Sauberer als vorgeschrieben: Münster setzt auf Hightech gegen Schadstoffe Der Ausbau der Hauptkläranlage in Coerde setzt Maßstäbe

Umbau der Hauptkläranlage mit Vorklärbecken, neuen Verteilerbauwerken und neuem Primärschlammeindicker. (Foto: Stadt Münster)
Umbau der Hauptkläranlage mit Vorklärbecken, neuen Verteilerbauwerken und neuem Primärschlammeindicker. (Foto: Stadt Münster)

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, findet auf dem Gelände der Hauptkläranlage in Coerde eine der größten Baumaßnahmen Münsters der letzten Jahre statt. Die Stadt investiert derzeit umfassend in den Ausbau ihrer zentralen Kläranlage im Norden. Ziel ist es, die Anlage sowohl leistungsfähiger zu machen als auch technisch auf den neuesten Stand zu bringen. Im Gespräch erläutert Anke Sievers, Fachstellenleiterin für Maschinen-, Elektro- und Prozessleittechnik und Bauunterhaltung, als Leiterin des Projekts die Hintergründe, den aktuellen Stand und die Herausforderungen des Mammutprojekts.

Im Kern besteht das Vorhaben aus zwei getrennten Maßnahmen: Zum einen wird die bestehende Kläranlage modernisiert und in ihrer Kapazität erweitert. Die Anlage stammt ursprünglich Anfang den 1970er Jahren und wurde in den 1990ern zuletzt ausgebaut, um vollumfänglich Stickstoff abzubauen. Sie ist bislang für rund 300.000 sogenannte Einwohnerwerte ausgelegt – eine rechnerische Größe, die sowohl Haushalte als auch Industrieabwässer berücksichtigt. Da Münster kontinuierlich wächst, reicht diese Kapazität langfristig nicht mehr aus. Durch Umbauten und Optimierungen soll die Anlage künftig bis zu 400.000 Einwohnerwerte bewältigen können, wie Sievers erläutert.

Der Mehrschichtfilter und die Becken mit der granulierten Aktivkohle. (Foto: Stadt Münster)
Der Mehrschichtfilter und die Becken mit der granulierten Aktivkohle. (Foto: Stadt Münster)

Zum anderen entsteht auf einer Erweiterungsfläche eine sogenannte vierte Reinigungsstufe, „gewissermaßen auf der grünen Wiese“, wie Sievers erläutert. Diese geht über die bisher üblichen mechanischen, biologischen und chemischen Verfahren hinaus und zielt vor allem auf die Entfernung von Mikroschadstoffen wie Medikamentenrückständen oder Mikroplastik ab. Herzstück dieser neuen Stufe ist zunächst ein großer Sandfilter, durch den das gesamte Abwasser über 18 Kammern geleitet wird. In einem zweiten Schritt wird ein Teilstrom mit granulierter Aktivkohle behandelt, an deren Oberfläche sich Schadstoffe anlagern. Dieser Bereich ist fast baugleich und besteht aus weiteren 18 Kammern. Ziel ist es, rund 80 Prozent dieser Mikroschadstoffe zu entfernen. Am Ende wird das Wasser durch die Rieselfelder Richtung Ems abgeleitet.

Aufwendiger Umbau im laufenden Betrieb

Die Bauwerke für die vierte Reinigungsstufe sind bereits fertiggestellt. Derzeit läuft die schrittweise Inbetriebnahme – ein komplexer Prozess, bei dem einzelne Filterkammern getestet und justiert werden. „Wir hoffen, dass wir gegen August, September in den Vollbetrieb übergehen können“, die Aktivkohle-Anlage soll bis Ende des Jahres folgen. Maximal 10.400 Kubikmeter pro Stunde kann das Klärwerk in Coerde maximal verarbeiten. Wenn es stark regnet und fast nur noch Regenwasser in der Anlage ankommt, darf dieses an der vierten Reinigungsstufe vorbeigeleitet werden.

Gesamtansicht der Hauptkläranlage in Münster Coerde. (Foto: Stadt Münster)
Gesamtansicht der Hauptkläranlage in Münster Coerde. (Foto: Stadt Münster)

Deutlich aufwendiger gestaltet sich der Umbau im Bestand. Da die Kläranlage während der gesamten Bauzeit in Betrieb bleiben muss, erfolgen die Arbeiten abschnittsweise. Immer wieder müssen einzelne Becken außer Betrieb genommen und provisorisch ersetzt werden, ohne die Reinigungsleistung zu beeinträchtigen, „Wir können ja nicht unterbinden, das die Bürgerinnen und Bürger von Münster ihr Abwasser an uns schicken“ Hinzu kommen unerwartete Schwierigkeiten im Untergrund: Alte Leitungen, Fundamente oder ungeeigneter Boden verzögern die Arbeiten, „Man hat das Gelände um etwas anderthalb Meter aufgeschüttet und ich kann Ihnen sagen, dass das nicht das allerbeste Material war. Da ist sehr viel Aushub aus Münster, den keiner mehr wollte“, wie die Ingenieurin berichtet. Entsprechend liegt das Projekt hier derzeit hinter dem ursprünglichen Zeitplan.

Die Leitungsführung des Mehrschichtfilters. (Foto: Stadt Münster)
Die Leitungsführung des Mehrschichtfilters. (Foto: Stadt Münster)

Ein wichtiger Meilenstein wurde jedoch kürzlich erreicht: Die modernisierte Vorklärung ist in Betrieb gegangen. Damit sind die aufwendigsten Erdarbeiten abgeschlossen, und die weiteren Bauabschnitte lassen sich planbarer umsetzen. Die vierte Reinigungsstufe ist derzeit noch nicht gesetzlich vorgeschrieben. Münster nimmt hier bewusst eine Vorreiterrolle ein – auch, weil Fördermittel in Höhe von ursprünglich 70 Prozent die Investition begünstigten. Gleichzeitig verschärfen sich die gesetzlichen Anforderungen an die Wasserqualität kontinuierlich, etwa bei Phosphor-Grenzwerten. Ohne die neuen Verfahren wären diese künftig kaum einzuhalten. „Das Abwasser unterschiedlicher Kommunen ist nie gleich, es kommt darauf an, welche Firmen Sie haben und welche Menschen da leben. Darum ist die vierte Reinigungsstufe so ausgelegt. Es wird ständig analysiert, welche Mikroschadstoffe vorliegen und dann sagt man, dass 80 Prozent herausgefiltert werden sollen“.

Langfristig plant die Stadt zudem eine grundlegende Neuordnung der Abwasserbehandlung. Für den Süden Münsters soll in Hiltrup auf der Kanalinsel eine neue, zentrale Kläranlage inklusive Blockheizkraftwerk entstehen, die die Anlagen in Gremmendorf (Loddenbach) und Geist ersetzen wird. Die Planungen dafür laufen bereits, ein Baubeginn wird in den kommenden Jahren angestrebt. Die vollständige Umstellung des Systems dürfte sich jedoch bis in die 2030er Jahre ziehen.

Die Kosten

Die Baumaßnahme an der Hauptkläranlage in Münster-Coerde umfasst ein Gesamtinvestitionsvolumen von rund 116 Millionen Euro, wobei insbesondere der Bau der vierten Reinigungsstufe zur Entfernung von Mikroschadstoffen mit bis zu 70 Prozent gefördert wird, während der übrige Ausbau der Anlage überwiegend aus städtischen Mitteln finanziert und durch weitere Förderanteile unterstützt wird.

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