Was gibt es heute zum Essen? Ein Blick in den historischen Kochtopf

"Strammer Max" in der niederländischen Variante "Uitsmijter". (Foto: Josef Scheller)
„Strammer Max“ in der niederländischen Variante „Uitsmijter“. (Foto: Josef Scheller)

Diese Frage war den meisten Familien unserer Vorfahren fix beantwortet. Die Mahlzeiten wurden von dem zubereitet, was Garten, Vorratskeller und Geldbeutel hergaben. Hauptsache, die Tischgesellschaft war satt. Haushalte mit einem eigenen Garten oder etwas Ackerland hielten sich einige Hühner, Kaninchen und eventuell ein Schwein, um den Sonntag mit einem Fleischgericht zu krönen. Der Pastor, der Hauptlehrer und der Polizist besaßen meistens noch dazu eine Beamtenkuh (Ziege).

In Leipzig entstand 1864 der erste nach Moritz Schreber benannte Schrebergarten. Nach dem Steckrüben-Hunger-Winter 1916/17 gaben Städte und Kirchengemeinden Flächen zur Anlage von Gemeinschaftsgärten frei. Zum Beispiel die Überwasserkirche in Münster das Gelände des Kleingärtnervereins Wienburg. Familien konnten einzelne Parzellen pachten und sie mit Gemüse und Obst für den Eigenbedarf bepflanzen.

Pütt, Pott und Plog

Körperliche Arbeit im Bergbau, im Handwerk und in der Landwirtschaft verlangte nach kräftigender Hausmannskost. Platz eins belegte der Westfälische Eintopf mit Speck und Pumpernickel. Als beliebte Zwischenmahlzeit hat der um 1920 erstmals kreierte Stramme Max seinem Namen alle Ehre gemacht. Verschiedene Mythen erklären, wie er zu diesem Namen kam. Mit abgewandelten Pseudonymen wurde er über die Grenze hinaus bekannt und beliebt. Am treffendsten haben die Niederländer den Strammen Max übersetzt: Uitsmijter. Der Rausschmeißer, der Türsteher. Jedoch fügen sie unserem Strammen Max mindestens ein Ei mehr hinzu und “veredeln” ihn zusätzlich mit einer resoluten Scheibe holländischem Käse. So wird er auf niederländischen Speisekarten ein Mittagslunch.

Nicht weniger einfallsreich erfanden Köchinnen für ihre deftigen Speisen oftmals derbe Begriffe, die sich längst in Münsters Gastronomie-Speisekarten und auch im Duden wiederfinden. Das Bauernomelette bestehend aus Rührei, Kartoffeln, Speck, Zwiebeln und Gewürzen. Der Grenadiermarsch aus Österreich: Ein Hauptgang wie ein Schlussverkauf. Alle Gemüse-, Brot- und Fleischreste müssen raus aus dem Vorrat und rein in den Topf! Die Schwaben verstecken Faschiertes in Nudeltaschen und nennen die Mahlzeit Herrgottsbescheisserle. In der ehemaligen DDR wurden als deftige, sättigende Speisen die Tote Oma (Grützwurst mit Kartoffeln und Kraut) oder auch der Falsche Hase (ein Hackbraten) aufgetischt. Wer kennt noch das fleischlose Freitags-Arme Leute Essen im katholischen Münster? Blinder Fisch. Brot oder Zwiebäcke in einer geölten Pfanne anrösten, mit Rührei übergießen, stocken lassen und mit Gartenkräutern bestreuen. Als süße Variante mit Obstkompott wurde er in Thüringen als Arme Ritter serviert. In Münsterländer Dörfern kamen am Ende eines Schlachtefestes alle Fleischreste ins Möpkenbrot, in Münster vornehmer Wurstebrot genannt. Das leckerste Töttchen wird immer noch von Kalli in Wolbeck gekocht, und ein weiterer echter Münsteraner ist der Pfefferpotthast. Auf keiner winterlichen Speisekarte darf Grünkohl mit Mettwurst fehlen!

Nach herzhaft kommt süß
(Foto: Josef Scheller)
(Foto: Josef Scheller)

In den Jahren des Wirtschaftswunders wollten sich die Menschen zuerst mal wieder richtig satt essen. Bei Familienvisiten hieß es: „Die Wurst, die um den Bauch passt, die passt auch hinein.” Der Mettwurst folgte dann ein süßer Nachtisch: Münsterländer Stippmilch mit Sauerkirschen und Pumpernickel oder Schneemilch mit Rosinen. Am Karfreitag gab`s im ganzen Münsterland nur eine Mahlzeit: Struwen, auch Ölkräppkes oder Püffelkes genannt. Besoffene Jungfern, quasi eine Variante der Struwen wurde nach dem Ausbacken in Rotwein getunkt und rundete in Franken ein Menü ab. Mitte der 50er Jahre revolutionierte Dr. Oetker die Pudding- und Kuchen-Vielfalt. Mit seinem Back- und Puddingpulver gelang es relativ einfach, jetzt auch süße Hauptgerichte aus Österreich auf den Tisch zu bringen, Topfenstrudel, Kaiserschmarren und Marillenknödel sowie fruchtige und sahnige Cremedesserts. Regional bekannte Nachtische, wie die hannoversche Welfenspeise oder die Münsterländer Herrencreme avancieren inzwischen bei  einigen Leckermäulern zu Hauptgerichten. Nebenbei bemerkt sind fast alle Süßspeisen vegetarische Gerichte. Ob sie gesund sind, das sollen medizinische Fachleute sagen. Dass sie zumeist kalorienreich sind und nicht immer schlank machen, beweist der Alltag.

Schon Oma kochte vegetarisch

Sich vegan oder vegetarisch Ernährende mögen vielleicht überrascht sein, dass ihre Urgroßmütter schon vor Jahrzehnten unbewusst, der Not gehorchend gesundheitsbewusst, vegetarisch gekocht haben. Einige Beispiele: Omas Frühlings-Gemüseeintopf ist identisch mit der veganen One Pot Pasta Primavera. Apple Pancakes sind nichts anderes als der beliebte alte Apfel-Pfannkuchen. Westfälische Knabbeln in Milch mit Honig, Backpflaumen und Nüssen, oder das Haferflocken-Müsli nennen sich heute leicht abgewandelt in der veganen Speisekarte Overnight Oats. Der aktuelle Hype bei vorwiegend jungen Leuten ist das abgewandelte beliebte alte Butterbrot und nennt sich neudeutsch „Butter Board”. Streichfett wird auf ein Holzschneidebrett gestrichen, mit Gewürzen und einer Vielzahl Toppings, Obst- und Gemüsestreifen, Kräutern und essbaren Blüten bestreut und mit einer Scheibe Brot oder abgebrochenen Brotstücken aufgenommen. Liebe Vegetarier, Veganer, Pescetarier, Flexitarier und Freeganer: Schaut mal in Urgroßmutters handgeschriebene Kochbücher. Es lohnt sich, denn Ihr werdet feststellen: “Nicht dein Geschmack hat sich geändert sondern deine Einstellung zu Kalorien und Tierwohl. Für unsere Vorfahren war fleischloses Essen ‘Schmalhans-Küche’. Dazu Großvaters Gebet: Komm Herr Jesus, sei unser Gast und schaue, was du angerichtet hast.

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