Jeden Tag von morgens bis abends am Strand Interview mit Meeresbiologin Christine Figgener / Vortrag am Sonntag (23. April) im Allwetterzoo Münster

Die Meeresbiologin Christine Figgener mit einem Pärchen Meeresschildkröten. (Foto: Figgener)
Die Meeresbiologin Christine Figgener mit einem Pärchen Meeresschildkröten. (Foto: Figgener)

Geboren im Jahr 1983 in Deutschland, wuchs Christine Figgener im Ruhrgebiet auf. Seit 2007 lebt und arbeitet sie aber in Costa Rica, wo sie Meeresschildkröten erforscht und sich für deren Schutz einsetzt. Ihr Video von einer Schildkröte, der ein Plastikstrohhalm schmerzhaft aus der Nase entfernt wurde, ging viral und heizte die weltweite Debatte über die Verwendung von Einwegplastik an, die in vielen Ländern zu Verboten geführt hat.

Sie wurde 2018 vom TIME Magazine als „Next Generation Leader“ ausgezeichnet. Sie ist seit 2020 Direktorin für Wissenschaft und Bildung bei der Footprint Foundation, die das Bewusstsein für die Gefahren der Plastikverschmutzung schärft. Außerdem gründete und leitet sie die Naturschutzorganisation „Costa Rican Alliance for Sea Turtle Conservation & Science“ (COASTS) und das Beratungsunternehmen „Nāmaka Conservation Science“ in Costa Rica, die sich beide für den Schutz von Meeresschildkröten einsetzen. Auf Einladung des Zoovereins Münster wird sie am Sonntag, 23. April, für einen Vortrag in den Allwetterzoo Münster kommen und über sich und ihre Arbeit sowie ihr Engagement sprechen. Sebastian Rohling hatte die Möglichkeit, mit ihr vorab ein Gespräch zu führen.

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Vom Ruhrgebiet nach Costa Rica? Wann wurde Ihre Leidenschaft für Meeresschildkröten geweckt? Gab es einen besonderen Moment oder Begegnung?

Mir war schon als Kind klar, dass ich Meeresbiologin werden will. Und auch, dass ich einmal auswandern werde, war für mich irgendwie schon immer klar. Studiert habe ich Biologie in Tübingen und Würzburg. In letzterer Stadt habe ich dann einen Aushang für ein Praktikum in Costa Rica in einem Meeresschildkrötenprojekt gefunden. Dort habe ich die Tiere zum ersten Mal gesehen und durfte unter anderem eine Lederschildkröte beim Nisten beobachten. Ich war sofort schockverliebt – das war meine Initialzündung. Nach meinem Studium bin ich dann direkt mit Sack und Pack nach Costa Rica ausgewandert und habe dort angefangen zu arbeiten.

Sind es nur Meeresschildkröten, oder haben Sie ein generelles Faible für Schildkröten?

Eigentlich nur Meeresschildkröten. Schildkröten sind schon cool, aber ich habe halt einen maritimen Background. Schon als Kind war der Buckelwal mein Lieblingstier. Daher auch das frühe Interesse für Meeresbiologie. Meine Begeisterung für Meeresschildkröten kam dann aber erst später.

Was genau machen Sie in Costa Rica?

Die ersten Jahre habe ich für verschiedene Naturschutzorganisationen gearbeitet. Diese kümmern sich um die Forschung an, und um den Schutz von Meeresschildkröten. Im Jahr 2014 habe ich dann meine eigene Organisation, „Costa Rican Alliance for Sea Turtle Conservation & Science“, kurz COASTS, gegründet. Hier betreuen wir reine Forschungsprojekte sowie Projekte bei denen es um Naturschutz und Forschung geht. Das heißt im Detail: In den Forschungsprojekten, da besendere ich Meeresschildkröten in den Nahrungsgebieten oder nehme Proben von den Tieren für verschiedene Fragestellungen. In den Naturschutzprojekten geht es unter anderem um Strände, an denen die Tiere nisten. Wir möchten die Nistbereiche, die Weibchen sowie die gelegten Eier vor Wilderern schützen.

Das bedeutet für den Tages- und Arbeitsablauf, dass wir in den jeweiligen Nistperioden an den Stränden Patrouille laufen. Insgesamt sind das dann 8 Monate im Jahr. In der Zeit sind wir jeden Tag von 7 Uhr abends bis 5 Uhr morgens am Strand und passen auf. Zudem nutzen wir den Zeitraum, um Daten zu sammeln. Wir vermessen die Tiere, nehmen Gewebeproben und teilweise besendern wir sie. Und während der Schlupfphase halten wir dann nach, wie viele Tiere aus den Eiern gekommen sind. Zudem sind bei uns auch immer Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung tätig, die diverse kleinere Projekte ausführen.

Eier, die wir sammeln oder finden, werden in Inkubationsstationen gegeben oder an geheime Orte gebracht, die nicht überschwemmt werden. Dort haben sie dann Zeit, sich in den rund 2 Monaten, so lange dauert es, zu entwickeln, bis die kleinen Schildkröten dann schlüpfen. Das sind die Schwerpunkte, die wir vor Ort machen. In der Zwischenzeit bin ich zudem mit administrativen Aufgaben beschäftigt. Fundraising, Buchhaltung und was sonst so alles in meinem Büro in Costa Rica anfällt.

Das Buch „Meine Reise mit den Meeresschildkröten – Wie ich als Meeresbiologin für unsere Ozeane kämpfe“ von Christine Figgener ist im Malik Verlag erschienen.
Das Buch „Meine Reise mit den Meeresschildkröten – Wie ich als Meeresbiologin für unsere Ozeane kämpfe“ von Christine Figgener ist im Malik Verlag erschienen.

Warum und vor allem wovor müssen Meeresschildkröten geschützt werden?

Meeresschildkröten haben per se schon ein eher schwierigeres Leben, bis sie erwachsen werden. So gibt es zahlreiche Fressfeinde, bis sie ausgewachsen sind. Ab dann sind natürliche Feinde gar nicht mehr das große Problem. Aber es gibt dann ja immer noch den Menschen, der die Schildkröten gleich auf mehreren Ebenen bedroht. Klimawandel und der damit einhergehende erhöhte Meeresspiegel führen dazu, dass die Niststrände mehr und mehr verschwinden. Die höheren Temperaturen führen zudem dazu, dass mehr Weibchen schlüpfen. Auch die Ausbeutung der Meere durch industrielle Fischerei ist ein großes Problem. Viele Tiere landen hier als Beifang in den Netzen. Da die Tiere auf Sauerstoff zum Überleben angewiesen sind, ertrinken viele von ihnen, nachdem sie sich in den Netzen verfangen haben. Hier sind es insbesondere die Geisternetze, die für viele Tiere, nicht nur Schildkröten, zur tödlichen Falle werden. Es handelt sich hier um Netze, die die großen Fangflotten verloren haben und die unkontrolliert durch die Meere treiben,

Und bis heute ist auch die Wilderei noch immer ein großes Problem. Es werden Eier gewildert, aber auch adulte, also erwachsene Tiere aufgrund ihres Fleisches bejagd. Bezogen auf die echte Karettschildkröte ist es zudem der Panzer, auf den es die Wilderer abgesehen haben. Es gibt hier noch immer einen großen internationalen Markt, auf dem die Hornplatten des Panzers dieser Tiere, das Schildpatt für Kunstgewerbe und Schmuckgegenstände, gehandelt werden.

Und welche Rolle spielt die zunehmende Vermüllung der Meere?

Eine viel zu große. Auch die Verschmutzung der Meere setzten den Beständen zu. Da sind die wohl bekanntesten Probleme wie Öl-Pesten oder auch der zunehmende Plastikmüll in den Meeren. In diesem können sich die Tiere verheddern oder den Müll fälschlicherweise für Nahrung halten. Sie fressen diese und verenden dann. Auch setzen invasive Arten den Beständen zu. Was viele aber nicht wissen, das betrifft die unsichtbare Gefahr, die von der Landwirtschaft ausgeht. Pestizide und andere ausgebrachte Stoffe werden aus den Böden und über die Flüsse in die Meere gespült. Die Folge ist, dass die Fälle von Krebs mit Todesfolge zunehmen.  Das sind Dinge, vor denen wir die Tiere und ihren Lebensraum schützen müssen.

Warum benötigen wir, oder vielmehr die Ökosysteme, die Meeresschildkröten? 

Meeresschildkröten sind wichtige Tiere und Bestandteile in ihren jeweiligen Ökosystemen. Das ist dann für jede Art aber differenziert zu sehen, da es sich hier an ihren Lebensraum angepasste Spezialisten handelt. Lederschildkröten fressen zum Beispiel hauptsächlich Quallen, während echte Karettschildkröten in erster Linie Schwämme zu sich nehmen. Die Grüne Schildkröte frisst wiederum hauptsächlich Seegras. Damit tragen die Tiere in ihren Ökosystemen dazu bei, dass diese gesund und im Gleichgewicht bleiben. Es ist nicht abzusehen, was passieren würde, wenn diese Tiere aus dem Ökosystem verschwinden würden.

Was können Menschen im fernen Münster machen, um sich für Meeresschildkröten und ihren Lebensraum einzusetzen?

Dafür muss niemand mit uns in Costa Rica Patrouille laufen. Alles, was jede einzelne Person an jedem beliebigen Ort auf der Erde gegen den Klimawandel unternimmt, hilft automatisch den Meeresschildkröten und den Ökosystemen, in denen sie leben. Auch unser täglicher Konsum kann viel bewirken. Lokale und saisonale Produkte verringern Transportwege, ökologische Anbaumethoden verringern das Ausbringen von Pestiziden und anderen Stoffen, die in Meere gelangen. Beim Fischkauf sollte darauf geachtet werden, wo die Tiere herkommen und wie sie gefangen wurden. Am besten ist es aber, wenn jeder den Konsum von Fisch und sogenannten Meeresfrüchten reduziert. Denn solange wir diese Produkte kaufen, wird die industrielle Fischerei wie gehabt weitermachen und sich an den Profiten auf Kosten der Natur weiter bereichern.

Was auch wichtig ist: Müll vermeiden. Und wenn er anfällt, dann diesen nicht achtlos entsorgen, sondern in die Wertstoffkreisläufe einbringen, damit sie recycelt werden können. Und da die Politik die Regeln für Verbraucher und Erzeuger festlegen, kann auch hier jeder etwas machen, indem die Partei den Zuspruch bekommt, die sich für die Belange der Natur und damit auch der Meeresschildkröten einsetzt.

Figgener mit einer winzigen Jungtier. (Foto: Thierry Bois)
Figgener mit einer winzigen Jungtier. (Foto: Thierry Bois)

Und wenn ich dort Urlaub mache, wo die Meeresschildkröten vorkommen?

Wenn es in den Urlaub geht, gerade in die südlichen Gebiete, dann bewusst machen, dass es dort nistende Meeresschildkröten gibt und die Unterkünfte sich aktiv für den Schutz von Stränden und Küstenabschnitten einsetzen. Also die Strände zum Beispiel nicht mit zahllosen Liegen oder ähnlichem zubauen und die Wege für die Meeresschildkröten versperren. Souvenirs, die in Teilen aus Schildkrötenpanzer oder ähnlichem bestehen, sollten ebenfalls nicht gekauft werden. Wenn schon nicht aus Tierschutzgründen, dann doch zumindest aus dem Grund, dass der Zoll bei der Einreise diese Dinge konfisziert und empfindliche Strafen drohen. Das alles sind Dinge, die wir in unserem Alltag machen können, um unter anderem Meeresschildkröten zu schützen.

Ihr Vortrag im Allwetterzoo, ist der nur für Fachpublikum? Worauf kann sich die Hörerschaft freuen?

Mein Vortrag ist, wie auch mein Buch, nicht nur für ein Fachpublikum gedacht. Ich will das Wissen über Meeresschildkröten teilen und mein Leben sowie meine Arbeit vorstellen. Dabei werde ich unter anderem aus meinem Buch etwas vortragen und einen Vortrag in der Zooschule des Allwetterzoos Münster halten. Ich will informieren, unterhalten und zeigen, dass es Hoffnung gibt, für diese besonderen Tiere und ihren faszinierenden Lebensraum.

Der Vortrag von Christine Figgener findet am Sonntag, 23. April, um 12.30 Uhr in der Zooschule des Allwetterzoos Münster statt. Mehr Infos gibt es auf der Webseite des Zoovereins. Wenn jemand es nicht zu dem Vortrag schafft, das Buch „Meine Reise mit den Meeresschildkröten – Wie ich als Meeresbiologin für unsere Ozeane kämpfe“ von Christine Figgener ist erschienen im Malik Verlag. Zudem gibt es einen deutschen Förderverein, der Gelder für ihre Arbeit in Costa Rica sammelt. Infos zu der von Christine Figgener gegründeten Organisation „Costa Rican Alliance for Sea Turtle Conservation & Science“ gibt es unter www.coasts-cr.org.

Transparenzhinweis:

In unserer Medienpartnerschaft mit dem Allwetterzoo Münster ermöglichen wir vertiefende Einblicke in die Arbeit und den Alltag des Zoos am Aasee. Die Reihe bietet Blicke hinter die Kulissen und Berichte über die Menschen, die sich jeden Tag um das Wohl der Tiere bemühen.

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