihr. Mit einem Hauch akademisch. Einfach vernünftige Menschen.

Dein aktuelles Programm heißt „Absolute Frechheit“. Was würdest du persönlich als solche bezeichnen?

Diesen Kaffee!!!

Deine Show lebt ein wenig von Verkehrsunfällen, nicht nur auf Blechschäden bezogen, und du bist bekennender Gerne-Huper. Bei uns in der Fahrradhauptstadt ist die Klingel die Hupe. Kämst du bei dem Konzept unter die Räder?

Ich sag mal so, ich finde Fahrradfahren per se ja gut und ich finde es auch gut, dass die Autos aus Innenstädten eher raus sollen und so. Ich finde das schon gut, aber in Köln fahre ich halt einfach nicht Fahrrad. Ich will halt einfach leben.

Du hast am 3. September auf Instagram in einem Video zu der Ausladung von Alphaville auf einem Festival Stellung bezogen, auf dem politische Äußerungen offensichtlich nicht erwünscht waren, und deinen Beitrag mit eindeutigen Hashtags versehen. Findest du, dass man als Comedian auch eine Art Bildungsauftrag seinem Publikum gegenüber hat und gesellschaftliche Missstände wie den Rechtsruck im Land thematisieren sollte?

„In Köln fahre ich nicht Fahrrad. Ich will halt einfach leben“, sagte Simon Stäblein im Interview mit ALLES MÜNSTER. (Foto: Bastian E.)
„In Köln fahre ich nicht Fahrrad. Ich will halt einfach leben“, sagte Simon Stäblein im Interview mit ALLES MÜNSTER. (Foto: Bastian E.)

Also Bildungsauftrag weiß ich nicht, ob das das richtige Wort ist. Kunst und Haltung lassen sich einfach nicht voneinander trennen. Kunst ist Haltung, Kunst entsteht aus Haltung. In mein Programm fließt alles mit ein. Meine Werte, meine Überzeugungen, das lässt sich gar nicht voneinander trennen. Und selbst wenn ich es nicht aktiv sage, sollte jeder, der in meinen Shows sitzt und einigermaßen geradeaus schauen kann, wissen, wo ich stehe und wofür ich stehe.

Diese Veranstalter wollten das unpolitischste Festival haben und durch den Barbara Streisand-Effekt haben sie das politischste Festival bekommen, das sie hätten haben können.

„Ich bin noch kein Ziel rechter Trolle geworden“

Die öffentlichen Kommentare unter deinem Statement waren durchweg positiv. Wie viel mediale Sittenverrohung schlägt dir aber in den privaten Nachrichten entgegen und wie gehst du damit um?

Ach, bei mir ist das ehrlich gesagt wirklich überschaubar. Ich bin noch kein Ziel rechter Trolle geworden, ich bin jetzt ja auch kein Aktivist. Also meine Inhalte sind schon Comedy, die zwar immer zumindest eine subtile Richtung verfolgen und so, aber ich ziehe ja jetzt nicht aktiv irgendwie Kontroversen auf mich. Wer diametral zu meinen Äußerungen auf der Bühne steht, der kann gerne woanders hingehen.

Zu KI-Comedians zum Beispiel?

[Simon Stäblein lacht] Genau, das ist ja auch so geil, dass die Rechten sich nur noch irgendwelche KI-Songs reinschrauben können, weil alle Künstler sich gegen die Verwendung ihrer Musik von Rechts positionieren. Diese KI-Grütze, die auf den rechten Accounts läuft, das war das Allerschlimmste, was man so mitbekommen hat.

Wie wichtig ist Social Media für dich als Comedian?

Es ist Segen und Fluch zu absolut gleichen Teilen, denn man ist halt sein eigenes Marketing, sein eigener Motor. Ich habe zu lange zu wenig gemacht, weswegen es dann auch wirklich teilweise stagniert ist. Und nach Corona war wirklich so ein krasser Knick, wo eigentlich gar nichts mehr lief. Da musste ich dann lernen, dass wir im absoluten Zeitalter der Proaktivität angekommen sind. Social Media ist heutzutage der einzige Weg, noch groß rauszukommen, denn das Fernsehen hat nicht mehr diese Kraft, jemanden nach vorne zu bringen.

„Ich nehme Angela Merkel“

Diese vier Persönlichkeiten haben alle auf ihre Art und Weise definitiv Humor. Wen würdest du gerne von ihnen gerne mal zum Abendessen einladen? Loriot (rückblickend), Angela Merkel, Matt Rife oder Martina Hill?

Also ich glaube, Martina Hill wäre schon sehr, sehr lustig und ich glaube Angela Merkel ebenfalls. [überlegt] Ich nehme Angela Merkel, die hat schon ein paar Sachen losgelassen. Die hat Humor.

Du baust in dein Programm Alltagssituationen ein, in denen auch Familie und Freunde vorkommen. Kommt diese Authentizität gut an, wenn die sich – wenn auch anonymisiert – wiedererkennen?

Ja, es passiert. In den Programmen davor habe ich auch über Kontroversen in der Familie und Familienstreitigkeiten sehr offen geredet. Da waren unter anderem auch Familienmitglieder dann in der Show und die waren dann schon auch verärgert. Natürlich ist es künstlerisch überhöht und ausgeschmückt und überspitzt, aber im Kern ist auf jeden Fall 90% der Show wahr. Die Leute fragen mich auch immer, wie ich mir das alles merken kann und ich sage dann immer: „Mein Programm ist kein Theaterstück das ich auswendig gelernt habe, sondern das waren Situationen, in denen war ich dabei“.

Du hattest in Münster bei NightWash durchaus auch Newcomer auf der Bühne. Welcher Comedian der noch nicht so bekannt ist, wäre aktuell dein Geheimtipp?

Fabian Lampert. Den habe ich auch oft als Support dabei. Hiding John, Luisa Charlotte Schulz, Ana Lucía und Florentine Osche sind Namen, über die ich mich immer wieder freue.

Du trittst hier im Kap.8 ja in eher kleiner Runde vor rund 500 Leuten auf, nächstes Jahr hingegen direkt in der Halle Münsterland am 11. September 2027. Was genießt du mehr, was ist herausfordender, die große oder die kleine Bühne?

Ich bin ja zum Beispiel in drei Wochen bei der Comedy-Nacht XXL wieder dabei, die an mehreren Tagen in den großen Arenen stattfindet. Das sind pro Show in Köln knapp 14.000 Besucher. Gerade umso größer es wird, umso mehr wird es zu einem Event. Und ab einer gewissen Größe verliert es ein bisschen den Stand-Up-Charme. Ich finde es anstrengender, so einen großen Saal mit Energie zu füllen für so lange Zeit. 1.000 Leute sind so meine Lieblingsgröße.

Vielen Dank für das sehr nette Interview und dir weiterhin viel Erfolg.

Ich danke euch, dass ihr hier seid.

Comedian Simon Stäblein unterhielt das Publikum im Kap. 8 mit einer Mischung aus Frechheit und Realsatire. (Foto: Bastian E.)
Comedian Simon Stäblein unterhielt das Publikum im Kap. 8 mit einer Mischung aus Frechheit und Realsatire. (Foto: Bastian E.)

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Achtung, ab hier gibt es ein paar Spoiler zum Comedy-Programm!

Im lange ausverkauften Kap.8 stellte Simon Stäblein im Anschluss an unser Gespräch sein Programm „Absolute Frechheit“ vor. Die zweistündige Show war eine Reise durch viele persönliche Erlebnisse des Comedians, stets auf den Punkt, stets selbstironisch, bissig und frech.

Ob in der Fahrschule („Nach 20 Stunden wusste ich immer noch nicht, wie ich mich anschnalle“), von Online-Dating-Bettgeschichten. Aber auch Geschichten aus der Natur hatte Stäblein im Gepäck: Von Bergen, die echt steil sind, von verkaterter Geilheit beim Aufstieg, ehrenlosem Fressen von Morgennebel, um den Nachdurst zu löschen und Ziegen-AIDS. Letztere fiktive Infektion ließ vor allem eine Zuschauerin in einen riesigen Lachkrampf ausbrechen, den der Comedian dementsprechend kommentierte: „Endstadium!“.

Eine rassistische Trans-Katze und persönliche Traumata

Vom Geschlechtsverkehr seiner rassistischen Trans-Katze („Mein Dackel hasst Kinder und Rollstuhlfahrer“), von Parksünderinnen bis hin zu seinen drei persönlichen Traumata: einer Karikatur in der Kindheit, dem Vater von Bibi Blocksberg und einer Fahrradtour mit Wärmepflaster. Es war diese herrliche Mischung aus Frechheit und Realsatire, die das Publikum im Kap.8 bestens unterhielt.

Nach der Show nahm Simon Stäblein sich Zeit für Fotos und kurze Gespräche am Bühnenrand. (Foto: Bastian E.)
Nach der Show nahm Simon Stäblein sich Zeit für Fotos und kurze Gespräche am Bühnenrand. (Foto: Bastian E.)

Ganzkörpertättowierte („Stell dir vor du bist mit Mitte 20 komplett zugehackt und stellst dann fest, du willst gar kein Realitystar werden? Da hilft dann nur noch Burka“) wurden ebenfalls nicht verschont, genau wie Menschen, die das Nichtdenken perfektioniert haben: „Endstation Spielerfrau“.

Simon Stäblein wurde am Ende seiner Show aber wieder versöhnlich: „Versucht einfach, so lieb wie möglich zu einander zu sein, ich glaube, dann wird alles gut“. Nicht nur für diese Worte, sondern für volle zwei Stunden absolut gelungene Comedy gab es tosenden Applaus vom Publikum.

Nach der Show zeigte sich der Comedian total nahbar und nahm sich Zeit für Fotos und kurze Gespräche am Bühnenrand.

Am 11. September 2027 tritt Simon Stäblein in der Halle Münsterland auf. Tickets bekommt ihr bei eventim.

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