„Wenn ich hier bin – herrlich! Es kribbelt!“ Ein sehr barrierearmer Teamsport: Fotografin Ingrid Hagenhenrich und Autorin Iris Brandewiede zu Gast beim Wheelsoccer-Training in Gremmendorf

Wheelsoccer – eine echt inklusive Sportart. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)
Wheelsoccer – eine echt inklusive Sportart. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Zwei Foto-Interviewserien mit jungen Menschen, die Barrieren überwinden und ihre Herzensangelegenheiten verfolgen, haben Entwicklungen angestoßen und Perspektiven erweitert. Hinter dem Konzept stecken Fotografin Ingrid Hagenhenrich mit der Gabe, die Persönlichkeiten vor der Kamera auf eigene Art zu glänzen zu lassen und Autorin Iris Brandewiede, die Gedanken einfängt, welche den Menschen durch den Sinn gehen.

Im heutigen Beitrag rollt ein ganzes Team vor die Linse. Was sie eint, ist ihre sportliche Leidenschaft. Vielleicht haben sie von einer Handballkarriere geträumt und sind an Barrieren gestoßen. Vielleicht vermissten sie barrierefreien Sport, den sie in der Schule kennengelernt haben. Oder sie suchten neue Herausforderungen als Rollstuhlsportler. Dann kam Wheelsoccer! Seit Februar 2025 trainieren sie immer montags abends in Dreifachturnhalle des SC Gremmendorf. Das Angebot ist einzigartig in Münster. Und das Team wächst ständig!

„Wheelsoccer ist einfach sehr barrierearm“

Wheelsoccer – wer hat davon schon gehört? Sicherlich viele Gremmendorfer, denn hier gibt es seit 2025 ein höchst interessantes Sportangebot. Kai Herberhold und Thomas Feldhaus wollten aus persönlichem Interesse die Sportlandschaft in ihrem Stadtteil inklusiver aufstellen. Steffi Kuckuk konnte viele Kinder und Jugendliche schulisch sportlich auslasten. Ein ähnliches Angebot für die Freizeit der Kinder und Jugendlichen zu finden, gestaltete sich allerdings schwierig für die Familien. So kam Steffi zu ihrem Ehrenamt.

Die Fachfrau erläutert: „Das Tolle ist: Wheelsoccer ist einfach sehr barrierearm. Du kannst sogar in deinem Rollstuhl geschoben werden, und es gibt keinerlei motorische Voraussetzungen zu erfüllen. Wheelsoccer ist in jedem Verein ohne großen Aufwand umsetzbar – wenn man Rollis hat!“

Beim Wheelsoccer spielen zwei Teams mit vier Feldspielern und einem festen Torwart gegeneinander. Gespielt wird im Rollstuhl auf einem Basketballfeld, mit einem großen Gymnastikball auf fünf Meter breite Tore. Dabei wird der Ball mit einer Hand oder dem Rollstuhl geschlagen oder gestoßen. In jedem Team können bis zu zwei Spieler mit stärkeren Beeinträchtigungen aufgestellt sein. Diese sogenannten „Bonusspieler“ dürfen von den Gegenspielern nicht attackiert werden.

„Wo ist Willi?“

Eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn in der Gremmendorfer Dreifachsporthalle sind Vera, Uwe und Michael beim Eingang anzutreffen. Sie grüßen nett und bewundern Johannes‘ Handbike, welches er lässig vom Rollstuhl abkoppelt. Die vier plauschen vertraut über dies und das. Thomas kommt mit dem Hallenschlüssel, lässt uns ein und verschwindet gleich wieder, um Sportrollstühle zu holen. Kai bereitet derweil die Tormarkierungen vor. Nach und nach trudeln weitere Menschen ein. Mike wundert sich: „Wo ist Willi?“ – „Der wird heute volljährig und feiert mit seinen Freunden“, berichtet Thomas. „Aus keinem anderen Grund würde er das Training sausen lassen“, wissen hier alle.

Das Team ist für heute komplett, das Training kann beginnen. E-Rollstuhlfahrer Felix erläutert: „Ich mag, dass es ein inklusiver Sport ist. Hier geht es darum, dass unterschiedliche Menschen zusammenkommen und Spaß haben. Genau diese Unterschiede sind was Positives.“ Justus steigt in einen der bereitgestellten Rollstühle und ergänzt: „Hier siehst du alle Altersklassen. Wir haben schon Zehnjährige im Training gehabt und einige sind um die sechzig. Für mich das Wichtigste: Wheelsoccer kann ich zusammen mit meinem Bruder Lennart spielen.“

„Einfach trainieren reicht mir nicht“

Michael hat früher Rollstuhlbasketball gespielt. Nach Auflösung seiner Mannschaft traf er zufällig Thomas an einer Ampel im Stadtteil. Der Rest ist Geschichte. Michael betont: „Einfach trainieren reicht mir nicht – ich möchte gegen andere spielen.“ Deshalb freut er sich auf das anstehende Turnier in Bielefeld.

Die Stimmung in der Halle wird angespannter, Trainerin Steffi ruft ihr Team zusammen, um das Turnier zu planen. Es geht um Positionen und Teamaufstellung. Auf die Frage, wer als Torwart bereitsteht, erntet sie nach aufgeregtem Stimmgewirr einen Moment der Stille. „Ohne Torwart… wär‘ schwierig“, grinst Steffi und lässt den Adlerblick in der Runde kreisen. Johannes, selbst jahrelang Rollstuhlbasketballtrainer, erlöst sie: „Ich mach’s!“ Ein erleichterter Seufzer geht durch die Mannschaft. Auf dem Torwart lastet im Turnier natürlich Dauerstress. Johannes ist zuversichtlich: „Damit komm ich klar!“

„Für mich ist die Hauptsache: Spielen, spielen, spielen.“

Während des Spielens quietscht und scheppert es in der Halle. Die meisten hier, ob mit oder ohne Behinderung, nutzen wendige Sportrollstühle mit umlaufendem Gestänge, das sie bei Kollisionen schützt. Nico rangelt mit seinem Bruder Mike um den Ball – noch ein sportliches Brüderpaar mit gemeinsamem Hobby. Vera feuert ihren Ehemann an: „UWE, GEH RAN!“

Bald rinnt der Schweiß. Zwanzig Minuten Spielzeit bei voller Konzentration fordern dem Team einiges ab. Steffi wechselt so aus, dass alle aktiv, aber ohne Überanstrengung trainieren. Malte schaut entspannt auf das Treiben und meint: „Ob Turnier oder nicht, ob einmal oder zweimal in der Woche – für mich ist die Hauptsache: Spielen, spielen, spielen.“

Vera, noch außer Atem und ebenfalls für den Moment ausgewechselt, erläutert mit unverwandtem Blick auf das Spiel: „Ich war immer schon sportlich, hab lange Rollstuhltennis gespielt. Und wenn ich hier bin – herrlich! Es kribbelt!“

Nach einem Blick auf ihre Hände meint sie: „Meine Fingernägel sind heute alle noch dran, bin ich ganz stolz drauf!“ Etwas nachdenklich fügt sie an: „Nur eins ist echt schade: Ich bin hier die einzige Frau.“ Dann feuert sie wieder an: „MIKE, AUFPASSEN! JAAA, SCHÖÖÖN!“

Gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)
Gegenseitige Unterstützung ist selbstverständlich. (Foto: Ingrid Hagenhenrich)

Nach dem Training herrscht freundschaftliches Chaos. Michael gibt eine Runde Süßigkeiten aus. Spielzüge und Situationen werden von verschiedenen Seiten beleuchtet, die Anfahrt zum Turnier geregelt. Mike erklärt uns die sichere Anschnalltechnik im Sportrollstuhl. Lennart bietet seinen E-Rollstuhl als Abstellfläche für das Laptop an. Kai erzählt von der Entstehung des inklusiven Angebots. Er selbst suchte nach einem sportlichen Angebot in seiner Nähe. Nachbar Thomas und Sohn Willi forschten damals auch – vergebens. Gemeinsam mit Steffi als Trainerin ging es im Februar 2025 beim SC Gremmendorf an den Start. Alle sind im Stadtteil gut vernetzt und werben engagiert für ihren Sport. Kai bilanziert: „Ich bin wirklich ein Stück stolz, dass das so geklappt hat – und dass es solche Kreise zieht!“

Inzwischen gibt es sechzehn feste Mitglieder. Wer weiß – vielleicht kommen ganz bald einige Neugierige hinzu? Vielleicht sogar sportliche Frauen, die Lust auf ein inklusives Team haben!?

Das Team ist offen für alle, die den Sport ausprobieren möchten, die Teilnahme ist nicht auf den Stadtteil Gremmendorf begrenzt. Die Mitglieder des aktuellen Teams kommen aus ganz Münster zusammen. Wer schnuppern möchte, ist herzlich willkommen! Der Kontakt geht direkt an die Trainer, erreichbar über die Homepage des SC Gremmendorf:
https://sc-gremmendorf.de/sportangebot/wheelsoccer/
Das Team freut sich auch über Unterstützung und Sponsoring, beispielsweise zur Anschaffung weiterer Sportrollstühle.

Zu den Autorinnen:
Homepage von Iris Brandewiede https://irisbrandewie.de
Homepage von Ingrid Hagenhenrich https://ingrid-hagenhenrich.com/

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