Der Erfolg der “Hygienedemos” Die linke Gruppe "eklat_ms" erklärt in ihrer heute erscheinenden Broschüre die Ursachen und Wirkungen für den Erfolg der "Hygienedemos"

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Für die Broschüre „Mobilisierbare Deutsche“ hat die Gruppe "eklat_ms" die Hygienedemos in Münster untersucht. (Screenshot: eklat_ms, CC0)
Für die Broschüre „Mobilisierbare Deutsche“ hat die Gruppe “eklat_ms” die Hygienedemos in Münster untersucht. (Screenshot: eklat_ms, CC0)

Heute veröffentlicht die antifaschistische Gruppe eklat_ms die Broschüre „Mobilisierbare Deutsche“, in der sie die sogenannten Hygienedemos im letzten Jahr auf ihre Ursachen und Wirkungen untersucht. Dabei werden auch zwei Beispiele aus Münster näher diskutiert. Eklat_ms, von sich selbst als „linksradikale gruppe“ bezeichnet, äußert seit 2018 Kritik an der zunehmenden autoritären Formierung der Gesellschaft.

Bei den Hygienedemos handelt es sich um die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen, die oft mit Verschwörungstheorien einhergehen. Eklat_ms hat in dieser Broschüre die ideologischen Ansätze der Demonstrierenden offen gelegt und zeigt, dass es sich dabei nicht um eine belegte Gesellschaftskritik handelt. Auch wird die Frage untersucht, wie eigentlich zunächst unauffällige Akteur:innen rechten Ideologien immer näher kommen.

Die Hygienedemos begannen im letzten Jahr und zunächst versammelten sich Menschen, die zuvor wenig Erfahrung mit politischer Partizipation hatten. Eine kollektive Unzufriedenheit und das Gefühl, irgendwie handeln zu müssen, brachte viele Menschen auf die Straße. Es dauerte nicht lang, bis sich diese zunächst allgemeine Kritik an den Maßnahmen und an der Regierung auf Verschwörungstheorien gründete und laut eklat_ms zu einer konformistischen Rebellion wurde. Und das mit Erfolg. Denn die allgemein gehaltenen Parolen sprechen viele Menschen an und werden zunächst oft positiv, also als Ausdruck gehaltvollerer Diskussionen, verstanden.

Verschwörungstheorien klingen oft sehr abstrus, bieten den Menschen aber eine Antwort auf die Frage, warum manche Dinge einfach nicht nachvollziehbar sind. Außerdem beinhalten sie ein hohes Mobilisierungspotenzial: Diese Theorien verbinden Menschen, die sich zuvor ohnmächtig fühlten und geben ihnen das Gefühl einer Handlungsfähigkeit. In diesem Klima, das auf offener Irrationalität beruht, potenziert sich der Hass, da es keine Scham mehr gibt, gewisse Ansichten zu äußern.

Die Broschüre stellt auch die Frage, wie man diese Menschen wieder zur Reflexion und Mündigkeit führen kann. Laut eklat_ms ist das nur durch eine Selbstbefreiung der Menschen möglich, die allein durch erfolgreiches „Moral-Bombing“ geschehen kann. Das gestaltet sich aber als schwierig, da gerade diese Menschen überzeugt sind, dass sie frei von Konventionen und Autoritäten seien, obwohl gerade sie sich vorgefertigter Versatzstücke bedienten.

Als weiteres Problem wird der Antisemitismus in dieser Szene beschrieben. Verschwörungstheorien sind historisch und strukturell antisemitisch konnotiert. Dabei bietet der jüdische Glaube eine Projektionsfläche und wird so für zahlreiche Probleme verantwortlich gemacht. Auch nutzen die „Corona Rebellen“ diese Projektionsfläche, um das Abstrakte zu konkretisieren. Das Abstrakte ist dabei die Dynamik, durch die sich der Kapitalismus reproduziert und gegen die sich die Demonstrierenden auch wenden.

Darüberhinaus weisen die Hygienedemos auch antidemokratische Züge auf. So kritisieren viele Demonstrierende eine angebliche Diktatur. Bei dieser Rebellion gegen eine imaginierte Unterdrückung inszenieren sich die Teilnehmenden selbst als Opfer. Dabei würden sie eigentlich selbst eine Diktatur befürworten, die ihren Bedürfnissen gerecht wird.

Ein weiterer Aspekt, den die Broschüre beleuchtet, ist die Rolle der Esoterik bei den Demonstrationen. Diese beginnt bei merkwürdigen Gesundheitsvorstellungen, der sich auch immer wieder bedient wird, um die Impfungen zu kritisieren. Nicht selten wird dabei von der Kraft des Immunsystems gesprochen, das sich gegen das Virus selbstständig wehren könne. Allerdings beschränkt sich die Nutzung des Esoterikarguments nicht nur auf das Körperliche. Zur Reinheit gehöre auch das Befreien von allem Negativen. Dazu zählen auch Menschen, die sich der Bewegung nicht freiwillig anschließen.

Aus Münster werden zwei Beispiele vorgebracht. Die Personen, deren Entwicklung die Broschüre beschreibt, werden als „der Lebenskünstler“ und „der YouTuber“ bezeichnet. Beide sind Verschwörungstheoretiker, die die Gunst der Stunde genutzt haben, um ihren Ideen noch größeres Gehör zu verschaffen. „Der Lebenskünstler“ gibt sich dabei als Friedensaktivist. Laut eklat_ms ist das eine einfache Strategie, da das generelle Einsetzen für den Frieden keiner genauen Positionierung bedarf und man so viele Themen ansprechen kann. So ist es auch leicht möglich, dass man über die Friedensthematik in Reichsbürgerkreise kommt. „Der YouTuber“ nutzt in seinen Videos ein strukturelles antisemitisches Framing. Er beschreibt außerdem eine Zukunft, in der der Kapitalismus nicht auf Kapitalverwertung zielt und in der Menschen jüdischen Glaubens sich dieser neuen Gesellschaftsform nicht anschließen wollen. Auch nutzt er esoterische Gedanken. So könne man sich nur als Gemeinschaft, also auf Demonstrationen, mit spiritueller Kraft gegen schlechte Energie wehren.

Bei allen Aspekten wird immer wieder eine Kapitalismuskritik deutlich. Die Broschüre betont, dass soziale Berufe und Gesundheitsberufe keine adäquate Anerkennung bekommen. Eine kapitalistische Gesellschaft stehe außerdem nicht im Sinne menschlicher Bedürfnisse. So wiege das Bedürfnis, weiterhin Kapital zu akkumulieren, stärker als das, Leben zu schützen. Darin sehen zumindest die Autoren die Gründe für die noch geöffneten Büros und Produktionsstätten. Außerdem habe schon vor dem Coronavirus eine Krise bestanden. Die ohnehin schon prekären Verhältnisse zwischen Produktion und Reproduktion würden nur gerade noch stärker in den Fokus gerückt. Der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ treffe dabei vorwiegend Entscheidungen zugunsten kapitalistischer Strukturen. Die Problematik aufgrund dieser Grundstrukturen gebe es allerdings schon lange.

Eklat_ms zeigt sich auch offen für eine Kritik der aktuellen Lage. Allerdings sei der Ansatz der Hygienedemos der falsche. Dennoch müssen sich alle Menschen die Frage stellen, wie die aktuellen Probleme zu lösen seien. Mit ihrer eigenen Beantwortung dieser Frage setzt die Gruppe sich in der Broschüre teilweise auch selbstkritisch auseinander.

Die Broschüre „Mobilisierbare Deutsche“ bietet zahlreiche interessante Ansätze um den Erfolg der sogenannten Hygienedemos zu erklären. Die Zugkraft von Verschwörungstheorien wird aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet und bietet so eine fundierte Diskussionsgrundlage. Allerdings muss dafür zunächst die teilweise sehr theoretische Sprache durchdrungen und wissenschaftlich formulierte Ideen verständlich gemacht werden. Eine bereits erfolgte Auseinandersetzung mit kapitalismuskritischen Ideen ist für einige Passagen sicherlich auch hilfreich.

Doch auch ohne besondere Vorkenntnisse kann man einige neue Denkanstöße mitnehmen und sich vor allem über die Münsteraner Szene informieren.

Die Broschüre ist ab heute für 6 € erhältlich und umfasst 70 Seiten. Die Bezugsquellen werden in Kürze unter https://eklatmuenster.blackblogs.org/ bekanntgegeben.
Lisa Bauwens

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