Was macht der Hühnerknochen auf der Bühne?

Gifty Wiafe trommelt für die Gleichberechtigung im neuen Stück von Cactus. (Foto: bk)
Gifty Wiafe trommelt für die Gleichberechtigung im neuen Stück von Cactus. (Foto: bk)

Sie trommelt und tanzt, sie singt und springt, sie erzählt, appelliert,spricht, leidet und freut sich. Man muss kein großer Theaterkenner sein, um der jungen Frau aus Ghana, Gifty Wiafe, eine rosige Zukunft auf den Brettern der Welt vorauszusagen. Jetzt spielt sie aber erstmal „Das liegt im Blut“, die neue Produktion von Cactus Junges Theater im Pumpenhaus. Heute und Sonntagabend gibt es noch Vorstellungen.

Sein oder Nicht-Sein, mit diesem Zitat aus Shakespeares Hamlet glimmt die Zündschnur der impulsiven, farbenfrohen Aufführung. Sein oder Nicht-Sein, das ist nicht einfach nur so dahin gesagt. Gifty Wiafe berichtet von ihrer Mutter, die, selbst noch ein Kind, drei mal ins Krankenhaus in Ghana gefahren war, um das Kind abtreiben zu lassen, und es sich dann doch anders überlegt hat. „Ja, wir haben da Krankenhäuser mit echten Ärzten“, räumt die Frau mit einem gängigen Vorurteil auf, nur um in Anschluss aus Hühnerknochen zu lesen. Das macht sie mit einem Augenzwinkern, schlägt dann aber gleich eine Brücke zu Chlor-Hühnern aus den Vereinigten Staaten. Gifty erzählt von Tomaten, die so viel Sonne für ihren Reifeprozess brauchen, dass die Produktion natürlich am besten im tropischen Holland erfolgt. Die überschüssigen gummiballartigen Tomaten würden quasi als Entwicklungshilfe nach Westafrika verschifft. Gifty berichtet von Agbogboshie, einem Slum am Rande von Ghanas Hauptstadt Accra. Hier befindet sich der weltgrößte Elektroschrottplatz,den Europäer, Asiaten, Amerikaner regelmäßig bestücken. Kinder schmelzen unter katastrophalen Bedingungen Metalle aus den Altgeräten.

Jungs und Männer haben ein einfacheres Leben. (Foto: bk)
Jungs und Männer haben ein einfacheres Leben. (Foto: bk)

Immer wieder lockert die junge Frau die Vorstellung auf, etwa durch Tänze: „Das liegt nicht im Blut, wir kommunizieren einfach mehr mit dem Körper“. Dann spielt sie auf großen ghanaischen Fasstrommeln, die traditionell nur Männer bedienen dürfen. Überhaupt: Männer oder Jungs. In Ghana führen sie ein paradiesisches Leben ohne lästige Alltagspflichten, die dem weiblichen Geschlecht überlassen bleiben. Gifty Wiafe zieht sich mehrfach um, und nutzt bei ihrem Spiel die ganze Bühne. Dass das Stück viel Autobiographie enthält, macht alles noch authentischer. Blicke wandern von Ghana nach Deutschland und von Deutschland nach Ghana. Als mitten im Stück eine Frau in der zweiten Reihe offensichtlich körperliche Beschwerden hat und mit zahlreichen Begleitern den Saal verlässt, spielt Gifty Swiafe ruhig weiter. Das ist schon bemerkenswert. Denn die Ghanaerin ist gerade 22 Jahre alt und erst seit 7 Jahren in Deutschland.

Nach dem Stück können die Besucher noch mit der Regisseurin Barbara Kemmler, der Dramaturgin Petra Kindler, mit dem Choreografen, dem Bühnen-Designer und natürlich mit Gifty Wiafe ins Gespräch kommen. Das machen die Theaterleute ganz großartig. So erfährt der Interessierte, dass das Stück auch in Ghana gespielt werden soll. Eine englische Fassung ist jedenfalls schon fertig.

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