Ohne Rucksack, aber mit Amor-Pfeil Gestern Abend trat Comedian Tony Bauer im Schlossgarten auf

Comedian Tony Bauer trat am Samstagabend in Münsters Schlossgarten auf. (Foto: Bührke)
Comedian Tony Bauer trat am Samstagabend in Münsters Schlossgarten auf. (Foto: Bührke)

Die Sonne steht schon recht tief über dem Schlossgarten und bescheint erbarmungslos jeden der aufgestellten Klappstühle vor dem Pavillon. Insgesamt 600 Menschen nehmen die Sonnenplätze in Kauf, um Comedian Tony Bauer live zu sehen.

Bei Musikkonzerten Standard, in der Comedyszene etwas überraschend: Es gibt einen Support-Act. Anil Kaya wärmt die Lachmuskeln des Publikums auf. Seinen unüberhörbaren Sprachfehler baut er offensiv in seine Show ein: „Ja, ich lispel. Das hab‘ ich auch erst gemerkt, als ich mit Comedy angefangen hab‘.“ Frisch vermählt träumt er vom Vatersein. „Ich werde meinem Kind auf jeden Fall Mathe-Nachhilfe geben. Aber nur bis zur 6. Klasse, dann kommen Buchstaben ins Spiel – da bin ich raus. Da wird das Kind das X und seinen Vater suchen.“ Auch seine türkische Herkunft liefert ordentlich Material. So sei er als Kind mit den Eltern immer mit dem Auto in die Türkei gefahren. „Und Türken nehmen ja einfach ALLES mit! Einmal haben wir einen Backofen mitgenommen, der war angeschnallt, ich nicht. Ich hab‘ erst in der Türkei gemerkt, dass mein Bruder auch dabei war.“

Das humorvolle Vorprogramm bot Anil Kaya. (Foto: Bührke)
Das humorvolle Vorprogramm bot Anil Kaya. (Foto: Bührke)

Heute ohne Rucksack

Das Programm heißt "Fallschirmspringer", weil Tony sonst einen Rucksack trägt zur Nahrungszufuhr. (Foto: Bührke)
Das Programm heißt „Fallschirmspringer“, weil Tony sonst einen Rucksack trägt zur Nahrungszufuhr. (Foto: Bührke)

Als Tony Bauer die Bühne betritt, rastet das Publikum völlig aus. Nachdem der sympathische Duisburger sie vorab darum gebeten hat, moderiert er sich dann euphorisch selbst an. Eins fällt sofort auf: Er trägt seinen Rucksack nicht. Tony leidet seit seiner Kindheit am Kurzdarmsyndrom, weshalb ihm fast der gesamte Dünndarm operativ entfernt werden musste. Dadurch ist er dauerhaft auf parenterale Ernährung angewiesen. „Ich bekomme jetzt Spritzen und muss nur noch zehn statt 17 Stunden einen Rucksack tragen. Vielleicht sogar irgendwann gar nicht mehr“, erzählt Bauer und erntet dafür einen Applaus, der von Herzen kommt. „Zu Beginn der Tour muss man immer die schlimmen Städte spielen … In Hannover stinken die Menschen und sind hässlich, aber Münster – nur schöne Menschen! Damit kann ich mich identifizieren.“ In seiner Heimat Marxloh werde man schon mit 60.000 Euro Schulden geboren. „In Münster hat man keine Schulden, da hat man Verbindlichkeiten.“

Asien oder doch Brasilien?

Um seine genaue ethnische Herkunft macht er ein humorvolles Geheimnis. „Ich seh‘ aus wie ein schwarzer Asiate. Ich bin aber Brasilianer, glaub‘ ich. Aber stellt Euch mal vor, ich bin Türke! Dann muss ich mir vor jedem Date ein Auto leasen.“ Sein türkischer bester Freund Hassan sei hingegen so deutsch, dass er nur einen Cousin habe – und dieser sei deutsch. Die Playboy-Geschichten seines Kumpels ziehen sich durch die jahrelange Freundschaft und zur Freude des Publikums durch das Programm. „Hassan steht ja auf ältere Frauen. Auch schrumpelige Chilis sind noch scharf. Alice Weidel hasst Ausländer, weil Hassan sich nicht mehr gemeldet hat.“

Der Duisburger überzeugt mit Humor, Offenheit und Authentizität. (Foto: Bührke)
Der Duisburger überzeugt mit Humor, Offenheit und Authentizität. (Foto: Bührke)

Kindheit im Krankenhaus

„Als ich 14 war, lag ich im Koma. Ich weiß, ist jetzt erst mal ein Stimmungskiller, aber glaubt mir, das wird lustig“, leitet der Comedian die folgenden Geschichten über erotische Fantasien mit der französischen Krankenschwester und die 1.500 verpassten WhatsApp-Nachrichten des vom Koma ahnungslosen und zunehmend wütenden Hassan ein. „Wisst Ihr, mit der richtigen Brille findet man immer den Humor in der Sache. Und trotzdem wurde ich damals zum ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert, dass ich vielleicht nicht alt werden kann.“ Und obwohl Poesie über Krankheit und Tod wie ein atmosphärisch höchst verwerflicher Stilbruch scheint, bettet sich sein Gedicht „Fallschirmspringer – vom 14-jährigen Tony Bauer“ an dem Abend emotional perfekt ein.

„Wie ist es zu wachsen, wie ist es zu küssen, wie ist es zu lieben. Bitte sag’s mir, wie ist es. Die Stunde schlägt null, warm ist mir nicht mehr, mir geht’s nicht so toll, ich sag’s Dir, so ist es.“

Nach einer kurzen Pause geht es nahbar und authentisch weiter. Bevor der Comedian zurück auf die Bühne kommt, schweben Piano-Klänge durch die Sommerluft im Schlossgarten. Über der Melodie von „Ziemlich beste Freunde“ erklingt eine Sprachnachricht von Hassan: „Ich bin froh, wie sich alles bei Dir entwickelt hat, mein Freund. (…) Geh‘ raus, hab Spaß, sei wie Du bist und dann läuft die ganze Sache schon von alleine. Und wenn’s mal nicht läuft, erzählst Du ein bisschen von mir.“

Programmpunkt: Frank

Beste Laune bei den 600 Gästen. (Foto: Bührke)
Beste Laune bei den 600 Gästen. (Foto: Bührke)

In den folgenden 20 Minuten muss Tony allerdings nicht auf Hassans Frauengeschichten zurückgreifen. Denn plötzlich kommt etwas ins Rollen, was der Comedian selbst noch nie so erlebt habe in seiner Show. Es fängt harmlos an mit der Frage „Wer kommt nicht aus Münster?“ und endet mit Tonys Versprechen, eine Hochzeit zu finanzieren. Aber eins nach dem anderen.

Der Herr in der zehnten Reihe soll sich vorstellen, was ein Mann aus der letzten Reihe lauthals übernimmt. „Er heißt Frank!“ Auf die Frage, woher dieser das wisse, antwortet eine Frau aus den vorderen Rängen. Das Chaos ist perfekt und die Verwirrung des Gastgebers auch: „Watt? Wer bist Du denn? Halt, stopp, jetzt rede ich!“, versucht Tony, das Zepter wieder an sich zu reißen. „Frank, wo kommst Du denn her?“ „Der kommt aus Emsdetten!“, schreit wieder hinten der Mann. Als dann noch Franks Tochter Lynne hineingezogen wird, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Frank hätte gerne einen Schwiegersohn. Zack, Hannes (21) aus Reihe 15 hebt seine Hand. Nachdem er Tonys Einkommensfrage zufriedenstellend beantwortet, wird er kurzerhand neben seine potenzielle Partnerin platziert und von Tony höchstpersönlich mit Snacks und Getränken versorgt. „Watt is datt denn hier für ne Show? Vielleicht ändere ich mein Konzept und rede nur noch mit Euch.“

Ob geplant oder nicht, das Publikum honoriert den erfrischend unterhaltsamen Sommerabend mit Standing Ovations.

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