Die Pinien von Rom – Will Humburg dirigiert das Sinfonieorchester

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(Foto: Oliver Berg)
(Foto: Oliver Berg)

Dass Will Humburg die erste Geigerin und damit das ganze Orchester begrüßt, geht fast unter im Beifall für den Mann, der bis 2004 zwölf Jahre lang Generalmusikdirektor in Münster war. Er hat so viele große Projekte initiiert und geleitet, dass die Menschen in Münster heute noch von ihm schwärmen. Zwischenzeitlich hat er lange Jahre in Italien dirigiert und ist heute Generalmusikdirektor von Darmstadt. Münsters 7. Sinfoniekonzert gestern leitet er erkennbar gerne.

Es ist allein eine Freude, der Körperspannung des Mannes zuzusehen, wenn er in die Knie geht, sich streckt, wenn alles vibriert, wenn er die Arme nach unten reißt, lockt und bremst, wenn alles an ihm in Bewegung ist. Vermutlich wäre auch keiner der achthundert Besucher gegangen, wenn kein einziges Instrument zu hören gewesen wäre. Doch es gibt ja noch dieses sagenhafte Orchester, von dem Humburg in den Foyergesprächen sagt: “Es kommt auf den Geist an, und dies Orchester hat einen tollen Geist”.

Ludwig van Beethovens 4.Sinfonie wird gespielt, eine Sinfonie, die heute eher selten zu hören ist. Beethoven hat sich nie in ein Korsett stecken lassen. Und so muss man sich einhören, vereinzelte Töne, zunächst klingen nur die Streicher, die Bläser antworten. Humburgs Notenblätter erweisen sich als starr, fallen immer wieder zurück. Aber natürlich lässt der Profi sich davon nicht irritieren, und nach etwa drei Minuten rauscht eine akustische Woge über das Auditorium. Wer sich auf die Musik einlässt, kann leicht in eine Art Trance-Zustand versetzt werden, so fröhlich wird die Musik, leicht und dynamisch, das Schlagwerk setzt ein, dann wieder ganz leise und langsam, die Musik tröpfelt, die Streicher werden stärker, ein einzelnes Fagott meldet sich.

Keiner im Publikum wird gemerkt haben, wie schnell die Zeit vergeht. Und als dann nach der Pause mitten auf der Bühne ein Flügel steht, wissen die Besucher, was sie erwartet: Martin Stadtfeld spielt – gemeinsam mit dem Orchester – Franz Liszt. Stadtfeld ist ein ganz großer, spielt in Salzburg, Dresden, Wien. Die junge Dame, die die Notenblätter für den Pianisten umblättern soll, hat alle Hände voll zu tun, so schnell fliegen die Finger über die Tasten. Klavier und Orchester unterhalten sich, ein zartes Wechselspiel, ein emotionaler Austausch über das Gehör. Und Stadtfeld wird immer schneller, auch die Violinen erhöhen ihr Tempo. Dann brechen sie ab. Die Töne des Flügels klingen wie Tautropfen, die auf den Boden fallen.

Martin Stadtfeld wird mit einem nicht enden wollenden Applaus verabschiedet, bevor sich das Orchester anschickt, Respighi zu spielen, die Pinien von Rom, die dem Vernehmen nach Zeitzeugen des alten Rom sein sollen. Das Orchester auf der Bühne wird zusätzlich verstärkt von Hörnern in den oberen Zuschauerrängen, eine geniale Idee, bei der die Zuschauer mittendrin sind. Beim großen Finale verliert Will Humburg sogar seine Brille. Den Ihm überreichten Blumenstrauß gibt er weiter an die erste Geigerin. Ein eindrucksvolles, wunderschönes Konzert. Münster kann stolz auf sein Sinfonieorchester sein.

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