Gottesdienst vor leeren Bänken Das Versammlungsverbot gilt auch für Kirchen, Synagogen oder Moscheen. Wie ist es für einen Geistlichen, in einen leeren Raum zu predigen?

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Die Gottesdienste aus dem Dom werden täglich ins Internet übertragen (Foto: Bührke)
Die Gottesdienste aus dem Dom werden täglich ins Internet übertragen (Foto: Bührke)

Pfarrer Dr. Thomas Holznienkemper tritt vor den Altar des St.-Paulus-Dom, gemessenen Schrittes und mit dem Ernst und der Würde, die dem Raum und dem Amt entsprechen. Die Eucharistie soll heute gefeiert werden, das heilige Abendmahl. Begleitet wird Holznienkemper von Dr. Andreas Kratel als Kantor und Gertrud Tiemann als Messdienerin und Lektorin. Der Klang der Orgel, gespielt von Domorganist Thomas Schmitz, erfüllt den Raum bis in den letzten Winkel. Ein Freitagmorgen wie viele zuvor, wenn Domvikar Holznienkemper allerdings jetzt den Blick hebt, um in die Gemeinde zu schauen, blickt niemand zurück. Kein Hüsteln, kein Rascheln, kein Räuspern, die Reihen sind leer, auf den Bänken im Haus Gottes sitzt keine Menschenseele.

Das Versammlungsverbot gilt auch für Gotteshäuser und so predigen Holznienkemper und seine Kollegen nicht nur im münsterschen Dom aktuell vor leeren Reihen. „Rund 20 bis 30 Gläubige wären es an einem normalen Freitag. An Markttagen mehr“, schätzt der Domvikar. Trotzdem müssen die Gläubigen nicht auf den Gottesdienst verzichten, in der Woche um 8.00 Uhr und sonntags um 11.00 Uhr finden Live-Übertragungen statt, die auf www.bistum-muenster.de, www.kirche-und-leben.de, www.katholisch.de und www.bibeltv.de sowie bei Facebook mitverfolgt werden können.

Gläubige können den Gottesdienst auf zahlreichen Portalen verfolgen (screenshot: Bistum Münster)
Gläubige können den Gottesdienst auf zahlreichen Portalen verfolgen (screenshot: Bistum Münster)

Gerade jetzt, zwei Wochen vor Ostern, in der Fastenzeit, vermissen viele Gläubige jedoch den realen Gang in die Kirche: „Das ist für viele ein ganz großes Leiden. Die Texte bewegen sich jetzt von Tag zu Tag mehr auf das Festgeheimnis hin, auf das Leiden und Sterben und dann auf die Auferstehung Jesu. Diesen Weg bewusst mitzugehen, das fehlt jetzt vielen, von daher ist es umso wichtiger, dass wir für sie da sind, über das Internet“, betont der Domvikar. „Viele sagen auch, dass sie diesen Weg jetzt bewusster gehen. Manche sagen, dass sie sich die Texte vorher anschauen oder diese intensiver nachklingen lassen. Ich glaube, dass das auch eine Chance ist. Dass das, was wir oft so selbstverständlich gefeiert haben, jetzt mit einer neuen Tiefe gefeiert wird.“ Für viele Menschen sei der Glaube in der aktuellen Krisensituation eine besondere Quelle für Halt und Kraft.

Mehrere unauffällig angebrachte Kameras verfolgen die Gottesdienste (Foto: Bührke)
Mehrere unauffällig angebrachte Kameras verfolgen die Gottesdienste (Foto: Bührke)

Auch dieser Gottesdienst, den Thomas Holznienkemper vor der virtuellen Internetgemeinde hält, ist geprägt vom Thema Corona, so wie nahezu alle Berichterstattungen oder öffentlich geführten Diskussionen der letzten Wochen. Themen wie die Öffnung des Priesteramtes für Frauen oder die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind scheinbar verschwunden, gewissermaßen wegcoronisiert wie der Klimawandel oder der Krieg in Syrien. Ist Corona ein Glücksfall für die katholische Kirche? „Die Probleme bestehen natürlich weiterhin und wir werden und müssen uns dazu in Zukunft sehr klar positionieren. Wir dürfen jetzt nicht sagen, gut dass es Corona gibt, jetzt gerät das in Vergessenheit. Das ist und bleibt eine offene Wunde der wir uns auch stellen müssen“, ist sich Holznienkemper sicher. Allerdings sieht der Geistliche hier eine Chance, jetzt neu zu bewerten, worum es in der Kirche eigentlich geht, um den Schatz des Glaubens, wie er sagt, um die Feier des Gottesdienstes, um das Hören auf das Wort Gottes, um die Verkündigung.

Dass Corona eine Strafe Gottes sei, wie es religiöse Fundamentalisten mitunter mutmaßen, hält Thomas Holznienkemper für Unfug, ebenso übrigens wie sein Chef, Bischof Felix Genn: „Ich glaube nicht an einen strafenden Gott, an einen Gott, der es jetzt nötig hat, uns irgendwie einen mitzugeben. Sicherlich führt es uns an die Grenzen unseres Lebens, wir merken, dass vieles, was für uns früher selbstverständlich war, auch das Feiern der Gottesdienste jeden Tag, die Kommunion, die Messe, jetzt wegfallen“.

Die Gottesdienste, so wie hier die Eucharistiefeier, laufen ab wie immer (Foto: Bührke)
Die Gottesdienste, so wie hier die Eucharistiefeier, laufen ab wie immer (Foto: Bührke)

Die Möglichkeit der Beichte besteht weiterhin, wobei ein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten wird und jeglicher Körperkontakt unterbleibt. Die Kirche will damit ein Zeichen setzen, dass sie nicht nur virtuell da ist, sondern auch weiterhin konkret. Der Wunsch nach einem persönlichen Gespräch sei jetzt bei vielen Menschen noch größer als sonst, wie der Pfarrer betont.

Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten moderner Technik bezüglich des Streamens, vermisst auch Holznienkemper die Gottesdienste mit echten und nicht nur virtuellen Besuchern: „In freue mich sehr auf den ersten Gottesdienst vor der Gemeinde! Diese Zeit gerade ist ja letztendlich ein gottesdienstliches Fasten. Und so, wie wenn man eine lange Zeit auf etwas verzichtet hat, sich dann auch freut, wenn es wieder möglich ist, so wird es auch beim ersten Gottesdienst mit echten Zuhörern sein. Ich glaube schon, dass das ein großes Fest wird und auch innerlich neu ergreift! Man darf da sicherlich nicht drängen, man muss Vernunft walten lassen, aber ich hoffe doch, dass wir dann innerhalb der Osterzeit wirklich wieder miteinander in gut gefüllten Kirchen Gottesdienst feiern. Die Türen sind offen, und ich finde es wichtig, dass wir jetzt durch diese Krise gehen und bei all dem, was jetzt schwierig ist, das Beste draus machen. Es liegt wirklich eine Chance für uns alle darin“.

Bei Facebook kann der Gottesdienst unmittelbar kommentiert werden. Das ist in der Kirche ja eher unüblich (screenshot: Bistum Münster)
Bei Facebook kann der Gottesdienst unmittelbar kommentiert werden. Das ist in der Kirche ja eher unüblich (screenshot: Bistum Münster)
Michael Bührke

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