Bezirksregierung lehnt Gesamtschule Roxel ab Enttäuschung in Münster bei den Ratsfraktionen von SPD, Grünen und CDU / Standort Roxel könnte laut Vorabprüfung die Gesamtschule Havixbeck gefährden

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Doris Feldmann, Philipp Hagemann, Beate Kretzschmar und Marius Herwig von der SPD Münster vor der Friedrich-Hundertwasser-Sekundarschule in Roxel, die nun doch nicht zur Gesamtschule werden soll. (Foto: SPD Münster)

Nahezu alle Parteien in Münster fordern eine dritte städtische Gesamtschule, da die Nachfrage viel höher ist, als das bisherige Angebot. Ins Spiel gebracht wurde die Friedrich-Hundertwasser-Schule in Roxel, die bald nicht mehr als Sekundarschule gebraucht wird. Aber die Bezirksregierung Münster hat sich gestern gegen den Gesamtschulstandort Roxel ausgesprochen, weil dieser die Gesamtschule Havixbeck gefährden könnte. Von SPD und Grünen bis zur CDU äußerten sich münstersche Politiker aus verschiedenen Parteien enttäuscht über diese Entscheidung und fordern eine neue Bewertung.

Würde Münster zum jetzigen Zeitpunkt eine dritte Gesamtschule im Stadtteil Roxel errichten, so kann eine Gefährdung der Gesamtschule Havixbeck mit dem Teilstandort Billerbeck nicht völlig ausgeschlossen werden. So bewertet jedenfalls die Bezirksregierung das Ergebnis einer Vorabprüfung auf Grundlage von aktuellen Prognosedaten zur Schulentwicklung, die Münster, Havixbeck und Billerbeck vorgelegt haben. Die Stadt Münster hatte die Vorabprüfung erbeten, um die Chancen einer Umwandlung der Friedensreich-Hundertwasser-Sekundarschule in Münster-Roxel (die zum Schuljahr 2020/2021 auslaufend gestellt wurde) in eine dritte Gesamtschule einschätzen zu können.

Regierungspräsidentin Dorothee Feller (Mitte) erläutert die Einschätzung der Bezirksregierung Münster im Beisein der schulfachlichen Dezernentin Dr. Brigitte Schulte (links) und Pressesprecher Ulrich Tückmantel (rechts) bei der Video-Pressekonferenz (Foto: Bezirksregierung Münster)

Das Bedürfnis für eine neue Gesamtschule in Münster erkennt die Bezirksregierung an, auch dass sie die notwendige Mindestgröße haben wird. Aber sie könnte nicht genehmigt werden, wenn „objektiv und nachweisbar prognostiziert werden müsste, dass die benachbarte Gesamtschule Havixbeck kausal durch die in Roxel geplante Schule in ihrem Bestand oder auch nur im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit und Attraktivität gefährdet erscheint“, wie es in der Stellungnahme der Bezirksregierung heißt. Und eine solche Verletzung erscheine „derzeit nicht völlig unbegründet“. Nicht nur eine sinkende Zahl von Schülern aus den Umlandkommunen wird durch diese Konkurrenz befürchtet, sondern auch eine „gefährliche Abwärtsspirale“ in der Qualität.

„Diese Entscheidung der Bezirksregierung ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich für den Gesamtschulstandort Roxel und für die zügige Schaffung von weiteren Gesamtschulstandplätzen in Münster eingesetzt haben“, empört sich die SPD Münster, die sich wohl von allen am längsten für die Einrichtung einer dritten städtischen Gesamtschule in Roxel stark gemacht hat. „Hier existiert ein modernes, zukunftsfähiges Schulzentrum mit einer ausgesprochen attraktiven Sport-Infrastruktur. Die meisten der an den bestehenden Gesamtschulen abgelehnten Kinder wohnen im Westen der Stadt. Eine bedarfsgerechte Schulentwicklung darf das nicht außer Acht lassen. Als SPD erwarten wir, dass Herr Stadtdirektor Paal die Entscheidung und die von der Gemeinde Havixbeck vorgelegten Zahlen zeitnah überprüft und bewertet“, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Marius Herwig (Vorsitzender der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Münster), Doris Feldmann (stellv. Fraktionsvorsitzende und schulpolitische Sprecherin), Philipp Hagemann (SPD-Ratsherr für Roxel) und Beate Kretzschmar (SPD-Fraktionsvorsitzende in der BV Mitte). Und sie fügen hinzu: „Münster braucht weitere Gesamtschulplätze und wir brauchen sie schnell. Die jährlichen Zahlen der abgelehnten Kinder bei der Anmeldung zu den bestehenden Gesamtschulen sprechen hier eine deutliche Sprache. Jedes Kind hat nur eine Schulzeit. Es gilt daher parallel einen Plan zu entwickeln, wo eine dritte städtische Gesamtschule in Münster alternativ eingerichtet werden kann. Die SPD-Ratsfraktion wird hierzu das Gespräch mit der Verwaltung und den anderen Fraktionen und Gruppen im Rat suchen.“

Christoph Kattentidt, Fraktionssprecher der Grünen, vor dem Schulgebäude in Roxel. (Foto: GRÜNE Ratsfraktion)

Die Koalitionspartner von den Grünen wird die SPD nicht lange bitten müssen. Denn Christoph Kattentidt, grüner Fraktionssprecher und schulpolitischer Sprecher seiner Fraktion, stößt ins gleiche Horn: „Das ist eine dramatische Fehlentscheidung, in deren Folge vielen münsterischen Kindern den Weg an die Gesamtschule versperrt ist. Ich halte diesen Zustand für nicht tragbar. Jetzt geht es für uns Grüne darum, mit hoher Priorität die dringend notwendigen Gesamtschulplätze zu schaffen. Hierzu führen wir in den kommenden Tagen und Wochen Gespräche, denn es braucht jetzt einen schnell umsetzbaren Plan B. Wir lassen Kinder und Eltern nicht im Regen stehen. Zumindest herrscht durch die Entscheidung der Regierungspräsidentin jetzt Klarheit, unter welchen Rahmenbedingungen die Schulplanung künftig stattfindet. Für die wachsende Stadt Münster muss es künftig wieder eine Schulentwicklungsplanung geben, auch hier sind Stadtverwaltung und Fraktionen gefordert. Spätestens nach der Landtagswahl 2022 muss auch die Landespolitik handeln: Gesetzliche Regeln, nach denen eine Stadt hunderten Kindern ihren Schulwunsch verweigern muss, weil andernorts die Bildung einer Eingangsklasse gefährdet sein soll, sind kaum nachvollziehbar: Sie frustrieren Kinder und Eltern zurecht.“

Aber auch die CDU Münster (in den 1990er Jahren noch erklärter Gegner der Gesamtschulen) zeigt sich genauso erschüttert von der Entscheidung der Bezirksregierung. Laut Ratsherr Meik Bruns, schulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion und Vorsitzender des städtischen Schulausschusses, gilt es nun, „alternative Lösungen zu finden und die hohe Nachfrage nach Gesamtschulplätzen zu befriedigen“. Er fordert dafür „zeitnah eine Schulentwicklungsplanung von der Verwaltung, welche die gesamte Stadt im Blick hat“. „Das ist ein schwerer Schlag für den Schulstandort Münster“, meint auch CDU-Fraktionsvorsitzender Stefan Weber. „Die Stadt braucht dringend eine dritte städtische Gesamtschule. Roxel ist dafür hervorragend geeignet angesichts der starken Nachfrage im wachsenden Westen und der vorhandenen Schulinfrastruktur. Die von der Stadt Münster der Bezirksregierung vorgelegten Zahlen belegen, dass eine Auslastung der Schule aus dem Stadtgebiet Münster erfolgen kann und die Ängste aus dem Kreis Coesfeld unbegründet sind. Nun wird zu prüfen sein, wie Münster auf diese unverständliche Entscheidung reagiert.“

Die angesprochene Verwaltung wird sich die Mitte Juli von Havixbeck und Billerbeck vorgelegten Daten zur Bestandsgefährdung der Gesamtschule Havixbeck zunächst genauer anschauen, um eine Bewertung dazu abgeben zu können. Sie nimmt das Gesprächsangebot der Regierungspräsidentin zur Erläuterung der Entscheidung gerne an, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Denn die Stadt sei weiterhin davon überzeugt, dass allein aufgrund der insgesamt steigenden Schüler- und Schülerinnenzahlen in Münster eine Bestandsgefährdung der Anne-Frank-Gesamtschule in Havixbeck und Billerbeck nicht zu erwarten wäre. „Die Bezirksregierung ist hier offenbar zu einer anderen Einschätzung gekommen“, so Stadtdirektor Thomas Paal. Und auch der Chef der Verwaltung, Oberbürgermeister Markus Lewe, nennt noch ein Argument: „Es ist sehr schade, dass die Bezirksregierung Münster keine Genehmigung in Aussicht gestellt hat, in Roxel eine weitere Gesamtschule einzurichten – zumal die dort vorhandenen Schulgebäude fast unmittelbar hätten genutzt werden können“.

Ralf Clausen

Ein Kommentar

  1. Das ist nicht zu fassen!
    Eine weitere Gesamtschule wird für Münster unbestritten dringend benötigt. In Roxel steht ein sehr funktionales, mit hervorragenden Sportstätten und Mensa ausgestattetes Schulgebäude zur Verfügung. Auch ist es mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Die nahen Stadtteile – Roxel, Albachten, Mecklenbeck, Gievenbeck und auch Münster Zentrum – expandieren mit ihren neuen Wohngebieten. Schulen werden hier dringend gebraucht. Hinzu kommt, dass die Bezirksregierung unseren Kindern aus diesem Bereich zumutet, den deutlich weiteren und aufwendigeren Schulweg bis nachHavixbeck zu bewältigen. Und das mit so fadenscheiniger Begründung – Sorge um Bestand und Qualität der Havixbecker/ Billerbecker Gesamtschule. Auch diese Orte expandieren mit ihren Einwohnerzahlen. Ihr Einzugsgebiet ist auch nicht nur auf Münster bezogen, sondern umfasst Coesfeld, Nottuln, Altenberge, Nienberge und umliegende Gemeinden.
    Welche Eitelkeiten begründen diese nicht nachvollziehbareEntscheidung der Bezirksregierung? Hier wird wieder zu Lasten der Kinderentschieden, die wehren sich nicht. Ich hatte die Politiker so verstanden, dass nun endlich Schulpolitik FÜR Kinder praktiziert werden soll und nicht wieder Fehlentscheidungen auf dem Rücken von Kindern.
    Welche Pläne hat die Bezirksregierung für das gebrauchsfertige Schulgebäude in Roxel? Leerstand? Es wurde von Steuergeldern gebaut!
    Hoffen wir, dass die entscheidenden Instanzen noch zur Vernunft kommen
    C. Wendt-Borgstädt

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