Zehn Jahre „Schlossplatz“ Rat beschloss die Umbenennung am 21. März 2012 / Öffentlicher Diskurs mit wissenschaftlicher Beratung / Bürgerentscheid gegen Umbenennung scheiterte

Am 29. März 2012 wurden die neuen Straßenschilder für den frisch ernannten Schlossplatz installiert – kurz nach dem Ratsbeschluss vom 21. März 2012. (Foto: Stadt Münster)

Ob Send, Zirkus oder Turnier der Sieger: Dass all diese Veranstaltungen auf dem Schlossplatz stattfinden, ist mittlerweile selbstverständlich. Vor genau zehn Jahren, am 21. März 2012, fällte die Mehrheit des Stadtrates die Entscheidung, den ehemaligen Hindenburgplatz umzubenennen – Anlass gaben ein Antrag der SPD-Ratsfraktion aus dem Januar 2008 und mehrere Anregungen aus der Bürgerschaft.

Mehr als vier Jahre nach dem Antrag entschieden sich in geheimer Abstimmung 53 Ratsmitglieder für den neuen Namen Schlossplatz, 23 stimmten für den Hindenburgplatz, vier fehlten an diesem Abend. Zahlreiche Diskussionen um die Umbenennung von Straßen, deren Namensgeber mit dem Nationalsozialismus verbunden waren, gingen dem Beschluss voraus – zuletzt wurde direkt vor der Entscheidung anderthalb Stunden im Ratssaal debattiert.

„Jede Generation darf neu darüber entscheiden, wem die Ehre gebührt“

Der Entschluss hatte Folgen: Kurz darauf gründete sich eine Bürgerinitiative, die am Namen Hindenburg festhalten wollte und den Rat aufforderte, die Entscheidung rückgängig zu machen. Dazu kam es nicht: Ein zweiter Ratsbeschluss im Juni 2012 ging mit 62 zu 14 Stimmen für den Schlossplatz aus. Und beim daraus folgenden Bürgerentscheid im September 2012 waren fast 60 Prozent der Abstimmenden für den Namenswechsel. „Spätestens da war klar, dass sich nicht nur der Rat, sondern auch große Teile der Stadtgesellschaft von dem alten Namen lösen wollten. Jede Generation darf neu darüber entscheiden, wem die Ehre gebührt, dass Straßen und Plätze seinen oder ihren Namen tragen – und wem nicht. Hindenburg gehört nach neuen historischen Erkenntnissen nicht dazu“, sagt Oberbürgermeister Markus Lewe.

Im Jahr 1927 wurde der damalige Neuplatz nach Paul von Hindenburg benannt – der wurde in jenem Jahr 80 und war Reichspräsident der Weimarer Republik. Am 30. Januar 1933 aber berief Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler, der wiederum löste einen Tag später den Reichstag auf – und die Verordnung dazu unterschrieb auch Hindenburg. Die Debatte, ob es gerechtfertigt ist, dass Straßen und Plätze seinen Namen tragen, begann also direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals wurde in Hiltrup die Hindenburgstraße umbenannt, in den 1970er-Jahren wurde in St. Mauritz die Hindenburgallee zur Tannenhofallee. Über eine Empfehlung aus dem Jahr 1946, dem Hindenburgplatz seinen alten Namen wiederzugeben, wurde aber nie entschieden.

„An ihm scheiden sich seit 1945 bis heute die Geister“

„Widersprüche und Kontroversen prägen seit jeher das Bild von Paul von Hindenburg. Sein ungewöhnlicher politischer Lebensweg vom bereits 1911 verabschiedeten General zum Weltkriegsheroen, dann zum Symbol nationaler Einheit und schließlich zum Reichspräsidenten, der am Ende Adolf Hitler den Weg ebnete, führte durch die dramatischsten Epochen der neuesten deutschen Geschichte und erhält dadurch seine Brisanz und Widersprüchlichkeit (…). An ihm scheiden sich seit 1945 bis heute die Geister“: So formulierte es der Historiker Prof. Hans-Ulrich Thamer von der Westfälischen Wilhelms-Universität in einem Vortrag.

Er begleitete die Stadt Münster schon weit vor der Ratssitzung vom März 2012 bei dem Prozess, Beschlüsse zur Umbenennung mehrerer Straßen historisch-wissenschaftlich zu untermauern – und Bürgerinnen und Bürger dabei zu beteiligen. Herzstück war Anfang 2012 die Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt?!“ in der Bürgerhalle des Rathauses. Im Zentrum der Präsentation stand das Verhalten von Namenspatronen wie Hans Wilhelm Jötten und Agnes Miegel während des Nationalsozialismus. Eine zusätzliche Infotafel und eine Vitrine mit Originalexponaten gab es zu Paul von Hindenburg.

Historiker Prof. Hans-Ulrich Thamer und Oberbürgermeister Markus Lewe in der Ausstellung „Ehre, wem Ehre gebührt?!“. Die Präsentation informierte von Januar bis März 2012 über Namenspatronen wie Paul von Hindenburg, Hans Wilhelm Jötten und Agnes Miegel während des Nationalsozialismus. (Foto: Stadt Münster)

Breite gesellschaftliche Diskussion zur Namensfrage

„Paul von Hindenburg kann in einer demokratischen Gesellschaft kein geeigneter Namensgeber mehr sein für den größten innerstädtischen Platz Münsters. Sein politisches Wirken hat in der deutschen Geschichte erhebliche Spuren hinterlassen – allerdings nicht zugunsten der Werte einer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung“, hieß es im SPD-Ratsantrag von 2008. Nicht, dass es zuvor keine Anträge an die politischen Gremien der Stadt Münster zur Abkehr vom Namenspatron Hindenburg gab: Sie waren zahlreich, schlugen Namen vor vom Neuplatz über den Salvador-Allende-Platz bis zum Bertha-von-Suttner-Platz – konnten sich aber allesamt nicht durchsetzen.

Eine breite gesellschaftliche Diskussion zur Namensfrage fand in den Jahren 1997 und 1998 statt. Die damalige Oberbürgermeisterin Marion Tüns und der Ältestenrat der Stadt beauftragten die Volkshochschule, einen Meinungsbildungsprozess durchzuführen. Das Ergebnis: In einer Bürgerumfrage im Jahr 1998 war die Mehrheit der Münsteranerinnen und Münsteraner gegen eine Umbenennung – und auch ein Ratsbeschluss fiel im August 1998 abschlägig aus.

Straßennamen haben eine Geschichte

Mit dem Antrag der Sozialdemokraten 2008 kam eine Wende in die jahrzehntelange Debatte: Die Kommission Straßennamen konstituierte sich. Und ihre Mitglieder – Oberbürgermeister Markus Lewe, Vertreter aller Ratsfraktionen sowie die wissenschaftlichen Fachberater Prof. Hans-Ulrich Thamer und Prof. Alfons Kenkmann – sprachen sich mehrheitlich für eine Umbenennung des Hindenburgplatzes aus. Außerdem empfahlen sie einen neuen öffentlichen Diskurs auf Basis aktueller historischer Forschung.

Thamer stützte sich in seinem Vortrag im Zuge dieser Debatte dann auch auf das 2007 erschienene Werk eines renommierten Hindenburg-Kenners: „Spätestens mit der großen Hindenburg‐Biographie von Wolfram Pyta ist die zentrale Rolle Hindenburgs bei der Auflösung der Weimarer Republik und dem Brückenschlag zur Diktatur unübersehbar und eindeutig belegbar geworden. Vor allem hat Pyta mit erdrückendem Quellenmaterial nachgewiesen, dass die Eingriffe Hindenburgs als Reichspräsident in das politische Geschehen, das zur Diktatur führte, sehr bewusste Akte eines zielgerichteten politischen Handelns waren.“

Dass vor dem Hintergrund dieser Belege und Quellen Paul von Hindenburg nicht mehr die Ehre gebührt, Namenspatron zu sein – diese Mehrheitsentscheidung fiel 2012 also nach vielen vergeblichen Anläufen zwei Mal im Stadtrat und danach noch einmal beim Bürgerentscheid. Und so konnten die neuen Straßenschilder für den Schlossplatz, die bereits nach dem ersten Ratsbeschluss im März 2012 installiert wurden, an Ort und Stelle bleiben. Ein Jahr noch zeigte darunter der Name Hindenburgplatz – rot durchgestrichen – an, dass die Umbenennung aktuell ist. Nun erinnert noch ein Hinweisschild daran, dass einst Paul von Hindenburg Namensgeber war. Es zeigt, dass Straßennamen eine Geschichte haben – und dass Geschichtsbewusstsein immer auch zeitgebunden ist.

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