
Es ist nicht immer angenehm, was man sich als Pressevertreter so anhören muss. So auch bei den jährlich stattfindenden Hayek-Tagen, die es dieses Mal in das ATLANTIC Hotel nach Münster verschlagen hat. Unser regelmäßiger Gast-Autor Isaak Rose hat sich trotz allem dorthin begeben und diese Glosse mitgebracht.
Schon im Eingangsvortrag wurde deutlich, worum es der Hayek-Gesellschaft geht: Interventionen vom Staat müssen aufhören. Der Markt soll gefälligst alles selbstständig regulieren. Wer nicht genug Wirtschaftskraft mitbringt, wird eben von den Rädern des Fortschritts zermalmt. Zu dieser neoliberalen Logik gesellen sich die Angst vor dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, eine bedenkliche Sympathie für Kinderarbeit und ein gefährlicher Vergleich von Impfungen in Deutschland mit der Zeit unter dem Naziregime. Mit Liberalität ist hier jedenfalls nicht die FDP gemeint, die gilt trotz Anwesenheit einiger Parteimitglieder im Saal eher als schlechter Witz, dessen fehlende Prinzipientreue ihr den Untergang geweiht habe.
Die Hayek-Gesellschaft hat parteiübergreifenden Einfluss
Auch wenn man sich stellenweise wie in einer deutschen Scripted-Reality-Show fühlt, wohl auch, weil der Eröffnungsredner in den 2000ern in fiktiven Gerichtsverhandlungen im RTL-Mittagsprogramm auftrat, sollte man die Organisation nicht unterschätzen. Die Hayek-Gesellschaft hat parteiübergreifenden Einfluss. So fanden sich zahlreiche Politiker der AfD und CDU im Saal. Auf die Bühne hat es sogar eine der engsten Wirtschaftsberaterinnen der Bundesregierung getrieben: Veronika Grimm. Die Wirtschaftsweise wurde von der Hayek-Gesellschaft ausgezeichnet und hat es sich nicht nehmen lassen, vor der Gruppe zu referieren.
Obwohl sich einige anwesende AfD-Funktionäre aus den Anfangsjahren unzufrieden mit der Richtung zeigen, in die sich die Partei entwickelt hat, hat man in diesen Reihen offenbar noch nicht völlig den Mut verloren. Nicht anders ist zu erklären, dass ein Stipendiat der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung auf der Bühne stolz erklärt, die „CPAC Germany“ zu organisieren. CPAC, also die Conservative Political Action Conference, ist eine rechtskonservative und -populistische Vereinigung aus den USA, die nun auch nach Deutschland expandieren möchte. Ziel sei es, ein „Forum der Koalitionsbildung“ zu etablieren.
Protest vor der Tür
Das Hotel hatte das Programm im Vorfeld kurz geprüft und dabei keinen Extremismus festgestellt. Als es dann allerdings zu einem Protest des Bündnisses „Keinen Meter den Nazis“ gegen die Veranstaltung kam, schaute man sich das Ganze wohl noch einmal an. Künftig wolle man Veranstaltungsanfragen intensiver prüfen. Den übrigen Gästen sah man die Irritation im Hotel jedenfalls deutlich an. Eine Person beschwerte sich gar, solchen Menschen nicht im Fahrstuhl begegnen zu wollen. Bleibt die Frage, wen genau sie damit meinte: Die Regierungsberaterin? Die AfD-Funktionäre? Die Mitglieder der rechtsextremen Jugendorganisation der AfD? Den fundamentalistischen Antiabtreibungsaktivisten? Den Professor, der den Klimawandel leugnet und die Pandemie verharmlost? Oder doch den Fernsehanwalt? Weidel und von Storch, die ebenfalls Mitglied der Gesellschaft sind, waren diesmal jedenfalls nicht anwesend. Auch der rechtspopulistische, ultralibertäre argentinische Präsident, der für viele in der Gesellschaft als Vorbild gilt, ist nicht nach Münster gereist. Zumindest diese Begegnungen blieben den anderen Hotelgästen also erspart.
Als Journalist, der nicht zum ultrakapitalistischen Klientel gehört, sorgte ich derweil für einige Anfeindungen. Zwischenzeitlich überlegte man, nachdem man herausfand, was ich so schreibe, ob man mich nicht rauswerfen könne. Ein Security-Mitarbeiter hatte da auch schon die passende Lösung parat: Man hätte mich schließlich nur für einen Tag akkreditiert und nicht für den zweiten. Das stimmte so nicht und der Einfall wurde wieder verworfen. Stattdessen bekam ich einen Platz in der ersten Reihe, damit man mich im Auge behalten konnte. Zudem wurde ich vielfach von anderen Gästen darauf hingewiesen, doch bitte positiv zu berichten. Das fällt allerdings schwer, wenn so wenig Interessantes gesprochen wird und man sich die meiste Zeit nur gegenseitig auf die Schulter klopft, um die eigene Ideologie voranzutreiben.
Abweichungen wurden mit Zwischenrufen ermahnt
Selbst die Redner, die eigentlich aus anderen Kontexten stammen und führende Professuren oder Richterämter innehaben, ließen sich vom Publikum mitreißen. Jede Abweichung, die das Ganze auch nur ein bisschen realpolitisch gemacht hätte, wurde von den Zuhörer*innen sofort mit Zwischenrufen ermahnt. Und den sonst so gestandenen Persönlichkeiten stand förmlich der Schweiß auf der Stirn. Man wollte sich offenbar nicht unbeliebt machen und schwieg dann vielfach genau dann, wenn es eigentlich deutliche Widerworte gebraucht hätte. Da fragt man sich schon, warum man als Richter des Verfassungsgerichtshofs NRW überhaupt an so einer Veranstaltung teilnimmt. Die Veranstaltenden haben da eine klare Antwort drauf: Am niedrigen Honorar könne es nicht liegen. Stattdessen würden die Referent*innen vor allem deshalb anwesend sein, weil sie die Hayek-Gesellschaft schlichtweg unterstützen wollen.
Ob ich auch nächstes Jahr wieder für die Veranstaltung akkreditiert werde, bleibt also anzuzweifeln. „Liberal“ heißt hier dann wahrscheinlich doch eher: „Bitte rechts, und bloß nicht zu kritisch.“ Doch weil meine Beiträge, genau wie die Artikel der WN und die RUMS-Meldungen über die Veranstaltung, innerhalb der Hayek-Gesellschaft ohnehin Wellen schlagen werden, lehne ich mich jetzt erst einmal entspannt zurück und warte auf die vielen wütenden Mails. Ob ich im nächsten Jahr wieder in der ersten Reihe sitzen darf, um überwacht zu werden, überlasse ich bis dahin ganz den Veranstaltern. Sie können mich ja einfach ausladen. Das wäre dann wohl die vermeintlich ‚unsichtbare Hand des Marktes‘, die mich von der Veranstaltung fernhalten würde.
Fotos von der Veranstaltung: Isaak Rose
Fotos von der Demo: Max Oechtering
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Weidel und Storch sind seit einigen Jahren nicht mehr Mitglied der Gesellschaft.
Lieber Thomas,
von Storch ist bis heute (Juni 2026) Mitglied.
Weidel ist tatsächlich 2021 wegen der „aufgeheizten Stimmung“ ausgetreten.
Danke für diesen Hinweis! Das hatte mir ein Mitglied vor Ort falsch beantwortet.
Liebe Grüße
Isaak Rose
Der zweite Preisträger der Hayekmedaille Dr. Ron Paul wurde nicht erwähnt. Genausowenig die Kritik am Plan von Prof. Hans Werner Sinn eine EU-Armee einzuführen und dafür die Mehrwertsteuer um 7% zu erhöhen. Insgesamt erfüllt die Glosse eher nicht journalistischen Standard. Weitere Punkte die fehlen Kritik an Palantier und CBDC.
Danke für deinen Kommentar, das sind wichtige Hinweise.
Hört sich an, als warten die nur noch auf die „Machtübernahme“
… „teeren und federn“ … wäre früher wohl adäquat gewesen.
Heute darf man sich nicht trauen, die Namen der Richter und Professoren zu nennen, ohne mit ner Klage durch, von Vermögende gestützte, Topanwälte rechnen zu müssen … traurig bis ekelhaft.
Toller Artikel👍. Gern mehr davon!
Danke für die Infos. Es ist beschämt, wie die CDU/CSU mittlerweile ticken… Und als „Christ demokratischen… Partei“… Wann werden die Menschen aufwachen??
Danke!!! Ich habe in der Protestgruppe vor dem Hotel gestanden und fühle mich sehr bestätigt, das Richtige getan zu haben.