
Nicht alle im Buch vorgestellten Promis sind gebürtige Münsteraner:innen. Jedoch haben alle Spuren in Münsters Chronik hinterlassen. Interessant ist festzustellen: Es sind 88 Männer und lediglich 12 Frauen aufgelistet. Wie würde wohl heute, elf Jahre später, das Geschlechterverhältnis aussehen? Weitaus mehr großartige Frauen prägten die Stadt und ihr Image. Und sicherlich würden aktuell auch queere Persönlichkeiten, die sich outeten, im Buch der elitären Gesellschaft „Prominente Münsteraner“ aufgenommen.
Die 12 Prozent-Frauenquote des Buches
Genannt und nicht vergessen werden sollten unter vielen bedeutenden prominenten Frauen Mathilde Franziska Anneke (1817–1884), die radikale Demokratin, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin, und Hille Feiken (ca. 1500–1534), die als fromme Christin versuchte, den Fürstbischof Franz von Waldeck zu töten und dafür hingerichtet wurde. Ebenso haben Theodora Schmedding (gest. 1876), Bankerin und erfolgreiche Geschäftsfrau, sowie Margarete Moormann (1869–1937), die erste sich in Münster niedergelassene Ärztin, Anspruch auf Erwähnung. Auch die in der Steinfurter Straße wohnende Studentin und Journalistin Ulrike Meinhof (1934–1976) lebte zwei Jahre in Münster und entwickelte sich von einer Friedensaktivistin hin zur RAF-Terroristin. Besondere Erwähnung hat die deutsche Philosophin, Frauenrechtlerin und Ordensschwester Edith Stein alias Teresia Benedicta vom Kreuz (1891–1942) verdient. Sie wohnte im Collegium Marianum in der Frauenstraße und floh in die Niederlande. Dort wurde sie von den Nazis verhaftet und am 9. August 1942 direkt nach der Ankunft im KZ Auschwitz-Birkenau schonungslos und brutal vergast, nur weil sie Jüdin war. 1998 erhob Papst Johannes Paul II. sie zur Heiligen der katholischen Kirche und Mitpatronin Europas. Aber wäre es auch Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Langrantius Rosenstengel, die/der um ihre/seine Daseinsberechtigung lebenslänglich kämpfen musste, möglich, in einer Neuauflage des Buches zu erscheinen
Sie oder Er oder Queer

Mit Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantius Rosenstengel (1687–1721) wird hier eine Persönlichkeit vorgestellt, deren/dessen genderfluides Leben von einem ständigen Versteckspiel ihrer Geschlechtszugehörigkeit, von Furcht und Flucht, Verachtung und Lieblosigkeit, Verhaftung und Hinrichtung geprägt war. Catharina M. Linck wurde in Gehofen, Thüringen, in ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Viele Jahre ihrer Kinderzeit musste sie in einem streng gläubigen evangelischen Waisenhaus, in dem sie täglich zu stundenlangem Beten gezwungen wurde, verbringen. Immer wieder nahm sie Reißaus, kehrte aber ebenso stets zurück. Sie erlernte das Knopfmacherhandwerk und das Bedrucken von glattem, festem Baumwollstoff (Kattun).
Fünfzehnjährig kleidete sie sich erstmals wie ein Mann und gab sich nun den Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel. Sie/Er fertigte sich ein aus Leder gemachtes, wie eine Wurst geformtes männliches Glied, zog ohne festen Wohnsitz als Prediger einer streng gläubigen Sekte über Land und hatte mit der „ledernen Wurst“ sexuelle Kontakte mit Frauen. Ab 1705 heuerte er/sie über sieben Jahre in verschiedenen Armeen an und kämpfte als Musketier im Spanischen Erbfolgekrieg. Als Deserteur zum Tode verurteilt, offenbarte er/sie sein/ihr wahres Geschlecht und entging so der Hinrichtung. Danach, wieder als Krieger/in an verschiedenen Orten und bei wechselnden Dienstherren aktiv, liebkoste oder streichelte er/sie mit dem selbst gefertigten Männersymbol „Schöne Weybspersonen“.
Rosenstengel und Münster
Dreißigjährig heiratete Anastasius L. Rosenstengel lutherisch die elf Jahre jüngere Catharina Margaretha Mühlhahn. Sesshaftigkeit wurde dem Paar wegen Enttarnung zur Gefahr. Mittellos umherziehend fanden sie von 1718 bis 1720 als Ehepaar Unterkunft im Jesuitenkloster in Münster. Rosenstengel war zwei Jahre als Pförtner an der Jesuitenschule tätig. 1718 ließ sich das Paar katholisch in der münsterschen Petrikirche taufen und erneut trauen. Aus unbekannten Gründen wanderte das Paar wieder nach Halberstadt zurück. Beim dritten Heiratsversuch enttarnte und überwältigte ihn/sie die argwöhnische Schwiegermutter. Es folgte ein Inquisitionsprozess wegen „Unzucht mit einem Weybe“.

Im Stadtarchiv Münster ist dazu nachzulesen: „Die Akten des Gerichtsverfahrens zeigen das Bild von einer klugen Person, die sich unter schwierigsten Lebensumständen ihr eigenes Leben aufbaute. Anfang des 18. Jahrhunderts sind jedoch von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualitäten ohne größere Unterschiede als ‚Sodomie‘ bezeichnet worden. Es folgte nach längerem Prozess und auf direkte Intervention König Friedrich Wilhelms I. das Todesurteil. Am 8. November 1721 wurde sie/er mit dem Schwert in Halberstadt hingerichtet. Das war die letzte Hinrichtung einer Frau wegen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung in Europa. Die Ehefrau Catharina Mühlhahn wurde zu drei Jahren Spinn- und Zuchthaus verurteilt.“
Im Rahmen des Projekts Frauenorte wurde Catharina Margaretha Linck, diese außergewöhnliche historische Persönlichkeit, 2024 in die Liste www.frauenorte-nrw.de aufgenommen. Am Platz ihrer katholischen Trauung, der Petrikirche, wurde gegenüber am Aaweg eine Gedenktafel platziert und am 8. Juli 2025 öffentlich eingeweiht.
Nichts bleibt, wie es ist
Catharina/Anastasius hat in ihrem/seinem Leben sexuelle Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt. Darum sah sie/er sich schon vor 300 Jahren nicht als Einzelfall. Ihre/seine letzten Worte machen das deutlich: „Werde ich auch aus dem Weg geräumt, so bleibt doch dergleichen.“ Das Stadtarchiv Münster schreibt: „Aus heutiger Sicht und im Wissen um veränderte Geschlechterrollen lassen historische Quellen mehrere Deutungen zu, ob lesbisch, trans, nonbinär oder fluide.“
Offen bleibt am Schluss die Frage: Sollte in jetziger Zeit Catharina/Anastasius in die Liste der Prominenten Münsteraner aufgenommen werden? Wie bewerten es die Leserinnen und Leser?
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Lieber Herr Scheller,
es tut immer gut, wenn Männer sich als Verbündete für mehr Sichtbarkeit von Frauen und Frauengeschichte aussprechen. Besonders freut uns Ihr Shoutout für Catharina / Anastasius und unser Projekt FrauenOrte NRW!
Ihre/seine Biografie ist so spannend und hat durch ihr/sein bewegtes Leben in ganz Deutschland Spuren hinterlassen, so dass es auch in Sachsen-Anhalt einen FrauenOrt gibt im Rahmen des dortigen Projekts, genau genommen in Halberstadt.
Ihr Beitrag war auch zeitlich eine Punktlandung, denn am gestrigen 8. Juli jährte sich die Einweihung des FrauenOrtes NRW in Münster — sprich die feierliche Enthüllung der Infostele – zum ersten Mal.
Von unserer Seite aus daher ein ganz klares JA für die Aufnahme von Catharina / Anastasius und noch möglichst vieler weiterer Frauen in Publikationen, Stadtrundgänge etc.!