
Für die Abschiedstour der Toten Hosen in Münster wurde auf dem Gelände hinter der Halle Münsterland das ganz große Besteck aufgefahren. Menschenmassen wie sonst nur bei Fußball-Spitzenspielen fluten am Mittwochabend das sonst so beschauliche Hafenareal, vor allem zwischen Bahnhof und Albersloher Weg ist stellenweise kein Durchkommen mehr. Hier passiert heute etwas Großes, dementsprechend haben die Veranstalter Gelände und Zeitplan sehr genau durchorganisiert.
Schon vor der Halle Münsterland sind Merchandise-Stände aufgebaut, um die Lage auf dem eigentlichen Festivalgelände zu entspannen und dem kauffreudigen Publikum schon vor dem Einlass die Möglichkeit zu geben, sich mit reichlich Devotionalien einzudecken. Wenn eine der dienstältesten deutschen Punkrockbands sich langsam, aber sicher in den Ruhestand verabschiedet, möchte man sich später schließlich noch lange daran erinnern können.
Der Zugang zum einige Meter weiter am Albersloher Weg gelegenen Veranstaltungsbereich läuft trotz der Menschenmassen erfreulich gesittet ab, die gut 25.000 Zuschauer verteilen sich einigermaßen zügig über den großen, gut aufgeteilten Schotterplatz. Gegen Hunger und Durst sind entsprechende Verkaufsbuden in Stellung gebracht, zudem kämpfen sich immer wieder tapfere Getränkeverkäufer mit Bierzapf-Rucksäcken durchs Publikum und lassen sich den goldenen Gerstensaft in reichlich klingender Münze bezahlen.
Von St. Pauli bis New York
Musikalisch wird an diesem Abend ebenfalls einiges geboten. Den Anfang macht „Deine Cousine“ aus Hamburg – pardon, natürlich St. Pauli! – mit einem ordentlichen Punkrock-Brett, das von der ersten Sekunde an ausgesprochen dankbar angenommen und mit durchgehender Eskalation im Moshpit belohnt wird. Da kann man auch schon mal ein paar schmutzige Wörter oder ein gepflegtes „Döp-Dö-Dö-Döp-Döp“ mitgrölen. In jedem Fall ein ganz hervorragendes Warm-up, mit dem die Cousine sicherlich viele alte Fans erfreut und sich einige neue Fans erspielt hat.

So viel zur dem Publikum in weiten Teilen bereits bekannten Vorband. Hierzulande etwas unbekannter, aber nicht weniger energiegeladen gehen Gogol Bordello aus New York zu Werke. Manchem vielleicht noch vom Vainstream Festival 2009 bekannt, hat sich an der Spielfreude der bunt gemischten Truppe bis heute nichts geändert. Von der Band selbst als „Gypsy Punk“ bezeichnet, explodiert hier ein Feuerwerk wilder Melodien und Rhythmen. Die neunköpfige Besetzung ist so wild zusammengewürfelt wie die Bevölkerung in ihrer Heimatstadt New York, was sich auch musikalisch deutlich bemerkbar macht.
Neben der üblichen Punkrock-Besetzung mit E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang wird wechselweise zu Geige, Akkordeon, Akustikgitarre, verschiedensten Saiteninstrumenten und einem breiten Arsenal an Percussion gegriffen, außerdem reichlich getanzt und mehrstimmig gesungen. Süd- und osteuropäische traditionelle Musik findet hier ebenso ihren Platz wie südamerikanische Samba-Klänge. Ein Mix, der für einige Zuschauer zunächst wohl etwas befremdlich wirkt, aber im Laufe des Sets immer mehr Tanzbeine zum Schwingen bringt und zahlreichen Kehlen ein „Bojaka, Bojaka!“ entlockt. Ganz großer Zirkus!
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Klassiker, Fahnen und ein alter Freund
Nach halbstündigem Umbau und einigen kleineren Schauern wird es dann Zeit für den Headliner des Abends. Die Toten Hosen wissen von Anfang an zu überzeugen, es werden Fahnen ausgepackt und alle Songs konsequent mitgesungen. Während der größere Teil der Show aus neuerem Material – zumindest aus der Perspektive unseres Autors, der sein letztes Hosen-Album 1996 gekauft hat – besteht, werden immer wieder Klassiker aus früheren Schaffensphasen ausgepackt. Und wenn man schon mal in Münster ist, lädt man natürlich auch den alten Freund und Weggefährten Ingo Knollmann von den Donots ein, um gemeinsam „Verschwende deine Zeit“ zu singen.
Campino wird politisch
Dass bei den Toten Hosen – im Gegensatz zu einem gewissen Provinz-Festival eines dönerverkaufenden Ex-Fußballers und des ehemaligen Wendler-Managers – demokratische Positionierungen auf der Bühne erwünscht sind, macht Campino mit einem sehr eindeutigen Statement klar. Um zu unterstreichen, was die Band von der Ausladung Alphavilles vom diesjährigen „Glücksgefühle“-Festival aufgrund „befürchteter politischer Äußerungen“ hält, wurde unter großem Applaus spontan Alphaville-Frontmann Marian Gold für eine gemeinsame „Forever Young/Für immer Punk“-Interpretation auf die Bühne gebeten. Oder um es deutlich in Campinos Worten zu sagen: „Wer auf ein Tote-Hosen-Konzert geht, geht auf ein Anti-Nazi-Konzert.“

Auch eine Hommage in Richtung Berlin verkneifen sich die Düsseldorfer nicht und spielen „Schrei nach Liebe“ der vermeintlichen „Erzfeinde“ Die Ärzte – ein Song, der leider auch nach 33 Jahren immer noch aktuell ist. Der letzte Zugabenblock ist abermals von Klassikern der Bandgeschichte geprägt. Passend zur Abschiedstour darf „Schönen Gruß, auf Wiederseh’n!“ ebenso wenig fehlen wie die ultimative Fußballhymne „You’ll Never Walk Alone“, aus der breiten Auswahl an Trinkliedern gewinnt dieses Mal „10 kleine Jägermeister“ – auch wenn der erste große Party-Hit „Eisgekühlter Bommerlunder“ immer wieder vom Publikum angestimmt und auch später bei der Abreise in der völlig überfüllten Bahn zum Besten gegeben wird.
Sardinenbüchsen Richtung Hauptbahnhof
Nach fast zweieinhalb Stunden, in denen Campino sicherlich einen Halbmarathon über die Bühne gelaufen ist, ist dann auch das schönste Konzert einmal zu Ende. Begleitet von den Klängen überraschend vieler Straßenmusiker schlängelt sich die Menschenmasse dann Richtung Bahnhof, zeitweise wird sogar die Straße aufgrund des großen Andrangs abgesperrt. Vielleicht hätte jemand im Vorfeld die Bahn über das erhöhte Fahrgastaufkommen informieren sollen – so jedenfalls glichen gleich mehrere Züge bei der Abfahrt vom Hauptbahnhof eher Sardinenbüchsen als öffentlichen Verkehrsmitteln.
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