Beef in Hiltrup Ein geplanter Schweinemaststall in Hiltrup Ost erhitzt die Gemüter

Kaum ein Spaziergänger, der an diesem Schild nicht stehen bleibt. (Foto: Bührke)
Kaum ein Spaziergänger, der an diesem Schild nicht stehen bleibt. (Foto: Bührke)

Es weht ein kalter Wind aus dem Osten, von Frühling noch keine Spur. Dennoch sind auf dem einsamen Feldweg Dutzende von Spaziergängern unterwegs, die Straße „Am Waldfriedhof“ und deren Verlängerung sind beliebte Rundwege für die Bewohner von Hiltrup-Ost. Seit einiger Zeit steht an dem Weg auf Höhe des ehemaligen Hofes Watermann ein Schild, an dem kaum ein Spaziergänger vorübergeht, ohne den Inhalt zu studieren oder mit anderen Passanten darüber zu sprechen. Trotz der winterlichen Temperaturen sind die Gemüter erhitzt, es geht um die Errichtung eines Schweinemaststalls für 1500 Tiere.

Mit diesem Schild informiert der Landwirt über den geplanten Stallbau. (Foto: Bührke)
Mit diesem Schild informiert der Landwirt über den geplanten Stallbau. (Foto: Bührke)

Was für den Bauherrn laut Schild einen Beitrag zum Tierwohl darstellt, halten viele Anwohner für eine große Schweinerei, wobei sie nicht in erster Linie an die zukünftigen Bewohner des Stalls denken. Der geplante Bau der Stallanlage hat sich vor Ort längst zum Politikum ausgeweitet, eine gemeinsame Petition der Grünen und der SPD hat bislang mehr als 6.200 Unterstützer gefunden, rund ein Drittel der Unterzeichner wohnen in Hiltrup. Der in erster Linie über die Medien ausgetragene Streit zwischen der Bürgerinitiative Emmerbach im Schulterschluss mit den genannten Parteien auf der einen sowie dem Landwirt und seinen beiden Söhnen auf der anderen Seite verdeutlicht einmal mehr das Spannungsfeld zwischen industrieller Landwirtschaft und dem Wunsch vieler Menschen nach möglichst ungestörtem Naturerleben.

Der geplante Schweinemaststall (Kreuz) liegt innerhalb des Landschaftsschutzgebiets (Foto: Bührke)
Der geplante Schweinemaststall (Kreuz) liegt innerhalb des Landschaftsschutzgebiets (Kartengrundlage: Umweltkataster der Stadt Münster)

Hauptproblem ist die Lage des geplanten Bauwerks, das nicht in den unendlichen Weiten des Münsterlandes sondern in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohngebiet, Fließgewässer, Wasserschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet und Friedhof liegen soll. Die Bürgerinitiative befürchtet neben der Schadstoffbelastung des Umlands und der nicht unbedingt tierfreundlichen Unterbringung von 1500 Schweinen auf ebenso vielen Quadratmetern auch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen zunächst durch Baufahrzeuge und später durch Futtermittel-, Gülle- und letzten Endes Viehtransporte. Denn wer möchte schon, wenn er am Grab seiner Liebsten steht, quiekende Schweine auf ihrer letzten Fahrt gen Schlachthof hören. Der Landwirt hingegen verweist darauf, dass die Schweine nur alle fünf Monate und dann nachts abtransportiert werden würden, die Gülletransporte sollen sogar ganz entfallen, weil die Hinterlassenschaften der Stalltiere direkt in Hofnähe ausgebracht werden, wohingegen aktuell die Gülle noch mit entsprechenden Transportbehältern herbeigeschafft werden müsse.

Selbst bei schlechtem Wetter sind zahlreiche Spaziergänger unterwegs. (Foto: Bührke)
Selbst bei schlechtem Wetter sind zahlreiche Spaziergänger unterwegs. (Foto: Bührke)

Schwerer wiegen für viele die Umweltschutz-Bedenken. Die geplante Stallanlage befindet sich innerhalb eines Landschaftsschutzgebietes, das den Bereich der Hohen Ward großräumig umfasst. Die Entfernung zum Wasserschutzgebiet beträgt rund 650 Meter, zum Friedhof etwas über 900 Meter und zum Wohngebiet direkt hinter dem Emmerbach keine 450 Meter. Ein Zufluss zum Emmerbach verläuft außerdem unmittelbar hinter dem geplanten Stall. Das und die befürchtete Geruchsbelästigung stinken vielen Anwohnern bereits jetzt gewaltig. In einem Interview mit dem Landwirtschaftlichen Wochenblatt betont der Landwirt, der aus Sorge vor Übergriffen anonym bleiben will, dass alle notwendigen Gutachten vorliegen würden und die Stadt Münster daher offenbar keine Einwände gegen den Bau des Schweinemaststalls hätte. Deren oberster Dienstherr, Oberbürgermeister Markus Lewe, hat derweil einen offenen Brief der Bürgerinitiative vorliegen, in dem es unter anderem heißt, „Es geht uns darum, ein Stück intakter Natur unserer unmittelbaren Heimat vor Beschädigung, Verschmutzung, schädlichen Emissionen, Umweltschäden und -risiken zu schützen. Außerdem möchten wir den Waldfriedhof Hohe Ward als Ort der Stille und der Trauer erhalten.“ Ob dies die Stadt von einer Genehmigung des Bauvorhabens abhalten wird, ist allerdings ungewiss.

Auf dieser Fläche soll der Stall für 1500 Schweine entstehen. (Foto: Bührke)
Auf dieser Fläche soll der Stall für 1500 Schweine entstehen. (Foto: Bührke)

Wenn der Landwirt mit seinen Vermutungen Recht hat, reicht einigen Stallgegnern das Verfassen von Petitionen und offenen Briefen nicht. Pöbeleien, eingeworfene Fensterscheiben und sogar ein gefällter Baum, der über den Feldweg gelegt worden sei, gingen seiner Meinung nach auf das Konto der Aktivisten. Von solchen Aktionen distanziert sich die Bürgerinitiative ausdrücklich, betont aber durch einen ihrer Sprecher, dass sie diese Übergriffe für sehr unwahrscheinlich hält. Nahezu täglich ginge man an dem Gebäude vorbei, zerstörte Fensterscheiben hätte dort aber nie jemand gesehen. Der angeblich gefällte Baum habe, wie mehrere andere im Umfeld, nach einem Sturm entwurzelt dort gelegen, eine Fällaktion hätte nicht dahintergesteckt. Paul Terlosen, ein Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative, habe sich vor Ort mit einem der Söhne des Landwirts über den Inhalt des aufgestellten Schildes unterhalten, „Unser gesamtes Gespräch verlief in einer sehr freundlichen Atmosphäre und beide Seiten waren zufrieden, miteinander gesprochen zu haben“, wie Terlosen in einem Leserbrief berichtet.

Die Situation wirkt festgefahren, auf der einen Seite die 251 Mitglieder starke Bürgerinitiative, zwei Parteien und der Naturschutzbund (NABU), auf der anderen Seite der Landwirt, der seinen Söhnen den Schweinemaststall errichten möchte. Es herrscht Unfrieden in Hiltrup-Ost und ob das frostige Klima sich ändert, wenn der Frühling kommt, ist ungewiss.

Michael Bührke

8 Kommentare

  1. Das Vorhaben zeigt unterschiedliche Ausprägungen. Der arme junge (steinreiche) Landwirt, der so gar nicht verstehen will warum die ‚leider‘ eher gebildeten Münsteraner zukunftsorientiert denken… Die CDU die immer noch stolz als klassische Bauernpartei auftritt und anscheinend nicht auf die Idee kommt, dass man mal gut daran täte auch mal andere Wählerschaften zu erschließen statt immer nur lobbymäßig den Stammwählern blind den Rücken zu stärken… Die vielen Menschen, die hier ihre Kindheit verbracht haben und nun im Alter mit ihren Enkeln die Natur der Hohen Ward genießen wollen und den Lebensraum einfach nicht kampflos einer der dümmsten Ideen im Jahre 2021 hergeben wollen und sich auch um die Natur sorgen…
    Wenn ich ein Atomkraftwerk rechtmäßig daneben bauen könnte, weil ich es laut Baugenehmigung dürfte, würde ich es tun? Nur um noch reicher zu werden, obwohl ich genau wüsste, dass mich mein ganzes Umfeld dafür hassen würde? Oder würde ich vielleicht mal überlegen und schauen was es noch so gibt auf der Erde im Jahr 2021? Ratschläge annehmen? Warum ein Maststall? Das ist moralisch verwerflich (egal welche heilige Baugenehmigung dafür vorliegen wird) und deswegen werfe ich den Planern vor, hochgradig unmoralisch zu sein ihrem Umfeld gegenüber und ohne Rücksicht auf die Natur nur eigenen bereichernden Interessen folgend. Wer so in seinem Stadtteil leben will hat entweder nicht den Horizont für Alternativen oder ihm ist die Zukunft der Menschen hier im Stadtteil egal.

    1. >>Die CDU die immer noch stolz als klassische Bauernpartei auftritt und anscheinend nicht auf die Idee kommt, dass man mal gut daran täte auch mal andere Wählerschaften zu erschließen statt immer nur lobbymäßig den Stammwählern blind den Rücken zu stärken

      Die F.D.P. hat sich ebenso dazu entschlossen.

  2. Alle wollen ihr Früstücksei,das Schweineschnitzel und ihre Milch aus der Region,aber einen Schweinestall o.ä. in der Nähe will keiner. Genau wie mit dem Strom.Alle schreien nach grünem Stom,aber ein Windrad will keiner in seiner Nähe. Typisch Deutsch,immer gegen alles sein.

  3. Alle wollen ihr Früstücksei,das Schweineschnitzel und ihre Milch aus der Region,aber einen Schweinestall o.ä. in der Nähe will keiner. Genau wie mit dem Strom.Alle schreien nach grünem Stom,aber ein Windrad will keiner in seiner Nähe. Typisch Deutsch,immer gegen alles sein.

  4. Ein Tierwohlstall, klingt komisch ist es auch… Tiere gehören wohl in keinen Stall! Wie auch immer man das Ganze auslegen mag , am Ende werden die Schweine alle umgebracht.
    Ein Umdenken muss stattfinden! Es gibt schon genug “ arme Schweine“ die Tag ein Tag aus gequält & ausgebeutet werden- allein wegen der unstillbaren Gier der Menschheit.
    Ich möchte solche Betriebe nirgends & schon gar nicht in meiner Nachbarschaft haben! Ich arbeite als Erzieherin & möchte unseren nächsten Generationen nicht die Zukunft “ versauen“
    Zeitgemäß ist hier gar nichts… Bäume pflanzen ja – Schweine mästen nein!
    Immer mehr Menschen wollen aus Gesundheits-, Klima- oder Tierschutzgründen weniger Fisch und Fleisch essen. Alternative Landwirtschaft ist der Weg nach vorne! Es ist doch schon lange kein Geheimnis mehr, dass wir mit unserem Konsumverhalten unserer Umwelt, den Tieren und auch uns selbst schaden…
    Neue Kohlekraftwerke zu bauen ist genauso clever und nachhaltig wie neue Mastställe zu errichten- warum? Das ist tatsächlich nach diesem Artikel meine Frage- warum müssen neue Tierställe erbaut werden? Ich verstehe das nicht

    1. Für mich sind es mehrere Gründe auf diesen großen Schweinemast zu verzichten:
      1. Gefährdung eines Naturschutzgebietes. Für was? Wir haben mehr als genug Schweinefleisch in den Supermärkten und Fleischereien im Angebot und das zu günstigen Preisen.
      Und ich bin kein Vegetarier.
      2. Und für mich noch ein viel wichtigeres Argument:
      Es ist geschmacklos in der Nähe eines Friedhofs u.a. auch einem jüdischen Friedhof so eine Schweinegrossbetrieb überhaupt in Betracht zu ziehen.
      Mir würde schlecht dabei werden meine jüdische Verwandschaft auf den dortigen Friedhof zu begleiten, wenn nebenan dieser angedachte Betrieb produzieren würde.
      Einfach mal darüber nachdenken und angeblich wirtschaftliche Dinge in diesem konkreten Fall aussen vorlassen, liebe CDU und FDP.
      Danke und Respekt dafür Ihre Entscheidung zu überdenken und zurückziehen.

  5. Um auf den letzten Satz auf dem Schild des Landwirtes einzugehen;
    Eine bio vegane Landschaft wäre zum Wohle der Tiere sowie der Erhaltung der Böden zeitgemäß (!) und angesichts der fortschreitenden Verknappung von zur Bewirtschaftung geeigneten Flächen auch zukunftsorientiert und vorbildlich.
    Und Haltungsform 3 bedeutet nicht gleich Tierwohl. Man kann maximal von weniger Tierqual sprechen.

    P.s.: Danke für die Aufforstung und die Instandhaltung der Wege. Das kann und darf aber kein Argument, geschweige denn ein Freifahrtschein, für ein nicht zukunftsfähiges, höchst umstrittenes Bauvorhaben sein!!!

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