„Wer vom Abschied spricht, spricht vom Leben“ Ein Abend über Tod, Trauer und den Umgang mit dem Unvermeidlichen

Jens Terbrack (m.) im Gespräch mit den Gastgeberinnen Frederike Dirks (l.) und Sonja Schrapp (r.) (Foto: Bührke)
Jens Terbrack (m.) im Gespräch mit den Gastgeberinnen Frederike Dirks (l.) und Sonja Schrapp (r.) (Foto: Bührke)

Über den Tod zu sprechen fällt vielen Menschen schwer – das große Interesse an der Veranstaltung „Finale Deluxe – Der Live-Talk über den Tod“ im EsCape zeigte jedoch, wie groß das Bedürfnis nach Austausch über Sterben, Abschied und Trauer offenbar ist. Der Saal war nahezu ausverkauft, die Stimmung im Publikum erwartungsvoll. Zwei große Grabsteine auf der Bühne dienten augenzwinkernd als Namensschilder der Organisatorinnen Sonja Schrapp und Frederike Dirks und setzten bereits zu Beginn einen passenden Rahmen für einen Abend zwischen Ernsthaftigkeit, Wissenschaft und Humor.

Den emotionalen Auftakt gestaltete die Entertainerin Sonja Schrapp, die sonst eher für heitere Programme wie den „Thirsty Talk“ bekannt ist. Gerade dieser Kontrast verlieh ihrem Beitrag besondere Intensität. Schrapp berichtete offen von der Zeit, in der sie ihre sterbende Mutter begleitete. „Ich hatte plötzlich drei ‚Kinder‘, um die ich mich kümmern musste: mein eigenes noch kleines Kind, meine jüngere Schwester und meine sterbende Mutter“, sagte sie. Diese Erfahrung habe ihr tiefes Interesse an den Themen Tod und Sterben geprägt.

Sonja Schrapp berichtet über die Zeit, in der sie ihre sterbende Mutter pflegte. (Foto: Bührke)
Sonja Schrapp berichtet über die Zeit, in der sie ihre sterbende Mutter pflegte. (Foto: Bührke)

Im Mittelpunkt ihres Beitrags stand die Frage, wie Trauer nicht ausschließlich als lähmender Zustand erlebt werden müsse. Ihre zentrale Botschaft: Menschen könnten versuchen, die Energie der Trauer in etwas Konstruktives zu verwandeln – statt ausschließlich im Verlust zu verharren. Nach dem emotionalen Einstieg kündigte Frederike Dirks ihren Vortrag mit den Worten „Jetzt wird es unemotional“ an – und lieferte eine wissenschaftlich fundierte, zugleich verständliche Einordnung des Themas Abschied. Das menschliche Leben sei von Übergängen geprägt, erklärte sie: Geburt, Pubertät, Partnerschaften oder Wohnortwechsel bedeuteten stets auch Abschiedssituationen. Gleichzeitig beobachte sie einen gesellschaftlichen Wandel: Abschiede würden zunehmend ritualarm. Beziehungen endeten per WhatsApp, Jobwechsel oft ohne Abschieds- oder Willkommensfeiern, auch Bestattungen würden immer schlichter organisiert.

Das Lebensende vorbereiten

Frederike Dirks beschäftigt sich beruflich mit den Themen Tod und Sterben. (Foto: Bührke)
Frederike Dirks beschäftigt sich beruflich mit den Themen Tod und Sterben. (Foto: Bührke)

„Der Abschied tut uns weh, weil wir menschlich sind“, sagte Dirks. Anschaulich beschrieb sie Trauerprozesse mit einem Bild: Erwachsene befänden sich beim Trauern in einem Meer, von dem aus kein Land sichtbar sei. Kinder dagegen stünden eher in einer Pfütze, aus der sie jederzeit wieder herausspringen könnten. Ihr Fazit: „Wer vom Abschied spricht, spricht vom Leben.“ Jens Terbrack, der ebenfalls einen Grabstein als Namensschild erhielt, allerdings im Mini-Format, näherte sich dem Thema aus praktischer Perspektive. In sogenannten Letzte-Hilfe-Kursen bereite er Menschen auf die Situation des Sterbens vor, da viele wissen wollten, was sie am Lebensende oder bei der Begleitung Angehöriger erwartet. Terbrack, der sich bei der Hospizbewegung Münster e.V. engagiert, empfahl unter anderem eine spirituelle Ergänzung zur klassischen Patientenverfügung. Darin könnten persönliche Wünsche festgehalten werden – etwa, wer beim Sterben anwesend sein solle oder welche Gewohnheiten und Abneigungen zu berücksichtigen seien. So könne beispielsweise eine bekannte Abneigung gegen bestimmte Düfte verhindern, dass Aromatherapie unbeabsichtigt belastend wirke. Viele Menschen scheuten jedoch weiterhin die Auseinandersetzung mit entsprechenden Dokumenten. „Viele glauben, dass man nach dem Verfassen einer Patientenverfügung sofort stirbt“, sagte Terbrack. Zudem wies er darauf hin, dass deutsche Patientenverfügungen im Ausland nicht automatisch gültig seien und vor längeren Aufenthalten geprüft werden sollten.

Unter der Anleitung von Sonja Schrapp (m.) wurden vier Freiwillige zu Ja-Sagern. (Foto: Bührke)
Unter der Anleitung von Sonja Schrapp (m.) wurden vier Freiwillige zu Ja-Sagern. (Foto: Bührke)

Auch bei Bestattungsformen riet Frederike Dirks zu bewussten Entscheidungen. Häufig wollten Menschen ihren Angehörigen möglichst geringe Kosten hinterlassen und entschieden sich für anonyme oder Seebestattungen. Für Hinterbliebene fehle dann jedoch oft ein konkreter Ort der Trauer. Zum Abschluss schlug Sonja Schrapp erneut einen Bogen zum Umgang mit schwierigen Gefühlen. In einem Improvisationsspiel mit vier Freiwilligen aus dem Publikum sollten Teilnehmende negative Aussagen nicht zurückweisen, sondern mit einem „Ja“ annehmen und positiv umdeuten. Die Übung verdeutlichte den Gedanken des Abends: Belastendes nicht abzuwehren, sondern in etwas Tragfähiges zu verwandeln.

Der Abend zeigte, dass Gespräche über Tod und Abschied nicht zwangsläufig bedrückend sein müssen – sondern Orientierung geben können für ein bewussteres Leben.

Fotos: Bührke

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