Forensik: Wenn das Tor endlich aufgeht… Was passiert mit Patienten, die die Christophorus Klinik der Alexianer verlassen?

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Die Forensik der Alexianer: Die Christophorus Klinik liegt auf dem Stammgelände in Amelsbüren. (Foto: Alexianer)
Die Forensik der Alexianer: Die Christophorus Klinik liegt auf dem Stammgelände in Amelsbüren. (Foto: Alexianer)

Es ist Freitag. Freitags packt Carsten Schlamann seine Unterlagen zusammen, setzt sich in einen blauen Skoda und bricht auf ins Sauerland. Der junge Münsteraner ist Sozialarbeiter und Teil des Ambulanz-Teams der Alexianer Christophorus Klinik. Auf seiner Liste steht heute der Besuch bei Herrn R., der lange Jahre Patient in der Forensischen Klinik war.

Seit Ende Januar 2019 ist Herr R. nun in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung im Sauerland zuhause. Er befindet sich in Langzeitbeurlaubung. Seine therapeutischen Fortschritte und seine gute Prognose haben das ermöglicht. Die aufsuchende Arbeit der Klinik-Ambulanz ist ein wichtiger Baustein bei der Resozialisierung von Forensik-Patienten. Motor an, und los geht es.

Die Autobahnen sind frei, das Durchkommen ist kein Problem. Im Sauerland angekommen, geht es noch einige Kilometer über holprige Landstraßen und durch kleine Dörfer. Carsten Schlamann und seine Kollegen fahren mehrfach in der Woche hunderte Kilometer, um ehemalige Patienten der Klinik zu besuchen. Bis zu zwei Jahre dauert diese engmaschige Nachsorge, bis zu fünf Jahre kann die Führungsaufsicht andauern. Anfangs gibt es wöchentliche Besuche, später wird der Abstand größer. Das hängt auch immer vom Vorankommen des Patienten ab.

Behandlungsplanung in der Einrichtung. (Foto: Alexianer)
Behandlungsplanung in der Einrichtung. (Foto: Alexianer)

Angekommen in dem großen Wohnhaus, das einst Feriengäste beherbergte und nun für zwölf Menschen mit Behinderungen ein Zuhause ist, wartet Herr R. schon hinter dem Fenster im Gemeinschaftsraum. Er hat gebacken: „Kalte Schnauze“. Ein süßer Kuchen aus Keksen, Kokosfett und Schokolade. Bevor er in den Maßregelvollzug überstellt wurde, hat er gerne gekocht und arbeitete sogar in einer Schiffsküche. „Hier freuen sich alle, wenn ich meine Nudelpizza mache“, erzählt er stolz.

Die Betreuer der Wohneinrichtung, Herr R. und der Sozialarbeiter nehmen am großen Tisch Platz. Heute steht die Behandlungsplankonferenz auf dem Programm. Dabei werden Rück- und Ausblicke gemacht, wie und ob der Patient gut zurechtkommt, welche Ziele er hat. Da Herr R. erst wenige Tage in der Einrichtung lebt, geht es heute nur um seine Perspektiven. Die Umgebung ist freundlich und heimelig, trotzdem bleibt der Ton ernst, die Rollen sind klar: Herr R., 66 Jahre alt, ist ein Täter. Auch, wenn er die Klinik verlassen konnte, ist er nach wie vor ein Patient, er ist langzeitbeurlaubt. Während seiner Zeit hinter dem hohen Zaun – zunächst in Eickelborn, später in Amelsbüren – hat er sich mit seiner Tat auseinandersetzen müssen, besuchte Therapien, wurde medizinisch betreut und machte sehr gute Fortschritte. Nach etwa zwei Jahren kann eine bedingte Entlassung folgen, danach bleibt er vermutlich noch mehrere Jahre unter Führungsaufsicht. Erst wenn diese beendet ist, ist er frei.

Der schlanke Herr wirkt freundlich, interessiert, etwas aufgeregt. Er hat sich extra schick gemacht, die Haare gegelt. Dennoch bleibt Carsten Schlamann, ebenso wie die beiden diensthabenden Betreuer vor Ort, bei seiner Linie: Auch in der neuen Einrichtung darf Herr R. noch nicht alleine Ausgang erhalten. Das hat Gründe. Er muss sich einleben, sich einordnen, und vor allem muss er weiter lernen, sich und seine Tat zu reflektieren, persönliche Konsequenzen daraus abzuleiten. Etwa, bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen und sich Hilfe zu holen. Das klappt noch nicht immer, denn Herr R. neigt dazu, sich und seine Fertigkeiten zu überschätzen.

(Foto: Alexianer)
(Foto: Alexianer)

Doch ein Anfang ist gemacht. Herr R. kommt sehr gut mit den Mitbewohnern aus, was auch die Betreuer bestätigen. Gerne würde er sich mehr einbringen, den Garten gestalten. „Ich würde gerne vorwärts kommen“, sagt er. „Ich will zeigen, dass ich alleine zurechtkomme“. Freiwillig übernimmt er verschiedene Aufgaben im Haushalt, geht den hausinternen Freizeitangeboten nach, bringt sich in das Zusammenleben ein. Dass er Ordnungssinn hat, zeigt sich in seinem Zimmer: adrett sind Hemden und Shirts gefaltet, das Bett ist gemacht, in der kleinen Vorratskammer stehen Lebensmittel in Reih und Glied. In seiner Freizeit näht er gerne an der Nähmaschine und malt.

„Wir gehen das langsam an“, sind sich Betreuer und Sozialarbeiter einig. Schon oft haben alle erlebt, dass der anfängliche Enthusiasmus, der mit einem Umzug einhergeht, abebbt. Die Motivation aufrecht zu erhalten, ist eines der Ziele, die Herr R. bis zum nächsten Behandlungsplangespräch in sechs Monaten erreichen soll. Vielleicht klappt es dann auch mit mehr Freiheiten, denn: Die Therapie eines Rechtsbrechers endet nicht am Kliniktor. Bis nächsten Freitag!

Die Alexianer sind ein katholischer Pflegeorden und unterhalten bundesweit Einrichtungen des Gesundheitswesens mit rund 16.000 Mitarbeitern. Als einer von wenigen privaten Trägern betreiben sie in Münster eine Forensische Psychiatrie, in der 54 männliche Patienten untergebracht sind, die nach ihrer Tat aufgrund ihrer psychischen Erkrankung für schuldunfähig oder vermindert schuldfähig erklärt wurden. Das Besondere in Münster: Die Christophorus Klinik ist die einzige Klinik in Deutschland, vermutlich sogar in Europa, die ausschließlich intelligenzgeminderte Rechtsbrecher aufnimmt. Die Bandbreite der Delikte ist dabei unbegrenzt.

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