„Großartiges Projekt“ oder „Schnapsidee“? Kritik an geplanter Radverkehrsbrücke / Erste Machbarkeitsstudie hatte offenbar vom Projekt „Flyover“ abgeraten

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So soll die Radverkehrsbrücke „Flyover“ über die Weseler Straße führen. (Foto: Stadt Münster)
So soll die Radverkehrsbrücke „Flyover“ über die Weseler Straße führen. (Foto: Stadt Münster)

Auf der Tagesordnung der nächsten Ratssitzung stehen unter anderem der Beschluss für die Radverkehrsbrücke „Flyover“ am Aegidiitor. In den Augen von „Fridays for Future“ Münster handelt es sich hierbei um ein „ein völlig aus der Zeit gefallenes Projekt“, für die Ratsgruppe Die PARTEI/ÖDP ist es eine „Schnapsidee“, zumal offenbar eine bislang unbekannte Version der Machbarkeitsstudie zuvor von dem Projekt gänzlich abgeraten hatte. Die GRÜNEN sprechen von einem Vertrauensverhältnis zur Verwaltung, das auf eine harte Probe gestellt wird.

Im Rahmen einer jüngst veröffentlichten Machbarkeitsstudie hat die Stadtverwaltung zusammen mit einem Verkehrsplanungsbüro aus Hilden unterschiedliche Varianten des Trassenverlaufs des „Flyover“ untersucht. Durchgesetzt hat sich nun die Variante Promenade – Bismarckallee. Nach Ansicht der Stadtplaner schone diese die Grünflächen und den Baumbestand, da die Rampe auf der Bismarckallee im Fahrbahnverlauf auslaufen würde. Eine alternative Führung Promenade – Adenauerallee hatte aus städtebaulichen Gründen und wegen der zahlreichen zu fällenden Bäume nicht überzeugen können. Wenn der Rat grünes Licht gibt, wird ein Wettbewerbsverfahren durchgeführt. Erst dann steht fest, wie genau der „Flyover“ aussehen wird. Mit dem „Flyover“ eng verbunden sind weitere Maßnahmen, die das Radfahren auch in diesem Bereich der Stadt weiter verbessern. So soll die Aegidiistraße zu einer Fahrradstraße umgestaltet und in das Plankonzept der Veloroutenplanung der Veloroute Münster – Senden integriert werden. Hier soll vor allem der Knotenpunkt Aegidiistraße / Promenade verbessert werden.

Schritt in die falsche Richtung

Für die Mitglieder der Initiative „Fridays for Future“ (FFF) Münster handelt es sich beim „Flyover“ um „ein völlig aus der Zeit gefallenes Projekt“. Es diene in erster Linie dem schnelleren Vorankommen des darunter fließenden Autoverkehrs, wie es in einer Medienmitteilung heißt. Mit der Verlegung der Bundesstraße, der geplanten Umgestaltung der Aegidiistraße zur Fahrradstraße und der bald angrenzenden mindestens autoarmen, besser autofreien Altstadt wird das Aegidiitor ohnehin absehbar nicht mehr eine riesige siebenspurige Asphaltschneise sein wie heute. Steffen Lambrecht von FFF Münster sieht die Pläne der Verwaltung daher kritisch. „Teure Leuchtturmprojekte, die Autoverkehr und Stadtmarketing mehr nützen als dem Radverkehr, gehen in die falsche Richtung. Wir müssen in den nächsten Jahren zahllose Straßen umgestalten, um die Stadt lebenswerter zu machen und den Autoverkehr zurückzudrängen.“ Lukas Mörchen von FFF betont: „Wir streiken seit mehr als zwei Jahren für eine klimagerechte Politik, zu der auch eine echte Verkehrswende gehört. Auch in den nächsten Wochen werden wir weiter auf die Straße gehen und kämpfen, um dem Rat der Stadt Münster und allen demokratischen Parteien klar zu machen, dass Klimagerechtigkeit das aktuell wichtigste Thema ist.“

Die Radverkehrsbrücke soll am Aegidiitor über die Weseler Straße führen. (Foto: StadtVerkehr Planungsgesellschaft)
Die Radverkehrsbrücke soll am Aegidiitor über die Weseler Straße führen. (Foto: StadtVerkehr Planungsgesellschaft)

Gleiche Studie – zwei Ergebnisse

Medienberichten zufolge hatte es bereits im vergangenen Herbst eine Machbarkeitsstudie desselben Planungsbüros gegeben. Dort riet man offenbar von der Umsetzung des Projektes ab. „Die heutigen Berichte zu den zwei Machbarkeitsstudien zum Flyover hinterlassen mich einigermaßen fassungslos“, erklärt Sylvia Rietenberg, Sprecherin der Grünen Ratsfraktion. „Erst am Freitag haben wir in einem Schreiben von Stadtbaurat Denstorff erfahren, dass es offenbar zwei Papiere zum Flyover gibt. Wir haben deshalb schriftlich darum gebeten, uns Ratsmitgliedern beide Papiere zur Verfügung zu stellen.“ Dies habe Denstorff abgelehnt. Rietenberg betont: „Als ehrenamtliche Ratspolitiker sind wir darauf angewiesen, mit der Stadtverwaltung vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Dieses Vertrauensverhältnis wird durch die Causa Flyover auf eine harte Probe gestellt.“ Grünen-Sprecher Christoph Kattentidt ergänzt: „Die Ratsmitglieder müssen ihre Entscheidungen auf der Grundlage gesicherter Informationen treffen. Wir fordern Stadtbaurat Denstorff deshalb erneut auf, den Ratsmitgliedern auch die Machbarkeitsstudie aus dem November zur Verfügung zu stellen.“

„Schnapsidee“

„Selbst die publizierte Version der Studie enthält keinerlei gute Argumente für den Bau der Radbrücke. Weder deckt sie maßgebliche Wegebeziehungen zwischen Promenade und Aegidiitor ab, noch steht sie für eine wirkliche Verkehrswende“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der Ratsgruppe Die PARTEI/ÖDP, Maximilian Brinkmann-Brand. „Alternativvorschläge ohne überteuerte Baumaßnahmen, die die Radfahrer in den Vordergrund stellen, statt nur den Autos den Weg frei zu machen, gibt es bereits.“ Steuergelder zu verschleudern sei unter allen Umständen untragbar, so die einhellige Meinung der Ratsgruppe. Diese prognostiziert, dass die in der Studie prognostizierte Verdopplung des Radverkehrs nicht kommen werde. „Ich prognostiziere auf Grund des anhaltend schlechten Wetters und des geplanten Klimawandels, dass uns im nächsten Jahr der Himmel auf den Kopf fallen wird und wir sämtliche Planungen zum Flyover deshalb einstellen können“, so Ratsherr Franz Pohlmann. Die grün geführte Münster-Koalition müsse sich jetzt ihrer übernommen Verantwortung bewusst werden und das Projekt endgültig stoppen, „statt den Kuschelkurs mit der Verwaltung fortzusetzen“.

CDU: Flyover passt erstklassig zu Münster

Die Position der Rathaus-CDU zur Radfahrbrücke ist sieht ein wenig anders aus. „Ein großartiges Projekt, das zudem den Vorzug hat, zu 80 Prozent vom Bund und zu 14 Prozent vom Land gefördert zu werden. Der Rest ist ein Muss für Münster“, so der CDU-Fraktionsvorsitzende Stefan Weber. Alles andere als eine zügige Realisierung würde Münsters Ruf als Radmetropole zerstören. „Der Flyover bedeutet eine erhebliche Stärkung des innerstädtischen Verkehrs und der Sicherheit. Hier queren 30.000 Radfahrer täglich die vierspurige Bundesstraße“, fügt Ratsherr Walter von Göwels hinzu. Das Vorhaben sei auch ein klares Signal an das Umland, dass Münster Ernst macht mit den Velorouten. 

Bislang hat sich die Stadt Münster zu den zwei unterschiedlichen Versionen der Machbarkeitsstudie nicht geäußert. Wir haben die Verwaltung dazu anfragt, bislang aber noch keine Antwort erhalten. Wir warten nun gespannt darauf, wie sich die Diskussion bis zur nächsten Ratssitzung am 19. Mai entwickelt.

Die „Flyover“-Brücke soll rund 350 Meter lang sein und komfortable Rampensteigungen von maximal 3,5 Prozent erhalten. Für das Projekt plant die Stadt mit Gesamtkosten von rund 10 Mio. Euro. Der Großteil, etwa 9,4 Mio. Euro, könnten über Fördermittel von Bund und Land finanziert werden. 

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