Münster als Zentrale für weltweiten Kongress „Fruchtbarkeit sollte als Fenster zur Gesundheit der Männer bewertet werden“: erster digitaler Welt-Kongress der Andrologen endet mit Appell

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Gewährleisteten als Tagungspräsidenten den Erfolg des Großevents „Andrology 2020“: Prof. Stefan Schlatt und Prof. Sabine Kliesch vom CeRA (Foto: Bertram Solcher)

Ob in Argentinien, Australien oder Kanada, in China, Russland, den USA oder in Europa: Mehr als 700 Androloginnen und Andrologen rund um den Globus haben an der Online-Premiere des weltgrößten Andrologie-Kongresses teilgenommen.  Unter der Leitung der beiden Kongresspräsidenten Prof. Sabine Kliesch, Chefärztin am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Prof. Stefan Schlatt, Direktor des CeRA, rückte Münster als digitale Kongress-Zentrale des Events in den Mittelpunkt der andrologischen Fachwelt. Zentrale Botschaften der Andrology 2020 betreffen unfruchtbare Männer, denn sie haben ein hohes Risiko für weitere Begleiterkrankungen.

Sechs Tage lang hatten die International Society of Andrology (ISA), die European Academy of Andrology (EAA) und die Deutsche Gesellschaft für Andrologie (DGA) erstmals gemeinsam getagt. „Die andrologischen Fachgesellschaften hatten einen Traum von einem weltumspannenden Präsenzkongress und wir haben ihn 10.000 E-Mails und Hunderte von Zoom-Konferenzen später trotz Corona-Pandemie virtuell wahrgemacht“, resümieren die Organisatoren Prof. Kliesch und Prof. Schlatt. Während des Kongresses waren permanent 200 bis 300 Teilnehmer online. „In der pandemischen Situation war das digitale Format perfekt, um Einblick in die jüngste Forschung und klinische Entwicklungen zu gewinnen und andrologische Kompetenz in Forschung und Patientenversorgung weltweit zu stärken.“ Beide Tagungspräsidenten hoffen auf einen stimulierenden Effekt für die Zukunft der Andrologie mit dem Ziel, die Gesundheit der männlichen Bevölkerung zu verbessern.

Für dieses Ziel brachte die Andrology 2020 eine Reihe klinisch relevanter Erkenntnisse: So ist der Zusammenhang zwischen Testosteronmangel und erhöhter Sterblichkeit durch Studien gesichert, was die Notwendigkeit der Behandlung eines Hypogonadismus unterstreicht. „Vor allem müssen wir die Fruchtbarkeit des Mannes neu bewerten. Wir müssen sie als Indikator für die Männergesundheit ansehen und unsere Patienten dahingehend beraten“, sagt Kongress- und DGA-Präsidentin Kliesch. „Wir wissen heute, dass die Fruchtbarkeit ein Fenster zur Gesundheit des Mannes ist und schwerstinfertile Männer im späteren Leben deutlich häufiger Begleiterkrankungen entwickeln, die ihre weitere Lebenserwartung beeinflussen.“

So führt das sogenannte OAT-Syndrom nach epidemiologischen Studien zu einem erhöhten Risiko für Tumorerkrankungen. Betroffene Männer haben zu wenig, zu gering bewegliche und vermehrt fehlgeformte Spermien. Ihr Risiko für Keimzelltumoren ist zwei- bis dreifach erhöht, das Risiko für Prostatakarzinome ist 1,7-fach erhöht, und ihr Risiko für Krankenhausaufenthalte wegen kardiovaskulärer Erkrankungen steigt mit abnehmender Spermienzahl. Mit Blick auf Keimzelltumoren zeigt sich eine zunehmende Bedeutung der genetischen Prädisposition und von Umweltfaktoren. In der Diagnostik sind neue miRNA den klassischen Tumormarkern (AFP, hCG, LDH) zum Teil überlegen.

Die soziale Komponente der Männergesundheit machen noch unveröffentlichte Daten einer asiatischen Studie deutlich. Dem Asian Male Health Report zufolge haben unverheiratete Männer ein dreimal höheres kardiovaskuläres Erkrankungsrisiko. Heirat reduziert das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko demnach um 46 Prozent, während ein niedriges Einkommen die Rate ischämischer Herzerkrankungen verdoppelt.
Beim Thema ungewollte Kinderlosigkeit betonte der Past-President der DGA, Prof. Hermann M. Behre, dass es von zentraler Bedeutung sei, immer das Paar in den Blick zu nehmen und beide Partner zu untersuchen. Der Faktor Zeit sei dabei nicht zu unterschätzen, denn trotz großer Fortschritte bei der assistierten Reproduktion mit Schwangerschaftsraten von bis zu 80 Prozent nach vier Behandlungszyklen bleibe das Alter der Frau entscheidend für die Erfolgsrate. Studien zeigten, dass Frauen zum Zeitpunkt der künstlichen Befruchtung im Durchschnitt 35,5 Jahre alt seien und die Schwangerschaftsrate dann bei nur noch 35 Prozent liege. Umso wichtiger sei es, dass es mittlerweile eine ganze Reihe neuer Spermienfunktionstests gebe, die ihren Weg aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung fänden und die Funktionsstörungen auf zellulärer Ebene sichtbar werden ließen – ein großer Fortschritt für die Behandlung ungewollt kinderloser Paare.

Großen Forschungsbedarf bringt das Corona-Virus auch in der Andrologie mit sich: Bereits jetzt wurde in einer Studie ein Zusammenhang zwischen Testosteron und dem Verlauf einer COVID-19-Erkrankung beobachtet. Danach ist ein zu 95 Prozent günstiger Krankheitsverlauf zu erwarten, wenn der Testosteronwert bei stationärer Aufnahme über 5 nmol/l liegt. Dagegen bedeutet die Testosteronabnahme von 1 nmol/l unter diesen Schwellenwert bereits ein um 42 Prozent erhöhtes Risiko eines ungünstigen Krankheitsverlaufes. Völlig unklar ist derzeit noch, ob die Expression der Rezeptoren, an denen das Virus im Hoden problemlos andocken kann, tatsächlich Effekte auf die Fruchtbarkeit haben wird.

Nach insgesamt mehr als 300 Vorträgen und Präsentationen sowie technisch perfektem Ablauf dankten die Tagungspräsidenten Prof. Kliesch und Prof. Schlatt der andrologischen Community, die die Andrology 2020 mit ihrer Teilnahme zu einem großen Erfolg gemacht habe. Von den wissenschaftlichen Preisen, die die Deutsche Gesellschaft für Andrologie während des Kongresses vergab, gingen gleich vier an münstersche Forscherinnen.

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