„Je größere Schritte du machst, desto mutiger wirst du.“ Autorin Edina Hojas über ihren Reisebericht, Selbstfindung und Beziehungsarbeit

Edina Hojas hat ein berührendes Buch über die Erfahrungen ihrer Weltreise geschrieben. (Foto: privat)

Der Bericht ihrer Weltreise, „Farben sammeln“ ist bereits vor einiger Zeit erschienen, aber es ist gar nicht so einfach, mit Edina Hojas einen Interviewtermin auszumachen. Die ehemalige Lehrerin, die sich nach ihrer Reise ganz neu orientierte, arbeitet zurzeit als Produktionsleitung von „The Black Rider“ am Wolfgang-Borchert-Theater und ist dementsprechend vielbeschäftigt. Ich treffe eine sichtlich müde, aber glückliche Autorin im Tante August, wo wir auf gemütlichen alten Sesseln Kaffee trinken.

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Du bist zu deiner Weltreise von Münster aus aufgebrochen, lebst nun wieder in Münster und hast dein Buch in einem Münsteraner Verlag veröffentlicht. Hat das für dich eine Rolle gespielt?

Der agenda-Verlag machte einen sympathischen Eindruck auf mich. Das Manuskript habe ich eigentlich ganz ohne Erwartung dort eingereicht.

Lass uns zuerst noch mal einen Schritt zurückgehen: Deine Weltreise liegt nun schon fast drei Jahre zurück. In der Zwischenzeit hast du dich umorientiert … Was war zuerst da: Der Wunsch nach Veränderung oder die Reise?

Der Wunsch nach Veränderung war schon lange da, ich wusste nur nicht, wie und in welche Richtung. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Reise hinaus aus der Schule und an das Theater bringen würde. Aber wenn man die eingefahrenen Strukturen erst mal hinter sich lässt, ist man offen für neue Perspektiven.

Also war die Weltreise Teil einer Selbstfindungsreise.

Ja, klar. Und je größere Schritte du machst, desto mutiger wirst du. Diese Reise ist – vor meinem Hintergrund als verbeamtete Lehrerin – in absoluter Sicherheit entstanden. Trotzdem konnte sie mich befreien.

… weil du deine Komfortzone verlassen hast.

Genau. Seit ich von zu Hause ausgezogen bin, habe ich immer den sicheren Weg gewählt. Ich habe weder meine eigenen Perspektiven gesehen noch unsere Möglichkeiten als Paar. Rückblickend haben mein Mann und ich eigentlich nicht gewusst, worauf es in einer Beziehung ankommt. Man ist zusammen, unternimmt etwas, geht ins Kino oder ins Restaurant. Da ist es etwas ganz anderes, wenn man plötzlich auf so wenig Raum so viel Zeit zusammen verbringt. Vielleicht sollte eine gemeinsame Reise am Anfang einer jeden Beziehung stehen…

Hat das auch etwas damit zu tun, dass man zusammen Herausforderungen lösen muss?

Für mich war es das erste Mal, dass ich mich ganz auf jemand anderen verlassen habe und auch merkte, dass sich jemand auf mich verlässt. Ich habe gelernt zu vertrauen. Natürlich schweißt es zusammen, wenn man gemeinsam vor Bären flüchtet, sich nachts im Dschungel verirrt oder unwissentlich mit Krokodilen badet. Man muss aber auch lernen, Langeweile auszuhalten, Unmut oder Angst. Man kann sich nicht aus dem Weg gehen, man muss sich dem anderen so zeigen, wie man ist.

Edina Hojas: Farben sammeln. Eine Erzählung vom Ausbrechen und Ankommen. Agenda Verlag 2022, 152 Seiten,. 14,90 €
Edina Hojas: Farben sammeln. Eine Erzählung vom Ausbrechen und Ankommen. Agenda Verlag 2022, 152 Seiten,. 14,90 €

Da sind wir beim Inhalt von „Farben sammeln“: Du hast den Bericht über deine Reise verwoben mit der Geschichte einer verkorksten Beziehung, die im Laufe der Reise eine ganz neue Qualität erhält.

Wir haben uns auf der Reise erst kennengelernt. Ich habe dabei auch zu mir gefunden, weil mein Partner mich gesehen hat. Allein hätte ich wahrscheinlich nur eine kurzfristige Flucht bewerkstelligt. Mit ihm wurde eine langfristige Veränderung daraus. Ich habe dem eigentlichen „Farben sammeln“, der Kreativität, nur einen sehr beschränkten Raum zugestanden. Er hat mir geholfen, einen Beruf daraus zu machen.

Dabei war es zu Beginn der Reise doch so, dass du eigentlich allein reisen wolltest. Dein Partner ist dann hingegangen und hat gesagt: Ich komme mit. Wie kam es zu der gemeinsamen Reise?

Die Voraussetzungen waren denkbar ungünstig: Es ging um Betrug, um Eifersucht und Machtkämpfe. Wir wussten beide, dass wir keine Chance haben, wenn ich mich allein auf den Weg mache. Für ihn war das beruflich eine schwierige Entscheidung, für mich persönlich. Welche Ängste und Sehnsüchte wirklich dahintersteckten, haben wir erst im Verlauf der Reise erkannt.

Hättet ihr die gleiche Erfahrung nicht auch bei Work and Travel in Schottland oder in einem Workcamp in, sagen wir, Berlin sammeln können?

Eigentlich war mein Plan ja Work and Travel. Ich hatte große Lust darauf, mit den Händen zu arbeiten. Für mich lag das Hauptaugenmerk außerdem auf Sprachen, ich wollte einmal im spanischsprachigen Raum arbeiten und einmal im englischsprachigen Raum.

Und wie ist dann eine Weltreise daraus geworden?

Geplant waren Nord- und Südamerika. An der Küste Ecuadors haben wir den Bau eines Gemeindezentrums unterstützt. Dabei lief einiges anders als erwartet. Bagger, die nicht bereitstanden, der Bau einer Autobahn, von der keiner wusste, und ein Bürgermeister, der plötzlich unser Grundstück verkauft hatte. Wir haben durch diese Schwierigkeiten zwar Zeit verloren, aber die Chance gewonnen, weiterzureisen und noch mal ganz andere Eindrücke in Asien zu sammeln.

Anfangs dachte ich außerdem, wir bräuchten viel Zeit für uns, außerhalb des Projekts. In Kanada waren wir schließlich drauf und dran, alles hinzuschmeißen und Flüge in unterschiedliche Richtungen zu buchen. Ich war hektisch, wollte unbedingt noch dieses oder jenes mitnehmen. Dabei hat uns gerade die Arbeit zueinander geführt. Wir haben gelernt, die eigenen Vorstellungen loszulassen, keine Erwartungen zu haben.

Erfahrungen wie diese machen dein Buch auch sehr persönlich. Wie viel Edina steckt denn in „Farben sammeln“?

Es ist ein Tagebuch. Man könnte sagen, ich habe nur ein paar Namen ausgetauscht (lacht). Natürlich ist Einiges verfremdet. Erinnerungen sind subjektiv und weichen immer vom Original ab. Außerdem habe ich bewusst Lücken gelassen. Man kann sich dann denken, was gemeint ist. Oder man füllt die Lücken mit eigenen Assoziationen und Erfahrungen.

Nach ihrer Weltreise ist es Edina Hojas nicht mehr so wichtig, alles perfekt zu machen. (Foto: privat)
Nach ihrer Weltreise ist es Edina Hojas nicht mehr so wichtig, alles perfekt zu machen. (Foto: privat)

Den Eindruck hatte ich auch. In deinem Buch gibt es viele Sätze, die einen selbst unwillkürlich weiterdenken lassen. Das heißt, man liest nicht nur deine Geschichte, sondern man erfährt bei der Lektüre auch unheimlich viel über sich selbst.

Das ist schön. Eigentlich war eine Veröffentlichung ja gar nicht geplant. Anfangs habe ich nur für mich geschrieben und irgendwann, mit mehr Vertrauen, habe ich meinem Partner die Einträge vorgelesen. Daraus wurde ein Ritual, wodurch ich dem Schreiben immer mehr Raum gegeben habe. Es war ein Prozess, den man dem Buch auch anmerkt. Der Gedanke, dass eigentlich nichts statisch ist, dass es immer die Möglichkeit zur Veränderung gibt, den wollte ich weitergeben.

Hast du denn entsprechende Rückmeldungen von Leser:innen bekommen?

Eine Leserin hat mir erzählt, sie habe nach der Lektüre beschlossen, auch eine Sabbatzeit einzulegen. Für andere stand mehr die Entwicklung der Beziehung im Mittelpunkt. Die wollen jetzt eine Paartherapie machen. Mir sagte mal jemand, eine Paartherapie würde man doch erst machen, wenn man sich nichts mehr zu sagen hätte. Genauso hat mir eine Kollegin mal gesagt, dass man ein Sabbatjahr eigentlich erst mache, wenn man nicht mehr arbeiten könne. Therapie und Auszeit als Ultima Ratio sozusagen. Das würde ich genau andersherum sehen.

Welche Erfahrung der Weltreise würdest du anderen Menschen gerne mitgeben?

Vor der Reise wollte ich möglichst weit weg, weg aus Deutschland, weg von meinen Wurzeln. Ich dachte, in der Fremde würde ich mich finden. Heute sehe ich das anders. Ich kann mein Leben unabhängig von dem Ort verändern, an dem ich mich gerade befinde. Das Wort „Sinn“ hat seinen Ursprung im Indogermanischen und bedeutet: sich auf den Weg machen. Das kann man zwar auch ohne Flugzeuge, aber dafür ist es hilfreich, einfach mal die Pausetaste zu drücken und die Ablenkungen des Alltags hinter sich zu lassen.

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