Zu Gast bei Münsters Türmer

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Ein nächtlicher Blick vom Lambertiturm in Richtung Dom. (Foto: Thomas Hölscher)

298 Stufen geht es hoch – ganz schön aus der Puste sind wir, als wir in der Türmerstube von St. Lamberti, dem Arbeitsplatz von Wolfram Schulze, ankommen. Seine persönliche Bestzeit: knappe vier Minuten.

Erste Amtshandlung ist die Meldung bei der Leitstelle der Feuerwehr: „Schulze hier – ich bin auf St. Lamberti. Schönen Abend noch.“ Genau das ist früher die zentrale Aufgabe des Türmers gewesen. Er wachte über die Stadt und hielt nach Bränden Ausschau. Stolz erzählt Schulze: „Einmal habe ich sogar Pferde gerettet, als es in einem Stall in Kinderhaus gebrannt hat. Ich war der erste, der bei der Feuerwehr angerufen hat. Da war sogar Sat.1 am nächsten Tag hier und hat ein Interview gemacht.“

Jeden Abend zwischen 21:00 Uhr und Mitternacht ist Münsters Türmer hier oben auf 75 Metern Höhe. Außer dienstags, das ist sein freier Tag. „Dann kann ich mal ins Theater oder in die Kneipe. Oder auch mal ins Kino, sonst komm ich ja abends nicht weg, und immer nachkommen ist auch nicht schön.“ Dienstags „tutet“, so nennt es Schulze, niemand vom Turm. In Urlaubs- und Krankheitsfällen hält die Stadt eine Vertretung bereit. Genau diese war es, „die mich eines Abends ganz schön ins Schwitzen brachte“, erinnert sich Schulze. „ Als ich hier rauf kam und das Horn nicht da war, musste ich ihn erstmal anrufen. Der erzählte mir dann, dass er es draußen wohl hat stehenlassen. Die größte Katastrophe aller Zeiten wäre, wenn das Horn abhanden kommen würde. Es gibt nämlich kein Ersatzhorn.

Das historische Horn ist ein Unikat. (Foto: Thomas Hölscher)
Das historische Horn ist ein Unikat. (Foto: Thomas Hölscher)

Ende des Jahres geht der Türmer nach 19 Dienstjahren in den Ruhestand. Seine Schätzung über die in den Jahren zurückgelegten Stufen: „Das müssten so um die 3,5 Mio. sein. Früher bin ich an manchen Tag nicht „nur“ 600 Stufen gelaufen, sondern auch mal 1200. Da musste man die Tür unten noch von Hand abschließen. Und wenn ich mal Besuch hier oben hatte, musste ich halt wieder mit runter um ihn rauszulassen. Mittlerweile fällt die Tür einfach ins Schloss. Von daher komme ich auch sicher auf 4 Mio.“

Immer wieder hat Wolfram Schulze Besuch auf „seinem Turm“. Gut und gerne 2000 sind sicherlich schon oben gewesen. Presse- und Medienvertreter und Prominente. „Nur der Kaiser von China war noch nicht da“, schmuzelt Schulze. „Dafür aber schon Reporter aus Japan und Argentinien“. Allerdings reglementiert die Pfarre die Besuche streng. Aber oft genießt Schulze auch die Ruhe über den Dächern von Münster. „Früher habe ich viel gelesen. Aber von Büchern habe ich mich vor über drei Jahren komplett getrennt, damals bin ich ein richtiger Bücherfreak gewesen. Das hätte aber fast auch etwas von meinem Leben zerstört, zuletzt hatte ich über 6000 Bücher zuhause. Dann habe ich von heute auf morgen kein Interesse mehr an Büchern gehabt. Jetzt habe ich schon über 2500 wieder verkauft in den letzten Jahren.“ Stattdessen kommt das Radio zum Einsatz. Der Fernseher des Vorgängers wurde schnell herunterbefördert. „Ich fand das immer ganz fürchterlich, wenn Derrick lief und ich die Auflösung nach 24.00 Uhr nicht mehr mitbekommen konnte, weil ich da ja schon Feierabend hatte. Dann habe ich auch mal einen Horrorfilm gesehen, das muss man nicht haben hier oben, wenn es dann stürmt und das Licht flackert.“

Leute mit Höhenangst sind auf dem Turm der Lambertikirche nicht gut aufgehoben. Denn eine Trage passt durch die engen Aufgänge nicht. Aus diesem Grund hat die Feuerwehr vor einigen Jahren einen Rettungsplan erstellt. „Wir sind höher als jede Drehleiter und höher, als jeder Kran kommt. Daher würde im Notfall durch Höhenretter der Feuerwehr eine Seilbahn aufgebaut – in gut 1,5 Stunden“, weiß Wolfram Schulze. Zum Glück kam diese aber noch nie zum Einsatz.

Ende des Jahres geht Türmer Schulze in den Ruhestand. (Foto: Thomas Hölscher)
Ende des Jahres geht Türmer Schulze in den Ruhestand. (Foto: Thomas Hölscher)

Zum Jahresende geht Schulze in den Ruhestand, aber nicht ohne zuvor noch seinen Nachfolger einzuarbeiten. Dieser steht noch nicht fest. Fest steht dafür, was „der Neue“ mitbringen muss. „Sicherlich die Fähigkeit, Ruhe zu ertragen und auf der anderen Seite werbewirksam auftreten zu können, zwei starke Gegensätze“, weiß Schulze. „Außerdem sollte er mit Witterung und Kälte gut zurechtkommen, denn trotz zweier Heizöfen sind mehr als 14 Grad nicht drin“. An seinem letzten Arbeitstag werden nur einige persönliche Sachen den Turm verlassen, darunter Schulzes Fotoalbum und sein goldenes Buch, in das sich seine Besucher eintragen durften. Langweilig wird ihm aber ganz sicher nicht werden, denn ab Januar kann man ihn sicher in seinem Lieblingsantiquariat Solder (bekannt aus „Wilsberg“) antreffen.

Noch mehr Bilder gibt es in unserer Fotostrecke.

Historische Bilder wurden uns freundlicherweise durch das Stadtarchiv Münster (http://www.muenster.de/stadt/archiv) und den LWL / Volkskundliche Kommission für Westfalen zur Verfügung gestellt und sind hier zu sehen.