
Vier Tage Schweiß, Navigations-Krimis und verdammt müde Beine liegen hinter ihnen. Wer am Sonntagnachmittag an der B-Side vorbeikam, konnte ziemlich schnell erkennen, wer gerade mehrere hundert Kilometer Fahrrad gefahren war und wer nur seine sonntägliche Runde zum Hafen gedreht hatte. Müde Augen, staubige Räder und trotzdem erstaunlich gute Laune. Dass Menschen beim „Point of Return“-Rennen freiwillig mehrere Tage fast ohne Schlaf durch die Gegend fahren, ist sicherlich nicht für jeden nachzuvollziehen. Spannend anzuschauen ist es trotzdem.
Am Sonntagnachmittag schlug um Punkt 16:00 Uhr die Stunde der Wahrheit an der B-Side am Hafen: Wer schaffte es rechtzeitig zurück nach Münster und wer hatte in der Luftlinie die größte Distanz bezwungen? Ein Abschlussbericht über ein langes Wochenende, das als fahrradverrücktes Experiment im Dauerregen begann und als großes Abenteuer endete.
Wer seine Leeze liebt, der schiebt? Von wegen. Wer den Blick in Richtung B-Side am Hafen richtete, sah vor allem eines: erschöpfte, aber unaufhaltsame Zweirad-Enthusiasten mit einer dicken Schicht Stolz im Gesicht. Das erste „Point of Return“-Radrennen in Münster ist Geschichte. Und was für eine.
„Ich bin überwältigt“: Großer Bahnhof für die Heimkehrer
Organisator Richard Vienenkötter, der das radikal andere Rennformat aus der Taufe gehoben hatte, zog ein sichtlich bewegtes Fazit: „Es war ein voller Erfolg. 92 Menschen haben sich auf den Weg mit Wiederkehr gemacht, und die allermeisten haben es auch geschafft. Ich bin überwältigt, was hier geleistet wurde und mit welcher Freude hier heute alle an der B-Side wieder einrollen.“
Insgesamt war die Stimmung im Zielbereich sehr fröhlich und gelassen. Die Pedal-Heldinnen und -Helden wurden würdig empfangen. Für jede Ankunft am Mittelhafen wurde eine Glocke geläutet, bevor die Tracker abgegeben und die Teilnehmermedaillen in Empfang genommen wurden. „Naja, eine Medaille ist es nicht“, lacht Vienenkötter und hält das Präsent in die Luft. Es ist ein fahrradförmiger Pizzaschneider.

Im Hintergrund läuft Musik, zahlreiche Menschen warten auf Freunde und Liebste, die sich auf den Weg gemacht hatten. Dazu kommen viele Schaulustige, die einfach neugierig sind, warum es Musik und Getränke auf dem Hof der B-Side gibt. Es wird viel gelacht, geklatscht und vor allem gebannt auf die Monitore geschaut. Den größten Andrang gibt es an einem Bildschirm, der abwechselnd die Live-Daten der noch auf der Strecke fahrenden Teilnehmenden auf einer Karte anzeigt oder die aktuelle Tabelle mit den Statistiken des gesamten Teilnehmerfeldes einblendet. „Alle Tracker haben durchgehalten. Heute Abend geht es dann an die finale Auswertung“, so Organisator Vienenkötter stolz.
Dauerregen und „Trail Magic“: Zwischen Knie-Drama und Küchenromantik
Dass dieses Event kein gemütlicher Sonntagsausflug zum Longinusturm werden würde, war spätestens am Donnerstagmorgen um 10:00 Uhr klar. Bei gerade einmal acht Grad und einem wolkenbruchartigen Dauerregen schickte das Orga-Team die Fahrerinnen und Fahrer auf die Piste. Und der Wettergott hatte kein wirkliches Einsehen: Regen und Wind begleiteten die Teilnehmenden auf ihren Leezen fast ununterbrochen. Ab und an blitzte zwar die Sonne durch, aber insgesamt, da waren sich im Ziel alle einig, war das Wetter nicht auf ihrer Seite.

Überraschungen gab es bei einem Rennen, bei dem niemand die Route des anderen kennt, natürlich im Minutentakt. Besonders verblüfft waren viele darüber, wie oft man dann doch andere Teilnehmende mitten im Nirgendwo auf der Strecke traf. Ernsthafte Pannen oder Unfälle gab es nach aktuellem Stand der Redaktion glücklicherweise nicht. Doch während platte Reifen routiniert am Wegesrand geflickt wurden, gab es auch körperliche Einbrüche: So mussten einige Fahrer aufgrund von Schmerzen und Überbelastung das Rennen vorzeitig beenden. Einer war beispielsweise am ersten Tag bis nach Paris gekommen. Doch diese extreme Leistung rächte sich prompt: Er musste das Rennen wegen eines kaputten Knies abbrechen und mit dem Bus zurückreisen. Ähnlich erging es einem anderen Fahrer, der sein Rennen auf dem Rückweg in Celle beenden musste. Er sei „buchstäblich in die Knie gezwungen worden“, gab er gegenüber ALLES MÜNSTER zu Protokoll.
Auf der Sonnenseite der Überraschungen stand jedoch die sprichwörtliche „Trail Magic“: Alle Rückkehrer hatten tolle und positive Geschichten über Begegnungen zu berichten. Von ungeplanten Übernachtungen in den Küchen wildfremder Menschen bis hin zu gemeinsamen Kaffeepausen in der Ferne: Die Anekdoten sind so vielfältig und bunt wie das internationale Starterfeld.
Von der Normandie bis Polen: Die nackten Zahlen des Wahnsinns
Das Reglement war bis zum Schluss unerbittlich: Wer auch nur eine Minute nach 16:00 Uhr an der B-Side einrollte, flog unweigerlich aus der Wertung. Dieses harte Schicksal ereilte am Ende aber niemanden, auch nicht den drittplatzierten Fahrer, der seinen persönlichen „Point of Return“ tief in Polen gewählt hatte und erst kurz vor knapp um 15:50 Uhr am Hafen ankam.

Das faszinierende Prinzip des Rennens, bei dem nicht die gefahrenen Kilometer zählen, sondern die reine Luftlinie zum Umkehrpunkt, sorgte im Vorfeld für rauchende Köpfe bei der Routenplanung. Den absoluten Vogel abgeschossen hat in diesem Jahr Bernd Kramer aus Hannover. Mit einer Luftlinien-Distanz von unglaublichen 556,92 Kilometern bis zum Wendepunkt westlich von Rouen in der Normandie sicherte er sich den verdienten Premierensieg. Auf seinem Tacho standen am Ende tatsächlich über 1.300 gefahrene Kilometer.
Auch die anderen Teilnehmenden bewiesen extremen Entdeckergeist: Während es die Plätze zwei und drei nach Polen zog, fuhr Teilnehmer Ruben, der eigens aus Belgien für das Rennen angereist war, bis nach Dänemark. Ein Schweizer Team schickte derweil als Beweis ein Foto vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
Die zweite Auflage steht bereits fest
Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Und die Frage, ob Münster hier gerade die Geburtsstunde eines neuen Kult-Klassikers erlebt hat, lässt sich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Richard Vienenkötter blickt bereits optimistisch in die Zukunft: „Die Premiere ist ein voller Erfolg. Wir haben zwar ein paar Stellschrauben zu optimieren, aber das fantastische Feedback bestätigt uns. Nächstes Jahr gibt es definitiv eine zweite Auflage von ‚Point of Return‘.“
Das radikale Prinzip der völligen Routenfreiheit soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Diskutiert wird hinter den Kulissen der B-Side für die nächste Runde allerdings über mögliche Detailänderungen, wie etwa die zusätzliche Berücksichtigung von Höhenmetern in der Wertung. „Wir müssen mal schauen, aber im Kern wird das Format genau so beibehalten“, so Vienenkötter. Damit bleibt Münster auch in Zukunft ein lohnenswertes Ziel, nicht nur für all jene, die leidenschaftlich auf der Leeze unterwegs sind.
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