
Samstagabend. Draußen weht kühler Wind eine riesige Regenfront über Münster. Davon spürt man in der ausverkauften Halle Münsterland allerdings nichts. Johannes Oerding sorgt mit seiner Musik für ordentlich Temperatur. Erst einen Tag zuvor hatte der Sänger seine Tour in Oberhausen gestartet. Im Gepäck hat er sein neues Album „Hotel“, auf dem er einschneidende Erlebnisse wie die Trennung von der langjährigen Partnerin Ina Müller und den Tod seines Vaters verarbeitet.
Aber zunächst steht ein anderer Mann mit Gitarre und Hut auf der Bühne: Ian Hooper, Frontmann der Folk-Band „Mighty Oaks“, den Oerding in der TV-Show „Sing meinen Song“ kennenlernte. Hooper hinterlässt das Publikum mit den ersten Anflügen von Romantik, die sofort via Kiss-Cam für alle sichtbar eingefangen werden.
Interaktiv und sympathisch ungewöhnlich geht es weiter. Auf den großen Leinwänden neben der Bühne erscheinen die Zeilen von „Griechischer Wein“ und fordern mit der passenden Instrumentalversion eindeutig zum Karaoke-Rudel-Singen auf. Und nachdem die Oerding-Fans diesen Test bravourös gemeistert haben, ist der nächste Karaoke-Song „An guten Tagen“. Und mit einem enthusiastischen Intro aus tausenden Stimmen steht er plötzlich auf der Bühne und löst das singende Publikum ab.
Verbindung zum Geburtsort
Seinen großen Hit teasert er jedoch nur an. Oerding wählt als erstes Lied für das Konzert in seiner Geburtsstadt „Hier gehör‘ ich hin“. „Ich bin zwar in Münster geboren, aber ich wurde für meine Geburt nur kurz hergefahren.“ erklärt der Sänger. „Meine Mama, die übrigens heute im Publikum ist, hat damals in der Raphaelsklinik gearbeitet, mein Vater war dort Arzt und so haben sie sich kennengelernt… Naja, Bienchen, Blümchen, fünf Kinder.“ Seine drei älteren Geschwister seien hier, im damaligen Wohnort, zur Welt gekommen. „Meine Eltern wollten aber, dass auch die letzten beiden Kinder in der Raphaelsklinik geboren werden. Als gutes Omen.“ Der seit über 20 Jahren in Hamburg wohnhafte Musiker empfinde daher wohl eine Verbindung zu dieser Stadt, obwohl er hier nie gelebt hat.
Nahbarer Vollblutmusiker
Apropos Verbindung: Selbstgebastelte Schilder eignen sich bei dem Sänger ganz hervorragend für die Kontaktaufnahme. „Johannes, Deine letzte Chance, sonst heiratet Milan sie“, steht auf dem Plakat einer als Braut kostümierten jungen Frau in der ersten Reihe. Nach einem kurzen Gespräch improvisiert der Singer-Songwriter kurzerhand den Text zu seinem Lied „Kreise“ und trällert „Christina, hast du dir das gut überlegt oder willst du lieber mit einem Popstar durchbrennen?“
Unterstütze unsere Arbeit
Unser Lokaljournalismus ist dir mehr wert als nur ein Like? Jetzt spenden!
Ein „Für immer und ewig“ bekommt an diesem Abend aber eine andere Frau von ihm. Sie bittet ihr Idol darum, ihren Arm zu beschriften, damit sie ein Tattoo daraus stechen lassen kann. Und als sei diese Szene nicht schon außergewöhnlich genug, lässt Oerding den Saal als musikalische Untermalung noch „Hallelujah“ singen. Leichteste Übung für das katholische Münster, zumal die Stimmbänder an diesem Konzertabend durchweg trainiert werden. Mit Leichtigkeit bringt Oerding sein Publikum immer wieder dazu, ihn bei seinen melodischen Refrains so zu unterstützen, dass es tatsächlich schön klingt. Oerdings angeraute und doch sanfte Stimme tanzt förmlich zu den Melodien. Und das in allen Tonlagen. Mutig, humorvoll, aber immer on Point. Und in einer Synergie mit seinen Bandkollegen, bei deren Schlagzeug- und Gitarren-Soli man sich immer wieder beim Luftanhalten ertappt.
Einmal alles, bitte!
Bei der Vorstellung seiner fünfköpfigen Band wagt Oerding nicht nur eine fotografische Reise in deren Vergangenheit, sondern sucht dort auch nach dem konkreten Auslöser für die Liebe zum jeweiligen Instrument. Schlagzeuger Simon Gattringer macht den Anfang und verwandelt den Saal mit den ersten Takten zu „Live is Life“ in eine Pop up-80er Jahre-Party. Etwas überraschend, aber für alle sicheres Mitsing-Terrain ist die Antwort von Pianist Kai Lindner: „Coco Jamboo“. Bassist Robin Engelhardt habe seinen Schlüsselmoment mit dem Disco/Funk-Titel „Good Times“ von Chic erlebt, den Oerding ad hoc performt– mit beachtlich authentischen Dancemoves. Etwas wilder wird es durch die AC/DC-Einlage von Bassist Steffen Graef, der nicht nur das Publikum, sondern auch Oerding mit seinem „Gesang“ zum Schmunzeln bringt. Moritz Stahl lässt lieber seine Gitarre „singen“: Unverkennbare Santana-Klänge ziehen das Niveau noch einmal so richtig an… bis Oerding seine „So kam ich zur Musik“-Geschichte auspackt. „Ich habe immer gesagt, dass Michael Jackson mein Vorbild war. Aber es war eigentlich wer anders…“, gesteht er und trällert leicht beschämt „I´ve been Looking for Freedoooom“.
Zurück zum Oerding-Sound
Nach einem ausgiebigen „Crowd-Walking“ durch die Menge läutet Oerding die wohl gefühlvollste Passage des Konzertes ein. Er hockt sich an ein Lagerfeuer und sorgt mit der Akustik-Version von „Heimat“ und „Parallel“ für ein Meer aus Taschenlampen und kollektives Schwelgen. Auf den großen Leinwänden verschmilzt seine emotionale Mimik mit den tanzenden Flammen des Lagerfeuers. „Alles geht in Flammen auf. Alles was bleibt, sind Asche und Rauch…“, singt er die Zeilen von „Alles brennt“.
Oerding transportiert auch mit leisen Tönen kraftvolle Gefühle. „Der nächste Song ist für meinen verstorbenen Vater. Er hätte heute Geburtstag“, kündigt der Musiker seinen Titel „Wolken“ an. Das Duett singt er normalerweise mit Michael Patrick Kelly, holt am gestrigen Abend aber Ian Hooper auf die Bühne.
Was könnte man sich am Ende einer zweistündigen Show noch wünschen, in der man tanzen, singen, kuscheln und weinen wollte? Ach ja, die volle Version vom anfangs angedeuteten Hit „An guten Tagen“! „Danke, dass ich mit meiner Musik Teil Eures Lebens sein darf“, verabschiedet sich Oerding zufrieden und verspricht: „Münster steht immer auf meiner Liste, wenn ich toure!“
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
- „In allem Zwischenmenschlichen steckt etwas Inspirierendes!“ - 12. Mai 2026
- BOSSE, der stabile Poet - 9. Mai 2026
- Das linguistische Eichhörnchen - 8. Mai 2026

Ein großartiger Beitrag. Es war ein wirklich wunderbares Konzert und genau so wie du es beschrieben hast.
Herzlichen Dank dafür