Bewegender Abschluss beim 26. Jazzfestival Münster 2017

Han Bennink begeisterte mit Spielwitz und jugendlichem Elan. (Foto: sg)
Han Bennink begeisterte beim Jazzfestival Münster mit Spielwitz und jugendlichem Elan. (Foto: sg)

Sehr abwechslungsreich ging das Jazzfestival Münster am Sonntag Abend in die Schlussrunde. Anders als in so manchen vorherigen Jahren hat nicht ein großes Ensemble den Schlusspunkt gesetzt, sondern den Abend im Großen Haus des Theater Münster eröffnet. Die kleineren Gruppen, die danach die Bühne betraten, konnten dennoch alle mithalten. Sie überzeugten aber, jede für sich, auf ganz unterschiedliche Weise.

Mit Anne Paceo eroberte zum dritten Mal auf diesem Festival eine Schlagzeugerin die Herzen der Jazz-Fans. Wobei sie zunächst mit Rhythmen begann, die wir eher der DJ-Kultur zuordnen, wie Hip Hop oder Trip Hop. Unterstützt wurde dieser Eindruck auch davon, dass ihre Mitstreiter gelegentlich elektrische Effektgeräte für Loops oder Verzerrungen benutzten, was bei Jazz-Sängerinnen und Saxophonisten ja eher ungewöhnlich ist. Die Band erweiterte ihren Spielraum aber bald in viele andere musikalische Richtunge. Dazu trug  nicht nur der oft sehr sphärische und obertonreiche Gesang von Leila Martïal bei, sondern auch der Saxophonist Christophe Panzani, in seinen Soli angetrieben von Tony Paeleman an den Tasten seiner Fender Rhodes und der Bandleaderin am Schlagzeug. Zu hören ist das Programm dieses Quartetts übrigens auch auf dem Album „Circles“, das vor einigen Monaten erschienen ist.

Anne Paceo war die 3. überzeugende Schlagzeugerin auf dem Festival. (Foto: sg)
Anne Paceo war die 3. überzeugende Schlagzeugerin auf dem Festival. (Foto: sg)

Auffallend weniger herzlich als für  Anne Paceo fiel der Applaus für das Trio von João Barradas aus, obwohl dieses „Wunderkind am Knopfakkordeon“ (so der O-Ton im Programmheft) eigentlich alle umgehauen haben sollte. Vielleicht lag es an der zurückhaltenden Art, mit der dieser 24jährige Portugiese seine hervorragende Musik präsentierte. Er begann elektronisch mit einem Midi-Akkordeon, über das er rhythmisch Samples aus Interviews zum Thema Jazz steuerte. Aber meistens griff er zum akustischen Knopfakkordeon und ließ atemberaubende Läufe hören, die eher von einem Saxophonisten in einem Hardbop-Trio zu erwarten wären. Auch Ausflüge in Richtung Balladen und Fusion Jazz bis hin zum geradezu klassischen Bebop gestaltete er stilsicher, begleitet von seinen souveränen Partnern, André Rosinha am Bass und Bruno Pedroso am Schlagzeug. Mit dieser guten Wahl hat Fritz Schmücker endlich auch Portugal auf die musikalische Landkarte des Jazzfestivals gesetzt.

Daniel Zamir brachte Jazz und jüdischen Glauben zusammen. (Foto: sg)
Daniel Zamir brachte Jazz und jüdischen Glauben zusammen. (Foto: sg)

Schon mehrmals waren dagegen israelische Musiker hier zu Gast. Der Saxophonist Daniel Zamir bereitete bei seinem letzten Konzert des 26. münsterschen Jazzfestivals aber ein paar ganz besondere Momente. Unter seinem Sakko lugten die Fransen seines Tallits hervor, eines traditionellen jüdischen Gebetshemdes, auf dem Kopf trug er eine Kippa. Zu hören gab es jedoch so gut wie keinen Ton, der an Klezmer erinnerte, obwohl sein Sopransoxophon dafür sicher geeignet wäre. Das Daniel Zamir Quartett bot vor allem klassischen Mainstream-Jazz, nur mit gelegentlichen Ausflügen in Richtung orientalischer, osteuropäischer oder anderer weltmusikalischer Folklore, bis hin zum Latin Jazz. Immer mehr ließ er bei seinen englischsprachigen Moderationen deutlich werden, dass der Glauben ihm so wichtig ist, wie die Musik und der Frieden, wobei sich alles auf die simple Botschaft zusammenfassen lasse: „Live and let live“. En passant erzählte er dabei eine etwas kitschige Geschichte von seinem Konzert vor syrischen Flüchtlingen und brachte das Publikum mehr als einmal zum Mitsingen. Das hat er sicher schon enthusiastischer erlebt, aber für Münsters Verhältnisse war das Ergebnis  schon beachtlich – auch wenn sich manche fragten, was sie da eigentlich auf Hebräisch singen.

Tristan Honsinger dirigierte das ICP Orchestra auf ganz eigenwillige Art. (Foto: sg)
Tristan Honsinger dirigierte das ICP Orchestra auf ganz eigenwillige Art. (Foto: sg)

Eröffnet wurde der Sonntagabend im Großen Haus von dem zehnköpfigen ICP-Orchestra aus den Niederlanden, das gleich zwei Geburtstage zu feiern hatte. Vor 50 Jahren gründeten u.a. Willem Breuker und Han Bennink das unabhängige Label ICP, um eigene Schallplatten mit ihrer freien improvisierten Musik zu veröffentlichen. Und der Schlagzeuger Han Bennink, der auch das ICP-Orchester in den 70er Jahren mitgegründet hat, wird im April seinen 75. Geburtstag feiern, was die zehn Musiker auf der Bühne mit der ihnen eigenen, manchmal etwas albernen Ausgelassenheit vorwegnahmen. Denn freie Musik läuft bei diesen von der gerade wieder etwas populärer werdenden Fluxus-Kunstbewegung beeinflussten Holländern gerne auf Happening hinaus. Da spielten sie Szenen wie aus dem absurden Theater, der großartige Han Bennink imitierte einen Hasen und als Kröning dirigierte Cellist Tristan Honsinger die Bläser-Section flatternd und herumstapfend wie ein Vogelmensch. Neben eigenen Stücken, die komische Titel wie „Alexanders Marschbefehl“ trugen, würdigten die zehn auch mit großer Musikalität die Kompositionen von Thelenious Monk und Duke Ellington, auch wenn ihre Interpretationen gerne mal den Erwartungen von „normalen Jazzhörern“ zuwiderliefen. Aber wegen dieser Mischung aus Überraschungen und Spielfreude begeisterten sie das Publikum beim 26. Jazzfestival Münster, und so manch ein Enthusiast freute sich, dass freier Jazz so gut beim großen Publikum ankommt.

Insgesamt hat Festival-Leiter Fritz Schmücker wieder eine gute Hand bei der Zusammenstellung des Programms bewiesen. Er konnte zum Abschluss allerhand Glückwünsche und dankende Händedrücke entgegen nehmen. Wer nicht die zwei Jahre bis zum nächsten Festival im Theater Münster abwarten kann, sollte am 10. und 13. Februar WDR 3 einschalten, wo jeweils von 20 bis 22 Uhr die Aufzeichnungen der Konzerte vom Samstag ausgestrahlt werden. Und in einem Jahr, am Sonntag, 7. Januar 2018, findet die eintägige Veranstaltung „Jazz Inbetween“ an der gleichen Stelle wie die große Schwester statt.

 

 

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