9-Euro-Ticket Treiber für nachhaltige Mobilität? Prof. Dr. Jeanette Klemmer aus der Forschungsgruppe Verkehrswesen der FH Münster im Interview

Treibt das 9-Euro-Ticket tatsächlich mehr Menschen in Bus und Bahn? (Foto: Thomas Hölscher)
Treibt das 9-Euro-Ticket tatsächlich mehr Menschen in Bus und Bahn? (Foto: Thomas Hölscher)

Das 9-Euro-Ticket ist eine Premiere, die mehr Menschen für den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) begeistern könnte. Doch wird es restlos überfüllte Züge geben und sind überzeugte Autofahrer*innen davon erst recht abgeschreckt? Im Interview gibt Prof. Dr. Jeanette Klemmer aus der Forschungsgruppe Verkehrswesen der FH Münster einige Antworten.

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Das 9-Euro-Ticket wird eingeführt, um die Bürger*innen hinsichtlich der gestiegenen Energiepreise finanziell zu entlasten. Prof. Klemmer, kommt die Entlastung bei allen an oder hat etwa die Landbevölkerung mit schlechter ausgebautem öffentlichen Nahverkehr das Nachsehen?

Das ÖPNV-Ticket ist ein Pendant dazu, dass es auch bei den Spritpreisen Entlastungen gibt. Der ÖPNV ist auf dem Land nicht so gut ausgebaut. In der Stadt wiederum nutzen weniger Personen ein Auto. Es ist daher gut, beides zu machen, und gerechter, als auf eine Entlastungsmethode zu verzichten.

Lassen sich mit günstigen Fahrtickets mehr Menschen zum ÖPNV bewegen?

Das 9-Euro-Ticket bietet eine gute Chance, das zu testen. In den kommenden drei Monaten werden Personen zur Arbeit fahren und Freizeit haben und das Ticket für beides ausprobieren. Dabei werden sie hoffentlich die Vorzüge kennenlernen. Es wird aber erst richtig attraktiv, wenn ausreichend Kapazität da ist und die Züge und Busse dichter getaktet fahren. In Städten sollten wir ohne Fahrplan im Kopf zur Haltestelle gehen können und wissen, in spätestens zehn Minuten werde ich hier abgeholt. Gleichzeitig müssen wir in der kommenden Zeit mit einer sehr hohen Auslastung rechnen.

Sie haben es gerade angesprochen: Werden überfüllte Bahnen und Züge für die Zukunft abschrecken?

Grundsätzlich besteht die Gefahr – besonders in Regionen, in denen der Nahverkehr in Spitzenzeiten eh bereits überfüllt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Verkehrsunternehmen so große Kapazitätspuffer haben und beispielsweise in weniger frequentierten Zeiten – in denen normalerweise kürzere Züge fahren – einfach Wagen dranhängen können. Mit Kinderwagen und Koffer unterwegs zu sein und dann womöglich nicht in die nächste Bahn reinzupassen, ist natürlich abschreckend. Da habe ich die Hoffnung, dass es sich zwischen Freizeit und Arbeit aufteilt. Personen, die frei haben, sind zeitlicher flexibler, müssen nicht zu Stoßzeiten fahren und können einfach genießen, dass das Ticket weniger kostet.

Sollte das Ticket so günstig beibehalten werden, um auch zukünftig die Umwelt zu entlasten?

Ja, auf jeden Fall, wobei die neun Euro deutschlandweit und für einen ganzen Monat wahrscheinlich unrealistisch sind. Der Gesamtverkehr würde davon profitieren, wenn wir nicht zurück zu den Ursprungspreisen gehen. Der Preis fürs Autofahren wird subjektiv als günstiger wahrgenommen, wenn man schon ein Auto besitzt. Wartung, Steuern oder Reifenwechsel werden meist nicht mit einberechnet. Der ÖPNV muss mit dem subjektiv günstiger empfundenen Preis im Kopf fürs Autofahren konkurrieren. Vorher war es so, dass eine Fahrt im mit mehreren Personen besetzten PKW immer günstiger war. Schön, dass es jetzt umgedreht ist.

Prof. Dr. Jeanette Klemmer lehrt und forscht zu Verkehrsplanung und Verkehrslogistik an der FH Münster. (Foto: FH Münster / Wilfried Gerharz)
Prof. Dr. Jeanette Klemmer lehrt und forscht zu Verkehrsplanung und Verkehrslogistik an der FH Münster. (Foto: FH Münster / Wilfried Gerharz)

Was tut sich in Zukunft in Sachen nachhaltigere Mobilität?

Der ÖPNV gehört neben dem Radfahren und zu Fuß gehen zum Umweltverbund. Den müssen wir fördern. Weniger Autoverkehr gibt uns Fläche für andere Nutzungsmöglichkeiten zurück. Außerdem ist E-Mobilität eine gute Möglichkeit, aber man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass man damit die Antwort auf alles hat. Für die Batterieproduktion haben wir immer noch das Problem mit den seltenen Erden und der damit verbundenen Kinderarbeit. Auch in Zukunft werden wir zudem keinen komplett schadstofffreien Straßenbau haben. Aber es wird viele kleine Schritte geben.

Welcher Schritt ist besonders wichtig?

Der bei uns Menschen im Kopf. Dass es selbstverständlich ist, überall als Einzelperson mit dem Auto hinzufahren, hat sich erst in den letzten 40 Jahren entwickelt. Wir selbst und auch die Wirtschaft stellen den Anspruch an uns, immer und überall ganz schnell und flexibel hinzugelangen. Vielleicht brauchen wir da schon für Kinder eine bessere Verkehrserziehung, dass das Rad und die Bahn zu unserer neuen Normalität werden.

Transparenzhinweis: Dieser Inhalt wurde uns von der FH Münster zur Verfügung gestellt.

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