
Unter den lebenden Jazz-Saxophonisten der USA ist Chris Potter aktuell sicher nicht nur einer der produktivsten, sondern auch einer angesehensten. So war es auch nicht verwunderlich, dass der Vortragssaal im LWL-Museum für Kunst und Kultur ausverkauft war, wo Potter am Dienstag im Duo mit mit dem Pianisten Craig Taborn in der Jazzreihe des Westfälischen Kunstvereins auftrat. Denn schließlich sind in Münster selten so prominente Vertreter des amerikanischen Jazz zu erleben.
Immer mal wieder tritt Potter in Europa und auch in Deutschland auf, aber in ganz unterschiedlichen Besetzungen und dementsprechend mit unterschiedlichem Repertoire, mit dem er eine schier unglaubliche Bandbreite zeigt. Mal ist er mit seinem langjährigen, eigenen Quartett „Underground“ unterwegs, dann wieder als Solist mit einer Big Band (wie am 5. Juli mit der WDR Big Band in der Kölner Philharmonie, wofür es nur noch wenige Restkarten gibt) oder wie im Vorjahr mit dem All-Star-Quartett, mit dem er sein letztes Album „Eagle’s Point“ aufgenommen hat. Diese Zusammenarbeit mit den namhaften Musikern Brad Mehldau (piano), Brian Blade (drums) und John Patitucci (bass) war manchen aber zu harmlos ausgefallen, wie dem Rezensenten der Zeitschrift „Jazz Thing“, der von „gediegener Postbop-Langeweile ohne rechten Biss“ schrieb.
Den Biss gab es aber am Dienstag in Münster zu hören. Dazu brauchte Chris Potter nicht mehr als sein Tenorsaxophon und seinen langjährigen Begleiter Craig Taborn am Flügel – und eine Handvoll von Kompositionen. Mal stammten sie von Potter, mal von Taborn und einmal auch von Paul Motion, in dessen Band der junge Potter einst mehrere Jahre gespielt hat. Tatsächlich erinnerte das Duo-Konzert im LWL-Museum ein wenig an das Programm mit den Formationen von Paul Motion in den 1990er Jahren, also mit der „Electric Bebop Band“ und dem „Trio 2000“: Ein wenig akademisch, aber vor allem viel freier als in anderen Kontexten.
Pianist Craig Taborn, der Potter seit 20 Jahren im Quartett „Underground“ begleitet, ist der ideale Partner für Free Jazz. Ja, in diese Richtung bewegte sich der ganze, exakt 90-minütige Auftritt, wobei nur bei sehr wenigen im Publikum die Schmerzgrenze erreicht wurde. Die allermeisten Besucher waren schlichtweg begeistert darüber, wie diese hochkarätigen Musiker die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Instrumente ausloteten, nur wenige verließen das Konzert vorzeitig. Da beide ebenso im Free wie auch im Mainstream Jazz zu Hause sind, kennen sie offensichtlich genau die Grenzen, bis zu denen sie die Ohren der Jazzfans kitzeln können, ohne allzu sehr zu verschrecken: Einfach großartig!
Das nächste Konzert in der Reihe des Westfälischen Kunstvereins im LWL-Museum für Kunst und Kultur wird wieder ganz anders ausfallen. Am 20. Juni werden mit Sebastian Netta, Ugonna Okegwo und Romy Camerun sowie weiteren Musikern einige alte Bekannte nach Münster zurückkehren, versprach Veranstalter Manfred Wex.
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