Unerschöpfliche Energie aus der Tiefe Im kommenden Jahr startet in Münster die "Forschungsbohrung Münster-Osttor" - Wir sprachen mit dem Projektleiter

Ingo Schäfer zeigt auf der Karte, wohin die Forschungsbohrung führen soll. (Foto: Bührke)
Ingo Schäfer zeigt auf der Karte, wohin die Forschungsbohrung führen soll. (Foto: Bührke)

2021 und 2024 rumpelten nachts seltsame Karawanen durch Münster, große Vibro-Trucks rüttelten den Boden durch, um auf der Suche nach heißem Wasser Signale in die Tiefe zu schicken. Als Ergebnis dieser Untersuchungen wird es voraussichtlich im Spätsommer kommenden Jahres auf städtischem Boden eine erste Probebohrung an der Grenze zwischen Hiltrup-Ost und Angelmodde geben. Wir sprachen mit Ingo Schäfer, Geologe und Projektleiter beim Geologischen Dienst NRW, über die geplante Bohrung.

„Münster ist neben Krefeld, Köln und Mönchengladbach eine von vier Forschungsbohrungen in Nordrhein-Westfalen“, erklärt Schäfer und zeigt sich begeistert von dem Entgegenkommen in Münster: „2021 fand eine 2D-Seismik statt, bei der uns die Stadt Münster sehr unterstützt hat. 2024 folgte die 3D-Seismik, die uns im Nachgang sehr viel mehr Sicherheit gegeben hat.“ Untersucht werden bei den vier Bohrungen unterschiedliche Sandsteinschichten in der Hoffnung, in deren Rissen und Klüften heißes Wasser zu finden. Sollten die Bohrungen erfolgreich sein, könnte in Münster zukünftig etwa 40 Grad warmes Wasser aus rund 1.300 Metern Tiefe hochgepumpt werden. Über einen Wärmetauscher würde es seine Wärme an einen separaten Wasserkreislauf abgeben. Eine Wärmepumpe hebt die Temperatur anschließend auf das für das Fernwärmenetz erforderliche Niveau an. Das abgekühlte Thermalwasser wird im Anschluss wieder in die Tiefe zurückgepumpt. Die gewonnene Wärme kann so zur Versorgung von Haushalten genutzt werden. Das Prinzip ähnelt dem einer Wärmepumpe – nur dass hier die natürliche Wärme aus großer Tiefe als Wärmequelle dient.

Eine Reise in die Vergangenheit der Erde

Ein Schnitt durch den Untergrund des Münsterlandes. Die Bohrung "Münsterland 1" (links) stammt aus dem Jahr 1962 und führte knapp 6.000 Meter in die Tiefe. Sie gilt bis heute als eine der wichtigsten Bohrungen der Region. (Grafik: Geologischer Dienst NRW)
Ein Schnitt durch den Untergrund des Münsterlandes. Die Bohrung „Münsterland 1“ (links) stammt aus dem Jahr 1962 und führte knapp 6.000 Meter in die Tiefe. Sie gilt bis heute als eine der wichtigsten Bohrungen der Region. (Grafik: Geologischer Dienst NRW)

In die Tiefe zu bohren, ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Die münstersche Probebohrung peilt einen Zeitraum vor etwa 90 bis 100 Millionen Jahren an. „In Münster ist unser Ziel die Schicht des Plänerkalks. Das Münsterland war damals ein großes Kreidemeer und wesentlich näher am Äquator. Heute wäre das eine Gegend, in der man Urlaub machen würde“, merkt Schäfer schmunzelnd an. An Land war es die Zeit der Dinosaurier, im Meer lebten unter anderem riesige Ammoniten. Für unsere Nachbarn in Seppenrade bei Lüdinghausen ist dieses Meer von besonderer Bedeutung. Aus ihm stammt der größte jemals gefundene Ammonit der Welt, Parapuzosia seppenradensis, auf den der Ort bis heute so stolz ist, dass er sogar im Stadtwappen verewigt wurde. Das Tiefenwasser ist allerdings kein Überbleibsel des damaligen Kreidemeeres. Das Meerwasser ist über geologische Zeiträume verschwunden beziehungsweise durch andere Wässer ersetzt worden. Die Mineralien, die im geförderten Wasser gelöst sind, können hingegen zum Teil auf Wechselwirkungen mit den damaligen Gesteinen und den geologischen Ablagerungen des Kreidemeeres zurückgehen und sind daher von wissenschaftlichem Interesse.

Besonders spannend und aus Sicht Schäfers erfolgversprechend sind sogenannte Störungszonen, in denen die Gesteinsschichten durch Bewegungen der Erdkruste zerbrochen sind. „In diesen Bereichen ist die Wahrscheinlichkeit höher, wasserführende Schichten zu finden.“ Die Temperatur im Untergrund steigt im Mittel um etwa drei Grad pro 100 Meter Tiefe. Ursache sind vor allem die natürliche Wärme aus dem Erdinneren und der radioaktive Zerfall in der Erdkruste und im Erdmantel. Die genaue Temperatur in 1.300 Metern Tiefe hängt allerdings von den örtlichen geologischen Bedingungen ab. Schäfer und seine Kolleginnen und Kollegen gehen davon aus, dort auf eine etwa 40 Grad warme Umgebung zu treffen. „Wir sind uns bei der Probebohrung sehr sicher, wo wir enden müssen. Was wir nicht wissen, ist, ob wir dort Wasser finden.“

An dieser Stelle soll die Forschungsbohrung stattfinden. (Google, AeroWest, Airbus, GeoBasis-DE/BKG, Maxar Technologies)
An dieser Stelle soll die Forschungsbohrung stattfinden. (Google, AeroWest, Airbus, GeoBasis-DE/BKG, Maxar Technologies)

Kein Erdbeben, kein Lärm

„Dadurch, dass wir das abgekühlte Wasser wieder in die Tiefe pumpen, entsteht dort kein Volumenverlust. Und da der Temperaturunterschied zwischen warmem und kaltem Wasser nicht sehr groß ist, sind auch aus diesem Grund keine größeren Spannungen im Gestein zu erwarten“, erklärt der Geologe. Ängste vor spürbaren Erschütterungen oder gar Erdbeben seien nach Einschätzung Schäfers daher unbegründet. Wie bei jeder tiefen Geothermie müsse das Gestein und die Bohrung jedoch überwacht werden, um mögliche Auswirkungen frühzeitig zu erkennen.

Wenn bei der Forschungsbohrung solche Bohrkerne zutage kommen, wäre das gut, in diesen Hohlräumen kann warmes Wasser zirkulieren. (Foto: Bührke)
Wenn bei der Forschungsbohrung solche Bohrkerne zutage kommen, wäre das gut, in diesen Hohlräumen kann warmes Wasser zirkulieren. (Foto: Bührke)

Lärm ist durch die Bohrungen ebenfalls kaum zu befürchten. „Wir bohren 24 Stunden pro Tag an sieben Tagen pro Woche und müssen durchgehend die Lärmschutzbestimmungen einhalten. Darum wird der Geräuschpegel ununterbrochen gemessen, eine Lärmschutzampel zeigt an, ob wir die Vorgaben einhalten.“ Die Bohrtätigkeiten werden von Bergleuten überwacht, damit zum Beispiel das Grundwasser nicht beeinträchtigt wird. Wenn die Probebohrung erfolgreich verlaufen sollte und Wasser gefunden wird, muss noch gemessen werden, wie viel Wasser pro Stunde hoch- und wieder heruntergepumpt werden kann. Und was passiert dann mit der Probebohrung? „Entweder verschließen wir sie oder die Stadt Münster kauft die Bohrung, um dort Geothermie für das Fernwärmenetz zu produzieren. In der Nähe am Albersloher Weg führt das Fernwärmenetz entlang. Es wäre also vermutlich durchaus möglich, dort die Wärme einzuspeisen“, berichtet Ingo Schäfer.

Unerschöpfliche Energie

Auf dieser Fläche soll die Bohrung stattfinden. (Foto: Bührke)
Auf dieser Fläche soll die Bohrung stattfinden. (Foto: Bührke)

Geothermie ist nach menschlichen Maßstäben eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle. Die Wärme im Erdinneren stammt zum Teil noch aus der Entstehungszeit der Erde und wird bis heute durch natürliche radioaktive Zerfallsprozesse aufrechterhalten. Fans der Atomkraft könnte das eventuell beruhigen. Ein weiterer Vorteil ist, dass Geothermieanlagen grundlastfähig sind, also unabhängig von Tageszeit und Wetter kontinuierlich Wärme liefern können. „Münster ist offenbar so drauf, dass viele hoffen, dass es klappt!“, resümiert Schäfer. Ob es klappt, weiß Münster voraussichtlich nach Abschluss der Probebohrungen 2028.

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