Vier Jahreszeiten in zwei Stunden Neue Show „Seasons“ im GOP Varieté-Theater gestartet

Die Clownin Raphaëlle Pépin (Mitte) in ihrem Element. (Foto: Ralf Mohr)
Die Clownin Raphaëlle Pépin (Mitte) in ihrem Element. (Foto: Ralf Mohr)

„Jetzt kommt eine Gruppe junger Leute, die eine Lebensfreude ausstrahlen wie ich es selten gesehen habe.“ kündigt GOP-Direktor Hamid Reghat das Ensemble „Flip Fabrique“ an. Ihre Show „Seasons“ erlebt an diesem Abend in Münster ihr Debut. „Das ist nun die dritte von vier Premieren, die wir in diesem Jahr präsentieren dürfen.“ so Reghat.

Seine Lobeshymne auf die kanadische Artistengruppe klingt den Gästen noch in den Ohren und vermischt sich bei Offenbarung des ersten Bühnenbildes mit energischer Charleston-Musik. Für den ersten Auftritt – und Lacher – des Abends sorgt Raphaëlle Pépin, die temperamentvolle Clownin. Sie führt mit ihrer sympathisch-chaotischen Komik durch den Abend und ist Teil des neunköpfigen Ensembles. Als sie beim Verschieben einer riesigen Holzkiste ihre darin gestapelten Artistenkollegen entdeckt, ist die angepriesene Lebensfreude nicht mehr aufzuhalten.

Ania Lewandowska schwebt am Vertikaltuch. (Foto: Ralf Mohr)
Valérie Bédard in einem riesigen Hula Hoop (Foto: Ralf Mohr)

Auch ohne das Programmheft vorher gelesen zu haben, erahnt man bei dem Titel der Show „Seasons“ eine akrobatische Reise durch die vier Jahreszeiten. Und während der Münsteraner Juli unter aprilartigen Verstimmungen leidet, lebt uns „Flip Fabrique“ die Leichtigkeit des Frühlings vor. Zu „Copacabana“, dem musikalischen Inbegriff von Sommer spielt die Gruppe ausgelassen mit großen roten Strandbällen – da möchte man am liebsten mitspielen! Das denkt sich auch Clownin Raphaëlle, verlässt das Spielfeld jedoch abrupt wieder, nach einer comicartigen Ball-Gesicht-Begegnung. Wie das Schicksal eines Clowns es nun einmal will, lässt die nächste Schlappe nicht lange auf sich warten. Bei ihrem Ausflug an den Strand bleiben die Flirtavancen der tollpatschigen Ulknudel unerhört, so dass sie sich für einen Tauchgang entschließt. Mit Schwimmflossen bewaffnet erklimmt sie das Trapez und erinnert mit ihren absurd witzigen Turnversuchen etwas an Mr. Bean. Das Überraschungsmoment ist ganz ihrer, als Raphaëlles Körper sich plötzlich grazil und gekonnt durch die Luft bewegt!

Im Interview mit ALLES MÜNSTER erklärt Raphaëlle: „In der Ecole de Cirque in Quebec, wo ich studiert habe, gibt es kein eigenes Clown-Programm. Ich musste also den Zirkus-Studiengang belegen und für diesen Abschluss ist etwas Akrobatisches Voraussetzung.“ Auf besagter Schule war auch Amélie Granger. deren Drahtseil-Performance für absolute Stille im Publikum sorgte. Einzig die tiefe Männerstimme des Liedes „Daylight“ von David Kushner begleitet sie bei ihren filigranen Schritten. Dass sie neben ihrem Körper auch die Kreation gefühlvoller Augenblicke beherrscht, beweist sie gemeinsam mit ihrem Partner Carl Turner. In königsblauem Licht und zu einer zarten Ballade schwingt er seinen trainierten Körper einarmig an den Duo-Strapaten. Nicht nur die Zuschauer bewundern ihn….unten rechts hat sich Amélie zaghaft angeschlichen und himmelt ihn an.

Das Paar Amélie Granger und Carl Turner an den Duo Strapaten. (Foto: Ralf Mohr)
Das Paar Amélie Granger und Carl Turner an den Duo Strapaten. (Foto: Ralf Mohr)

Kann man Liebe turnen? Ja!

Was dann folgt, ist das akrobatische Sinnbild von Liebe. Die beiden scheinbar fliegenden Silhouetten spielen vertraut miteinander und tanzen wie verliebte Schmetterlinge, um immer wieder zu einem Körper zu verschmelzen. So verschieden auch die Jahreszeiten sind (oder vor dem Klimawandel einst waren), so facettenreich ist auch die künstlerische Darbietung: Unbeschwertes Gruppen-Seilhüpfen zu „99 Luftballons“, turbulente Duo-Einrad-Akrobatik von Babou Sanna und Rémi Orset, wirbelnde Hula-Hoop-Reifen von Valérie Bédard, spektakuläre Jonglage von Jessi James oder die verträumte Vertikaltuch-Nummer von Ania Lewandowska sorgen für eine Kurzweiligkeit, die beinahe traurig macht.

Und so kommt es in der Show wie im echten Leben: Der Sommer ist vorbei. Die Tage werden kürzer, dunkler und nasser. Eine akustische Kulisse aus Regengeplätscher erinnert das Publikum im Saal an die Vergänglichkeit – und die Wetterprognose für die kommenden Tage. Über die komplett verdunkelte Bühne hüpfen Taschenlampen, die akrobatisch formierte Konturen entlarven. Für die Beseitigung des auf dem Boden liegenden bunten Blattwerks ist Clownin Raphaëlle zuständig, die sich mit dem Laubbläser erfrischend uneitel erst einmal ihre Wangen aufpumpt. Keiner der im Saal Anwesenden dürfte bei Anbruch der folgenden und letzten Jahreszeit ernsthaft winterliche Tristesse erwartet haben. Mit dicken Schals und Mützen zelebriert die „Flip Fabrique“ den Winter und lässt das Publikum voller Überzeugung Weihnachtslieder mitträllern. Man kann die Plätzchen und den Glühwein förmlich schmecken! Und so fliegen am Ende des Jahres…äh…des Abends fluffige Schneeflocken durch die Luft – und die Akrobaten Rémi Orset und Sebastian Van De Walle.

Talk mit der Clownin

Clownin Raphaëlle Pépin im Interview. (Foto: Jasmin Otman)
Clownin Raphaëlle Pépin im Interview. (Foto: Jasmin Otman)

Raphaëlle Pépin zeigt sich nach der Premiere zufrieden: „Es lief gut und nach den ganzen Proben sind wir natürlich erleichtert, das Ziel, die fertige Show endlich erreicht zu haben.“ Sie habe auf der Bühne eine Verbindung mit dem Publikum. „Das ist nicht vorgespielt, sondern wir erleben zusammen etwas Echtes.“ erzählt sie. ALLES MÜNSTER möchte von ihr wissen, wie man als Clown damit umgeht, wenn niemand über den Witz lacht. „Das passiert zum Glück selten, aber es passiert! Man muss das Publikum richtig fühlen und sich auf deren Geschwindigkeit einspielen. Clown zu sein bedeutet, dass man sehr feinfühlig sein muss.“ Viele denken, es sei einfach, weil es so aussieht, sagt Raphaëlle. „Es ist aber tatsächlich harte Arbeit, es einfach aussehen zu lassen.“ erklärt sie. „Meine Aufgabe ist es, den Zuschauern nach großen Akrobatik-Nummern die Anspannung wieder zu nehmen.“ In Münster sei sie zum ersten Mal, finde unsere Stadt aber wunderschön. „Es ist toll hier, die Leute sind so stylish, jung und lebendig. Das ist das erste Mal, dass ich in einer Stadt bin, in der ich mir vorstellen könnte, zu leben.“

Wer sich selbst auf die bunte Reise durch die Jahreszeiten begeben möchte, gelangt hier zum Ticketshop.

 

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