Neue Therapie verschafft Zeit ohne Chemo 59-jährige Münsteranerin lebt mit metastasiertem Brustkrebs

Dr. Anna Lenfers (li.), Anja Bellmann und Dr. Joke Tio. Bellmanns metastasierte Brustkrebserkrankung ist seit rund anderthalb Jahren stabil. (Foto: (UKM / Ibrahim)
Dr. Anna Lenfers (li.), Anja Bellmann und Dr. Joke Tio. Bellmanns metastasierte Brustkrebserkrankung ist seit rund anderthalb Jahren stabil. (Foto: (UKM / Ibrahim)

Wenn es ihr gut geht, fährt Anja Bellmann Fahrrad, macht Nordic Walking oder trifft Freunde und ihre Schwester auf dem Münsteraner Markt. Die 59-Jährige lebt seit Jahren mit Brustkrebs. Seit rund anderthalb Jahren hält eine auf Veränderungen ihres Tumors abgestimmte Therapie die metastasierte Erkrankung stabil.

Ende 2016 war bei Bellmann nach einem Fahrradunfall eher zufällig ein Tumor in der linken Brust entdeckt worden. Das bösartige Gewebe wurde entfernt, anschließend erhielt sie eine Chemotherapie. Zunächst schien die Erkrankung überwunden. 2022 kehrte der Krebs zurück. Starke nächtliche Schmerzen im rechten Oberschenkel führten zu weiteren Untersuchungen. Eine Biopsie zeigte, dass sich Metastasen in den Knochen gebildet hatten. „Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen“, erinnert sich Bellmann. Ihren Beruf als Friseurmeisterin musste sie aufgeben.

Behandlung mehrfach angepasst

Für die weitere Behandlung kam Bellmann ins Westdeutsche Tumorzentrum Münster am UKM und wird im gemeinsamen Brustkrebszentrum von UKM und Clemenshospital behandelt. Wie das Universitätsklinikum Münster in einer Medienmitteilung erklärt, wurde sie zunächst operiert und bestrahlt. Anschließend folgten eine antihormonelle und eine zielgerichtete Therapie, die die Erkrankung etwa zwei Jahre stabil hielten. Als der Krebs später weiter fortschritt und auch die Lunge betroffen war, musste die Behandlung erneut angepasst werden. Bei molekularpathologischen Untersuchungen wurde eine Veränderung im Gen PIK3CA festgestellt.

„Wir können zunehmend untersuchen, welche molekularen Veränderungen das Wachstum der Tumorzellen antreiben“, erklärt ihre behandelnde Ärztin Dr. Anna Lenfers. „Wenn wir dafür einen passenden Wirkstoff haben, können wir genau dort ansetzen.“ Seit März 2025 erhält Bellmann die Wirkstoffe Capivasertib und Fulvestrant. Die Kombination ist für bestimmte Formen von fortgeschrittenem, hormonabhängigem Brustkrebs zugelassen und greift gezielt in Wachstumssignale der Tumorzellen ein. „So können wir weiterhin hormonbasiert behandeln und eine Chemotherapie deutlich hinauszögern“, sagt Lenfers. Bei Bellmann hält die Therapie die Erkrankung seit rund anderthalb Jahren stabil.

Alltag trotz metastasierter Erkrankung

Für Bellmann ist besonders wichtig, eine erneute Chemotherapie möglichst lange vermeiden zu können. An ihre erste Behandlung erinnert sie sich vor allem wegen des Verlusts ihrer Haare. „Natürlich weiß ich, dass Haare bei einer Krebserkrankung nicht das Wichtigste sind und dass sie wieder wachsen. Ich bin ja selbst vom Fach“, sagt die Friseurmeisterin. „Aber für mich persönlich war der Haarverlust psychisch unglaublich belastend.“

Die aktuelle Behandlung lässt sich nach ihren Angaben vergleichsweise gut in ihren Alltag integrieren. Müdigkeit und Übelkeit treten auf, dennoch versucht Bellmann, aktiv zu bleiben. „Man lernt damit umzugehen und arrangiert sich. Wenn ich merke, heute geht es nicht, dann lege ich mich eben hin.“ An anderen Tagen steigt sie aufs Fahrrad oder macht Nordic Walking. „Ich bin schon sehr ehrgeizig“, sagt sie und lacht. „Ich wohne im dritten Stock. Da habe ich mein Training jeden Tag.“

Fortschritt in der Brustkrebsmedizin

Dr. Joke Tio, Netzwerkkoordinatorin des Brustkrebszentrums am UKM und Clemenshospital, sieht in solchen individuell angepassten Behandlungen einen Fortschritt in der Brustkrebsmedizin. Tumoren könnten heute genauer untersucht und Therapien gezielter auf bestimmte Eigenschaften abgestimmt werden. Auch bei metastasiertem Brustkrebs seien heute lange Krankheitsverläufe möglich, erklärt Lenfers. Es gebe verschiedene Therapieoptionen, mit denen die Erkrankung häufig über längere Zeit kontrolliert werden könne.

Für Bellmann bedeutet das vor allem weitere Perspektiven. „Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendwann das Therapieende kommt und danach nichts mehr da ist. Da ist immer noch etwas in der Hinterhand. Mein größter Wunsch ist, dass ich stabil bleibe. Ich habe meine Familie, gute Freunde und ein gutes Leben. Und dafür bin ich einfach dankbar.“

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