Was wir den Tieren zumuten und wie sie darauf reagieren Das Buch "Tierwelt am Limit" von Norbert Sachser und Niklas Kästner zeigt auf, wie Tiere auf die sich schnell verändernden Umweltbedingungen reagieren

Diesem Huhn geht es gut, versprochen! Vielen anderen Tieren, ob Wild- oder Nutztier, geht es oft wesentlich schlechter. (Foto: Bührke)
Diesem Huhn geht es gut, versprochen! Vielen anderen Tieren, ob Wild- oder Nutztier, geht es oft wesentlich schlechter. (Foto: Bührke)

Die Welt könnte für die Tiere so schön sein, wenn da nicht diese eine, extrem nervige Spezies wäre: der Mensch. Dabei verfügen manche Arten über bemerkenswerte Anpassungsfähigkeiten, die aber auch ihre Grenzen haben. In ihrem neuesten Buch „Tierwelt am Limit“ schildern die münsterschen Tierverhaltensforscher Norbert Sachser und Niklas Kästner zahllose Untersuchungen und Experimente, in denen mit zum Teil sehr aufwendigen Methoden der Frage nachgegangen wurde, wie sehr sich Wild- und Haustiere an eine Welt anpassen können, die von uns mit rasender Geschwindigkeit verändert wird.

Falter, deren Erscheinungsbild dunkler wurde, weil sie dadurch auf den von industriellen Abgasen immer grauer werdenden Birkenrinden vor Fressfeinden besser getarnt sind, Fische, die sich an enorm hohe Giftkonzentrationen im Wasser angepasst haben, oder sogar Elefanten, die keine Stoßzähne mehr haben, um dadurch für Jäger uninteressant zu sein – die vielen Beispiele, die Sachser und Kästner zusammengetragen haben, um zu zeigen, wie sich Tiere an unser Handeln anpassen, sind beeindruckend. Auch die Möglichkeiten vieler Tierarten, von ihren Artgenossen zu lernen und sich so anzupassen, sind zum Teil verblüffend.

Dann müssen wir uns also keine großen Sorgen um die Konsequenzen unseres Handelns machen, weil die Tiere offenbar schon irgendwie damit klarkommen werden? Das zu glauben, wäre ein fataler Irrtum. Das machen die Autoren immer wieder deutlich: Die Anpassungsfähigkeit hat klare Grenzen. So müssen viele Tiere unter dem Klimawandel leiden. Manche Arten wechseln als Reaktion darauf ihren Lebensraum, zum Beispiel indem sie höhere Regionen aufsuchen, in denen es kühler ist. Hier sind die Grenzen klar gesetzt: Haben sie den Gipfel erreicht, sind sie damit auch am Limit der Anpassung angelangt.

Unsere leidenden Haus- und Nutztiere

Geht es im ersten Teil des Buchs um Wildtiere, wenden sich die Autoren im zweiten Teil den Haus- und Nutztieren zu. Mit der Domestizierung von Hund, Katze, Schwein, Kuh und Co. änderte sich auch unser Bild von diesen Tieren. Auf der einen Seite die schlauen Wildtiere wie Fuchs und Eule, auf der anderen die braven, angepassten Hunde und Schweine. Wie wenig sich die domestizierten Tiere von ihren wilden Vorfahren im Grunde genommen unterscheiden, wird in vielen, zum Teil sehr aufwendigen Experimenten und Untersuchungen dargelegt. Das letzte Kapitel zeigt in aller Deutlichkeit auf, wie unsere domestizierten Haus- und vor allem Nutztiere zum Teil leiden müssen, zu welchen Emotionen diese Tiere fähig sind und wie wenig es ihnen möglich ist, sich an Haltungsformen anzupassen, die ausschließlich auf Produktivität ausgerichtet sind.

Der Klappentext. (Foto: Bührke)
Der Klappentext. (Foto: Bührke)

„Tierwelt am Limit“ ist ein Buch, das mit wissenschaftlicher Genauigkeit, aber ohne erhobenen Zeigefinger und mit einer sehr verständlichen Sprache daherkommt. Es zeigt anhand vieler Beispiele auf, welche Folgen unser Handeln, bewusst oder unbewusst, auf die Tierwelt dieses Planeten hat und wie die Tiere darauf reagieren. Es setzt auch den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein Denkmal, die zum Teil jahrelang und mit komplizierten Versuchsanordnungen forschen, um unser Bild von der Welt der Tiere zu vervollständigen. Jede Untersuchung und jedes Experiment wird am Ende des Buches mit Quellenangaben belegt. Eine Akkuratesse, die im heute üblichen und täglich zu beobachtenden Behaupten und Leugnen im öffentlichen Diskurs bei vielen Themen zu wünschen wäre.

„Tierwelt am Limit“ ist eine unbedingte Leseempfehlung, nicht nur für Tierfreunde, sondern für jeden, der mehr darüber erfahren möchte, was gerade durch unser Handeln auf der Welt geschieht und wie die Tierwelt darauf reagiert. Wenig erstaunlich, dass das Buch zum „Wissensbuch des Jahres 2026“ nominiert wurde.

Tierwelt am Limit: Die erstaunlichen Anpassungsstrategien der Wild- und Haustiere und ihr Scheitern im Anthropozän; Rowohlt 2026, Seitenzahl der Print-Ausgabe: 304; ISBN: 978-3498002558; 26 Euro (gebundene Ausgabe).

Letzte Artikel von Michael Bührke (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert