Der Tote vom Aasee Wer war Theodor Kiefer?

Die Tafel am Aasee. (Foto: Bührke)
Die Tafel am Aasee. (Foto: Bührke)

Die Stufen zum Aasee bei den Kugeln von Claes Oldenburg sind ein beliebter Treffpunkt. Mit einem Bier in der Hand auf den Stufen sitzen, den Gänsen, Enten, Segelschiffen und Tretbooten zuschauen, das ist Münsterleben pur. Doch dieser Ort birgt ein Geheimnis, eine Metalltafel erinnert dort an Theodor Kiefer, der 1928 beim Bau des Aasees verunglückt ist. Wer war dieser Mann? ALLES MÜNSTER ging auf Spurensuche.

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Im Internet findet sich kein Hinweis, auch die Angaben auf dem Schild sind knapp gehalten: „Bei den Ausbauarbeiten des Aasees verunglückte am 24.3.1928 der Arbeitskamerad Theodor Kiefer tödlich“. Dem Münsterischen Anzeiger war der Tod des Arbeiters auf Seite fünf gerade einmal vier Sätze wert, versteckt zwischen anderen Beiträgen der Rubrik „Aus der Stadt Münster“. Zwei andere Todesfälle schienen den Medien damals deutlich wichtiger zu sein, der plötzliche aber natürliche Tod des münsterschen Reichstagsabgeordneten Anton Rheinländer und der bis heute ungelöste Mordfall an dem Abiturienten Helmut Daube in Gladbeck. Wer war also der Mann, der beim Bau des Aasees sein Leben ließ?

Hollenbeckerstraße 27, hier stand das Wohnhaus von Theodor Kiefer. In dem Geschäft unten rechts soll sich damals ein Fahrradgeschäft befunden haben. (Foto: Bührke)
Hollenbeckerstraße 27, hier stand das Wohnhaus von Theodor Kiefer. In dem Geschäft unten rechts soll sich damals ein Fahrradgeschäft befunden haben. (Foto: Bührke)

Theodor Philipp Gustav Stephan Kiefer wurde am 19. Januar 1907 in Münster in der Wohnung seiner Eltern geboren. Sein Vater Philipp Kiefer war Hausdiener und wohnte mit seiner Frau Auguste in der Marientalstraße 1b im Kreuzviertel. Wo er als Hausdiener tätig war, ist unklar, möglicherweise bei Vizefeldwebel Ernst Rest, der im selben Haus wohnte. Als Theodor am Bau des Aasees mitwirkte, wohnte er keine zehn Gehminuten von seinem Elternhaus entfernt in der Hollenbeckerstraße 27 im Kuhviertel. Er hatte dort eine illustre Sammlung von Mitbewohnern und Nachbarn. Im Erdgeschoss befand sich die Hufbeschlag-Lehrschmiede von L. Scharf, dem einzigen Bewohner des Hauses mit einem Telefonanschluss. Darüber wohnten der Schauspieler Alb. Böttger sowie Gertr. Jauch, im zweiten Stock der Buchhalter Walt. Eversberg eine Etage darüber wiederum lebte Jak. Kürten, die Witwe eines Monteurs. Den Namen von Theodor Kiefer nennt das Adressverzeichnis der Stadt Münster von 1928 ebenso wenig wie die Jahrgänge davor. Das Einwohnerbuch von 1924 gibt allerdings an, dass im zweiten Stock Ph. Kiefer wohnte, die Witwe eines Bandagisten. Da der Name Kiefer nicht sehr verbreitet war, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um eine Verwandte von Theodor handelte. Möglicherweise ist er in deren Wohnung eingezogen.

Zweiter Anlauf zum Bau des Aasees

Der Abraum wurde von einem Bagger in Kippwagen geschüttet. Von einem solchen Kippwagen wurde Theodor Kiefer erdrückt. (Foto: Sammlung Stoffers; Münsterländische Bank - Stadtarchiv)
Der Abraum wurde von einem Bagger in Kippwagen geschüttet. Von einem solchen Kippwagen wurde Theodor Kiefer erdrückt. (Foto: Sammlung Stoffers; Münsterländische Bank – Stadtarchiv)

1928 nahm der Bau des Aasees endlich Fahrt auf, die Zwangspause während des ersten Weltkriegs ließ die Bauarbeiten direkt nach ihrem Beginn 1914 wieder stocken, doch nun sollten die Arbeiten, die Münsters Erscheinungsbild fundamental verändern würden, endlich vollendet werden. Wenn Theodor das Haus verließ, schaute er direkt auf eines der imposantesten Wohnhäuser Münsters, den ehemaligen Wohnsitz von Münsters barockem Stararchitekten Johann Conrad Schlaun. Zu seiner Zeit wohnte dort unter anderem Wilderich von Galen, ein Verwandter des berühmten späteren Bischofs Clemens August Graf von Galen. Den Weg zu seiner Arbeitsstelle konnte der junge Mann zu Fuß problemlos in zwanzig Minuten zurücklegen. Laut Angaben des heutigen Hausbesitzers befand sich neben dem Haus von Theodor Kiefer früher ein Fahrradgeschäft der Firma Kiffe. Vielleicht schaute der junge Mann immer mal wieder durch das Schaufenster, um von einem neuen Fahrrad zu träumen, vielleicht hatte er auch bereits ein Rad, mit dem er zur Baustelle fuhr. Von der Hollenbeckerstraße ging es vermutlich über den Rosenplatz, die Jüdefelder Straße und den Krummen Timpen Richtung Aasee. Theodor Kiefer war erst seit zwei Monaten volljährig und möglicherweise sehr stolz, am Bau dieses Großprojektes mitwirken zu dürfen.

Das Unglück

Der zugefrorene Aasee während der Ausbaggerungsarbeiten. Die Kippwagen sind deutlich zu erkennen. (Foto: Stadtarchiv Münster, Fotosammlung Nr. 16)
Der zugefrorene Aasee während der Ausbaggerungsarbeiten. Die Kippwagen sind deutlich zu erkennen. (Foto: Stadtarchiv Münster, Fotosammlung Nr. 16)

Um das Wasser der Aa zu sammeln, wurde eine Senke von bis zu zwei Metern Tiefe ausgehoben. Der Abraum wurde von Baggern auf Kippwagen verladen, die auf Schienen standen und von einer kleinen Dampflok abtransportiert wurden. Theodor war Heizer und arbeitete als Bremser an den Kippwagen. Im Verlauf des 24. März 1928 geschah dann das Unglück, das für Theodor Kiefer tödlich enden sollte. Einer der Kippwagen entgleiste, der junge Mann wurde getroffen und erlitt schwere Quetschungen an der Brust. Sofort wurde er mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht, wo er noch am Abend gegen 21.30 Uhr starb. Der kurze Zeitungsbericht vom 26. März 1928 nennt als Behandlungsort das Clemenshospital, das damals noch im Stadtzentrum lag. Der Polizeibericht hingegen spricht vom Franziskushospital. Wann und wo Theodor Kiefer beerdigt wurde, ist unbekannt.

Die Gedenktafel wurde als minderwertig betrachtet und nicht eingeschmolzen. (Foto: Stadtarchiv Münster, Amt 47, Nr. 537)
Die Gedenktafel wurde als minderwertig betrachtet und nicht eingeschmolzen. (Foto: Stadtarchiv Münster, Amt 47, Nr. 537)

Seine Kollegen hat der frühe Tod des jungen Mannes offenbar so getroffen, dass sie zur Erinnerung eine Metalltafel haben anfertigen lassen, die an einer der Mauern am Nordende des Aasees befestigt wurde und dort noch heute hängt. Dass dies der Fall ist, liegt vermutlich daran, dass Theodor Kiefers Kollegen nicht allzu tief in die Tasche gegriffen haben, als es um die Tafel ging. In der „Kriegschronik der städtischen Polizeiverwaltung Münster vom 1. September 1939 bis zum 30. Juni 1944“ heißt es, dass die Tafel nicht abgegeben und eingeschmolzen wurde, weil ihr Bronzegehalt zu gering sei. Zum Ende des Krieges wurden viele Denkmäler, Kirchenglocken und andere Metallobjekte eingeschmolzen, um Waffen zu produzieren. Ein Schicksal, das der Gedenktafel am Ufer des Aasees erspart geblieben ist.

Lag es vielleicht am Wetter?

Die Sterbeurkunde von Theodor Kiefer. (Foto: Stadtarchiv Münster, Sterbeurkunde Nr. 412/1928)
Die Sterbeurkunde von Theodor Kiefer. (Foto: Stadtarchiv Münster, Sterbeurkunde Nr. 412/1928)

Nähere Informationen zur Ursache des Unglücks gibt es nicht. Es gab damals im März 1928 kurz vor dem Unfall allerdings ein ungewöhnliches Wetterphänomen. Der Winter wollte einfach nicht enden, die Arbeiten fanden bei Kälte auf halbgefrorenem Boden statt. Doch wie der Münsterische Anzeiger berichtete, kam es am Tag vor dem Unglück plötzlich zu einem wahren Frühlingsausbruch. Während es zuvor nachts immer wieder gefroren hat und die Temperaturen auch tagsüber nur knapp über Null lagen, stieg das Thermometer am Freitag auf außergewöhnliche 22 Grad. „Klimatisch haben wir alle innerhalb 48 Stunden einen Sprung von drei Monaten vorwärts gemacht“, wie der Wetterbericht erstaunt feststellte. Haben die frühlingshaften Temperaturen Theodor dazu verleitet, den Abend etwas zu ausgiebig im Biergarten zu verbringen? Waren es seine Kollegen von der Baustelle, die ihn mitgenommen haben und von der lauen Frühlingsluft animiert mehr getrunken haben, als sie vertragen haben? Haben die Nachwirkungen am nächsten Tag zu Unachtsamkeit und somit zu dem schrecklichen Unfall geführt und haben die Kollegen aus schlechtem Gewissen die Tafel anfertigen lassen? Das ist natürlich nur Spekulation.

Sollte von unseren Leserinnen und Lesern jemand weitere Informationen über Theodor Kiefer haben, würden wir uns sehr über entsprechende Hinweise und Kommentare freuen! Wir danken dem Stadtarchiv Münster und dem Stadtmuseum Münster für ihre Unterstützung. Ein besonderes Dankeschön geht an Henning Stoffers!

5 Kommentare

  1. Ebenso interessant wie Klasse recherchiert. Aber bei aller Tragik- wir sollten nun nicht anfangen jeden Toten von vor x Jahren aufzuarbeiten und ggf darüber auch noch in Deutungsstreitereien geraten.

    1. Ziel des Artikels sollte sein, dem Toten gewissermaßen ein Gesicht zu geben. Sofern es keine Leserin/Leser gibt, der weitere Hintergrundinformationen kennt, ist das Thema zumindest aus unserer Sicht abgeschlossen.

  2. Ebenso interessant wie Klasse recherchiert. Aber bei aller Tragik- wir sollten nun nicht anfangen jeden Toten von vor x Jahren aufzuarbeiten und ggf darüber auch noch in Deutungsstreitereien geraten. Matthias Pape

  3. Sehr interessanter Bericht, – Klasse geschrieben, gut recherchiert. – Solange es jedoch keine konkreten Hinweise für die Spekulationen am Ende des Textes gibt, sollte man damit vorsichtiger sein. Auch wenn das als denkbare, nicht erwiesene Ursache dargestellt wird, ist das die einzige Option, die angegeben wird und suggeriert damit eine gewisse Wahrscheinlichkeit.
    Warum ist die Möglichkeit, dass durch den plötzlichen Temperaturanstieg der Untergrund aufgetaut und aufgeweicht ist, nicht spekuliert worden?
    Trotzdem: Toll, dass solche Themen aufgegriffen werden!!!

    1. Guten Morgen und ein frohes neues Jahr! Herzlichen Dank zunächst für diese Rückmeldung. Dass es sich um reine Spekulation handelt, wurde ja so geschrieben, aber hätte ggf. noch deutlicher formuliert werden können.

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