
Das „Internationale Jazzfestival Münster – Shortcut“ hat am Samstag den Festivalreigen für das Jahr 2026 eröffnet. Vier ganz unterschiedliche Formationen standen auf der Bühne, aber ein paar Gemeinsamkeiten konnten wir dann doch feststellen.
Es ist schon ein gewohntes Phänomen, dass Jazzmusiker gerne die Grenzen zwischen ganz unterschiedlichen Genres überspringen. Wie schon bei früheren Jazzfestivals im Theater Münster wurde auch bei der Shortcut-Ausgabe 2026 wieder munter zwischen Folklore aus verschiedenen Regionen der Welt, barocker oder klassischer Musik und freier Improvisation hin und her gewechselt. Was diesmal aber auffiel: Für den richtigen Beat kann eigentlich jedes Instrument sorgen, es gibt im Jazz keine Grenzen vom Melodie- zum Rhythmus-Instrument mehr. So stand am Samstag nur in einer der insgesamt vier Formationen ein klassisches Schlagzeug auf der Bühne, und auch das hat Willi Kellers gelegentlich verlassen, um zu einem anderen Instrument zu greifen.
Zusammen mit seinem langjährigen Mitstreiter, dem Saxophonisten Thomas Borgmann, war Kellers dem „Ruf der Heimat“ gefolgt. Das ist nicht nur seit 1992 der Name ihres west-ostdeutschen Quartetts, sondern war am Samstag auch Programm. Denn beide stammen aus Münster, sind aber schon vor Jahrzehnten von hier weggezogen. Mit Christof Thewes an der Posaune und Jan Roder am Bass blieben sie am ehesten bei einer definierten Spielart des Jazz, aber der von so manchen am meisten gefürchteten: dem Free Jazz. Was dann aber doch recht gut ankam bei den Festivalbesuchern, da ihre freien Improvisationen nicht schrill und aggressiv waren, sondern oft verschmitzt und verspielt und mitunter sogar lyrisch. Und dazu lief als weiterer Sympathieträger der von der Musik ziemlich unbeeindruckte Hund von Borgmann immer wieder kreuz und quer über die Bühne, freudig schwanzwedelnd über so viel Publikum. Die Gelegenheit nutzte auch Schlagzeuger Willi Kellers, um Werbung für das Stück „Tanzende Idioten“ zu machen, bei dem er in den nächsten Tagen im Pumpenhaus in einer ganz anderen Rolle auf der Bühne stehen wird.
Eröffnet wurde der Reigen mit vier Konzerten beim „Internationalen Jazzfestival Münster Shortcut“ aber von dem wunderbaren Quartett um den französischen Posaunisten Robinson Khoury. Sein neues Projekt „Quatuor Demi-Lune“, also das Halbmond-Quartett, war in Münster als Deutschland-Premiere zu erleben. Bei ihnen endete kaum ein Stück in der Klangfarbe und in dem Genre, in dem es begonnen hatte. Munter ging es hin und her zwischen Minimal Music und barocken Klängen, oder von lautmalerischen Klanglandschaften, die mal an Walgesänge erinnerten oder mal an ein Sommergewitter, hin zur klassischen arabischen Musik. Ein Schlagzeug hat hier niemand vermisst, trotzdem konnte es schon mal recht rhythmisch zugehen. Dafür sorgten dann eben Khourys kongeniale Mitstreiter Lina Belaïd am Cello, Simon Drappier am Kontrabass und Eve Risser am Klavier.
Noch perkussiver war das Klavierspiel von Eve Risser bei ihrem zweiten Einsatz an diesem Abend. Denn im dritten Akt trat die französische Pianistin erneut auf, diesmal mit der Sängerin Naïny Diabaté aus Mali. Beide leiten auch eigene Bands, die sie einmal im Jahr für eine Tour zu einer Big Band zusammenführen. Laut Festival-Leiter Fritz Schmücker ist Diabaté in ihrer Heimat als Griot-Sängerin ein gefeierter Star. Mit diesem traditionellen Gesang widmet sie sich vor allem gesellschaftlich relevanten Themen, wie Frauenrechte oder Kinderarbeit, zwischendurch kann es aber auch mal nur um einen putzigen Hund gehen. Denn verstehen konnte sie beim Konzert in Münster ohnehin niemand, weil sie in den Sprachen Bambara und Maninka sang. Eve Risser versuchte, die Inhalte von ihrem gemeinsamen Programm „Anw Be Yonbolo“ („Wir sind zusammen“) ein wenig zu vermitteln. Oft brauchte sie aber die Pausen zwischen den Liedern, um das Klavier aufs Neue zu manipulieren, damit es mehr wie ein Perkussionsinstrument klang. Außerdem hatte sie ein Basstrommel dabei. So ersetzte sie in diesem Duo gleich eine ganze Band, mit Melodie und starken Rhythmen. Am Ende kam für das letzte Lied dann noch Lina Belaïd mit ihrem Cello hinzu – vielleicht um eine Frage zu beantworten, die Naïny Diabaté zuvor in den Raum geworfen hatte: „Wo sind sie, die Frauen, die nicht nur singen, sondern auch Instrumente spielen?“
Als letzte Formation des Abends begeisterte eine weitere deutsche Band, das Quintett um den Trompeter Richard Koch, der sein aktuelles Album „Rays Of Light“ präsentierte. Auch hier verschwammen die Grenzen zwischen den Genres, wobei Fabiana Striffler an der Violine und Valentin Butt am Akkordeon ganz eigene Impulse setzten. Mal klang es wie Folklore vom Balkan, mal wie aus den Appalachen, mal wie Klezmer oder wie aus einem verrauchten Jazzclub, auch ein wenig lateinamerikanisches Flair war auszumachen. Nora Thiele sorgte an den Frame-Drums, den Rahmentrommeln, für den Rhythmus. Und Bassist Andreas Lang war diesmal der einzige Musiker, der schon einmal beim Jazzfestival Münster aufgetreten ist – erst bei seinem Solo kam das Publikum auf die Idee, einen Zwischenapplaus zu spendieren.

Einen zweiten Auftritt hatten Richard Koch und Nora Thiele am Sonntagmittag in der Dominikanerkirche. Mehr als 200 Musikinteressierte hatten sich dort um 12 Uhr rund um das Foucaultsche Pendel versammelt, für das Gerhard Richter sein Kunstwerk mit den zwei Doppelspiegeln geschaffen hat. Zunächst wie ein mittelalterlicher Herold kündigte die Trompete von Koch sein Kommen hinter den Zuschauern an, lief um sie herum, was Nora Thiele mit ihrer Rahmentrommel von gegenüber beantwortete. Sie nutzten den ganzen Raum und seinen Hall, der wunderbar zu diesen Instrumenten passte. Ein würdiger Abschluss für das eigentlich eintägige Jazzfestival Shortcut 2026.
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