Martje Saljé ist Türmerin mit Herz und Horn

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Türmerin Martje Saljé im Interview mit ALLES MÜNSTER. (Foto: th)
Türmerin Martje Saljé im Interview mit ALLES MÜNSTER. (Foto: th)

„Herzlich“, das ist unser erster Eindruck von Türmerin Martje Saljé, als wir sie vor einigen Tagen persönlich an ihrem neuen Arbeitsplatz in luftiger Höhe treffen. Der Aufstieg fällt ihr nur halb so schwer wie uns, schließlich trainiert sie für den nächsten Wüstenmarathon in Marokko.

Seit genau einem Monat ist die 33-Jährige nun nicht nur Münsteranerin sondern auch die erste Türmerin in der Stadtgeschichte. Münster ist aber bis dato kein Fremdwort für sie gewesen: Tante, Onkel und Cousinen wohnen bereits hier. Daher kennt sie auch den Kiepenkerl: “Dort kann man richtig gut essen”, lacht Martje Saljé.

Als im letzten Jahr die Online-Stellenanzeige mit dem Titel “Wollen Sie berühmt werden?” sah, war ihr direkt klar: “Das ist meins, dafür muss ich alles geben”. Und das tat die gebürtige Oldenburgerin. Brav wollte sie sogar höchstpersönlich ihre Bewerbungsunterlagen in der Stadtverwaltung abgeben, doch als sie dann nach 2,5-stündiger Anreise mit der Bahn endlich ankam, stand sie bereits vor verschlossenen Türen. So landete die Bewerbung dann im Briefkasten. “Aber da ich dann ja schonmal da war, hab ich eine Stadtführung mitgemacht und am Abend dem damaligen Türmer beim Tuten zugehört”, erzählt Martje Saljé.

Dann, nach einiger Zeit, ging alles ganz schnell. Sie wurde zum Recall nach Münster eingeladen, gemeinsam mit einem weiteren Mitbewerber, und zwar direkt auf dem Turm. Auch dort konnte sie sich immer noch vorstellen, den Job anzutreten. “Auch mit dem Wissen, dass es hier nicht mal eine Toilette gibt”, lacht die frischgebackene Türmerin. Im Dezember kam dann kam die Zusage. Nach zwei Tagen Einarbeitung durch Vorgänger Wolfram Schulze wacht Saljé nun an sechs Abenden in der Woche über die Stadt. “Während meine ersten Versuche auf dem Türmer-Horn noch in Richtung Jazz gingen, läuft es mittlerweile eigentlich ganz rund und ich treffe den richtigen Ton”, lacht Saljé.

Nicht nur das Horn bescherrscht die Türmerin. (Foto: th)
Nicht nur das Horn bescherrscht die Türmerin. (Foto: th)

“Anders als bei vielen anderen Jobs, bei denen Teamwork gefragt ist, muss man hier die Fähigkeit haben, alleine sein zu können”, weiß die neue Türmerin. Das kann sie ganz gut: Bis zum Nachmittag ist sie gern unter Menschen, doch am Abend braucht sie Zeit für sich, um die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. “Oft habe ich meine Gitarre mit oben, spiele und schreibe Lieder.“

Die Resonanz auf die Neubesetzung der Stelle sei durchaus durchwachsen, erklärt Saljé. Während man sich im Familien- und Freundeskreis mit ihr freut, begegnet ihr so mancher Münsteraner deutlich anders. “Die Rechtsabteilung der Stadt ist schon auf mich zugekommen, nachdem ich diffamierende und bedrohliche Äußerungen erhalten habe. Auch bei Facebook war wohl einiges zu lesen, habe ich gehört. Doch ich habe hier keine Angst und lasse mir auch keine machen!”

Martje Saljé schlägt sich gut beim Türmerinnen-Quiz. (Foto: th)
Martje Saljé schlägt sich gut beim Türmerinnen-Quiz. (Foto: th)

Das muss sie auch nicht, denn sie macht ihren Job gut und gewissenhaft. Und sie ist gut informiert über Münster und seine Geschichte, wie sie beim ALLES MÜNSTER-Türmerinnen-Quiz unter Beweis stellt. Wie aus der Pistole geschossen kommen nicht nur die Namen der Wiedertäufer und des OB sondern auch die Antwort darauf, was “Münsters gute Stube” ist. Abzüge in der B-Note müssen wir nur bei wenigen Fragen geben: Der Hawerkamp ist beispielsweise noch gänzlich unbekannt, aber während andere dort feiern, kommt Martje Saljé ja auch schließlich ihrem Dienst nach.

Perspektivisch möchte sie sich zur Türmer-Stelle, die mit 18,23 Wochenstunden nur ein Teilzeit-Job ist, ein zweites Standbein schaffen. So hat sie schon einige Bewerbungen an private Musikschulen verschickt, denn in ihrer alten Heimat hat sie lange Zeit Musikunterricht gegeben. Aber auch eine Tätigkeit in einem Museum kann sich die studierte Musikwissenschaftlerin und Historikerin gut vorstellen, „Mal schauen, wo die Reise hingeht”.

Wir wünschen unserer neuen Türmerin viele gute Stunden auf St. Lamberti und sehen sie spätestens im September wieder, wenn sie mit uns die Staffel beim Münster-Marathon läuft.

 

Stephan Günther
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