Münsters Pionierin in Sachen Masematte-Forschung Im 18. Teil ihrer Kolumne unterhält sich unsere Autorin Marion Lohoff-Börger mit Margret Topp

Lesezeit: 8 Minuten.
"Masematte. Das Leben und die Sprache der Menschen in Münsters vergessenen Vierteln“, von Margret Strunge und Karl Kassenbrock (Montage: Bührke)
“Masematte. Das Leben und die Sprache der Menschen in Münsters vergessenen Vierteln“, von Margret Strunge und Karl Kassenbrock (Montage: Bührke)

Es gibt nur noch ein einziges und letztes Exemplar in der Stadtbücherei. Ich meine das Buch „Masematte. Das Leben und die Sprache der Menschen in Münsters vergessenen Vierteln“, verfasst von Margret Strunge und Karl Kassenbrock. Ein Buch, das 1980 im Selbstverlag erschienen ist und sich mir bei meiner Beschäftigung mit der Masematte in den letzten Jahren immer wertvoller und vor allem inhaltlich als sehr ergiebig erwies. Die beiden Studierenden haben sich unglaublich viel Arbeit gemacht und dabei Großartiges geleistet, das auf den Gebiet der Erforschung unserer alten Geheimsprache seinesgleichen sucht.

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Margret Topp, damals Strunge, und Karl Kassenbrock beschäftigten sich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre im Rahmen einer Examensarbeit für ein Lehramtstudium als erste wissenschaftlich mit der Masematte. Margret Topp (heute 68 Jahre alt) lebt als Imkerin in Münster und weiß eine Menge über die Masematte und die Zeit damals zu erzählen. Ich traf sie im September persönlich und wir vereinbarten, für ALLES MÜNSTER ein Interview per E-Mail zu machen. Hier und heute, am Ort meiner Masematte-Kolumne, lasse ich euch an Margret Topps Erlebnissen in Sachen Masematte teilhaben. Hamel Jontev beim Lesen!

Margret, wie und wann bist du nach Münster gekommen?

Margret Topp 1982 (Quelle: privat)
Margret Topp 1982 (Quelle: privat)

Ende der 70er habe ich in Münster an der PH, der Pädagogischen Hochschule, Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert. Für mich war das eine irre Zeit, in der ich regelrecht dafür gebrannt habe, um Wissen aufzusaugen, viele interessante Menschen und Themen kennen zu lernen und mir neue Inhalte und Zusammenhänge in diesen akademischen Gefilden zu erschließen.

Wie kam es dazu, dass du eine Examensarbeit mit Karl Kassenbrock über die Masematte schriebst?

An der PH Münster lernte ich dann in verschiedenen Seminaren, Vorlesungen und Praktika Karl Kassenbrock kennen, der die gleichen Fächer Deutsch und Geschichte auch für die Sekundarstufe I belegt hatte. Als dann die Examensarbeit für die 1. Staatsprüfung für das Lehramt anstand, ergab sich in unterschiedlichen Gesprächen, dass Karl und ich beide fasziniert von dieser Münsteraner Sprache „Masematte“ waren. Immer wieder hörten wir Wörter wie “jofel“, “schofel“, “Kaline“, “Schautermann“ oder “Mispoke“ und fragten uns, ob es sich denn nicht lohnen würde, diesem Phänomen gemeinsam im Rahmen der Examensarbeit auf die Spur zu kommen und diese “Masematte“ zu erforschen, die jedem in Münster auf Schritt und Tritt begegnet und von der keiner so genau wusste, woher sie überhaupt kommt. Bald hatten wir unseren Germanistikprofessor Prof. Dr. Helmut Koch von dem Examensthema und unserer Idee überzeugt und wir konnten schon mal loslegen. Dass wir tatsächlich insgesamt neun Monate mit dieser systematischen wissenschaftlichen Forschungsarbeit beschäftigt waren, das wäre uns zu dem Zeitpunkt sicher nicht in den Sinn gekommen.

Wo habt ihr die Original-Masematte-Sprecher gefunden?

Karl Kassenbrock bei der Arbeit (Quelle: privat)
Karl Kassenbrock bei der Arbeit (Quelle: privat)

Wir machten uns zu Beginn unserer Recherchen vor 40 Jahren erst mal sehr locker auf den Weg in eine Kneipe in Klein-Muffi beim Hubertiplatz, nahe der Wolbecker Straße. Hier, so hatten wir gehört, treffe sich regelmäßig der “Masematte-Verein“ von Münster. In der Tat, kaum angekommen in der Kneipe beim Hubertiplatz, wir hatten uns im gut besetzten Laden mit an die Theke gestellt, da schallerte es zum Tresen rüber: „Hey, kower, schuck mal ‘ne Lowine rüber und ‘n Schabau. Aber, tacko!“ Huch, das ging ja schnell. Masematte in Reinform. Hier waren wir wohl richtig. Es dauerte nicht lange, da waren wir mit den Kneipengästen im Gespräch und erzählten, dass wir Studenten seien und gerne etwas über Masematte erfahren wollten. Die Reaktionen der Tresenmänner waren beileibe nicht unfreundlich. Aber doch konnte sich einer nicht verkneifen zu fragen, was ich, “dat kurante Anim“, denn dabei zu suchen hätte. „Masematte ist eigentlich nur ambach für Schautermänner“, so der Seeger mit anklagendem Blick auf meinen Kommilitonen, „aber doch nix für ‘ne schuckere Kaline!“ Tja, da hatte ich erst Mal mein Fett weg. Aber ich blieb.

Wie ging es dann weiter?

Wir knüpften an diesem Kneipenabend in Muffi die ersten wichtigen Kontakte mit “echten“ Masemattesprechern und erhielten eine Kopie einer Wortliste des Masematte-Vereins, mit der wir die ersten Interviews mit unseren insgesamt 20 „Gewährsleuten“ führten. Immer auf Tonband protokolliert und anschließend brav abgetippt. Jedes Interview mit einem Originalsprecher führte auch immer wieder zu weiteren Kontakten und Hinweisen. Weitere wichtige Anhaltspunkte und Materialien bekamen wir von dem Lokalchef der WN, den Westfälischen Nachrichten, Wolfgang Schemann. Er überließ uns für die Zeit unserer Forschungsarbeit zwei pralle Ordner voll mit Masemattegeschichten, umfangreichem Glossar und den Ausgaben des “Potthast“, der traditionellen Karnevalszeitung der WN, in der regelmäßig auch Masematte-Episoden von Fenti und Eti zum Besten gegeben wurden.

Schließlich entstand eine umfangreiche alphabetische Wortliste auf Masematte, mit der wir gut arbeiten konnten. Diese Wortliste, die wir bei den Gesprächen, die meist in den jeweiligen Wohnungen der durchweg etwa 60jährigen interviewten Männer stattfanden, gingen wir bei den jeweiligen Treffen als erstes durch. Dabei konnten wir die Ausdrücke aus der Masematte “abhaken“, wenn sie deckungsgleich waren oder ergänzen und korrigieren. Daneben kamen wir ins Gespräch. Wir hörten viele Anekdoten, Histörchen, witzige, kurze Erlebnisse und lebensnahe Episoden aus vergangenen Zeiten. Der Kassettenrecorder lief dabei immer mit.

Wie hast du die Masemattesprecher und ihre Situation wahrgenommen?

Zeitungsbericht über die Examensarbeit von Margret Topp (damals Strunge) und Karl Kassenbrock (Quelle: privat)
Zeitungsbericht über die Examensarbeit von Margret Topp (damals Strunge) und Karl Kassenbrock (Quelle: privat)

Auch wenn es eine enorme Fleißarbeit war, die Gespräche detailliert zu protokollieren, so kristallisierte sich doch nach und nach heraus, was und wer sich hinter dieser Sprache, der “Masematte“, verbarg. Das war keine Koketterie. Das waren Erzählungen von Menschen, die diese Sprache benutzt hatten, weil sie ihnen Identität und Schutz bot. Und gleichzeitig stempelte sie sie aber auch ab als eine Gemeinschaft von “Halunken“ und “Asozialen“ aus Münsters “vergessenen“ Vierteln.

Nein, sie wurden nicht besonders geachtet, die Hausierer, Schausteller, die Viehhändler, die teilsesshaften Landfahrer oder die kleinen jüdischen Händler, die in der Tasche, Brink und Ribbergasse im Kuhviertel lebten, im Sonnenstraßenviertel mit einem Bordell in der Sonnenstraße, in Muffi im Herz-Jesu-Viertel, oder in Pluggendorf am Aasee. In der zahlreichen Münster-Literatur wurden sie bis dahin vergessen, weil sie nicht erwähnenswert schienen oder nicht in das Bild von der “Kultur- und Verwaltungsstadt“ passten. Menschen, die einst missachtet wurden und mit deren Sprache bis heute, auch 40 Jahre danach, kokettiert wird.

Und dann habt ihr zusätzlich noch intensiv in Archiven geforscht…

Parallel zu den Interviewterminen durchforsteten wir die Literatur zum Thema Sondersprachen und begannen, die Wörter der Masematte etymologisch zuzuordnen. Daneben besuchten wir vielfach das Stadtarchiv und wurden dort fündig, um Aussagen der Sprecher zu verifizieren. So in der Abteilung “Karten und Pläne“ von 1873 bis 1929, der “Polizeiregistratur“ und zu guter Letzt auch in der Abteilung der “Stadtregistratur“.

Veranstaltung anlässlich 25 Jahren Masematte-Forschung am 19. Mai 2004 (Quelle: privat)
Veranstaltung anlässlich 25 Jahren Masematte-Forschung am 19. Mai 2004 (Quelle: privat)

Hier bekamen wir unter anderem besonders schockierende Einsichten im Fach 36 Lfd. Nr. 18 e zum Thema “Judenschaft“, nämlich eine sogenannte “Judenliste“ der jüdischen Bürger Münsters von 1937-38. Mit Bleistift steht auf der letzten Seite in Sütterlin: „In Münster leben immer noch 490 Juden.“ Drei Jahre später ist unter der Lfd. Nr. 18 f eine weitere Liste zu finden mit dem Titel “Liste der am 10.12.1941 von der Staatspolizeileitstelle Münster nach Riga deportierten Juden 1941“.

Bis heute geht mir diese Notiz unter dieser Judenliste „In Münster leben immer noch 490 Juden“ noch immer unter die Haut. Daraus spricht meines Erachtens der unsäglich perfide und Menschen verachtende Habitus in Bezug auf die “Endlösung der Judenfrage“ im Nationalsozialismus, wie ich es im gesamten Geschichtsstudium nicht in dieser Schärfe zu spüren bekommen habe. Seit dieser Zeit – bis heute – begleitet mich die intensive Auseinandersetzung mit allgemeinen Themen des Judentums – Geschichte, Literatur, Musik, Filme, Museumsbesuche und Ausstellungen und lässt mich nicht mehr los.

Wie hat sich das auf dich ausgewirkt? Wie ging es mit Karl Kassenbrock weiter?

Karl Kassenbrock und ich hatten uns seit der Veröffentlichung des Masematte Buches 1980 mehr oder weniger aus den Augen verloren. Allerdings bekam ich dann 20 Jahre später gegen Ende der 90ger Jahre von ihm eine Einladung nach Osnabrück. Der Architekt Daniel Libeskind hatte dort das Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück entworfen und wir trafen uns in dem Museum wieder. Ein bisschen war es wie eine Katharsis, eine Erlösung, durch dieses Gebäude zu gehen. Und trotzdem keine Gnade der späten Geburt.

Wie ging es beruflich für dich weiter? Bist du Lehrerin geworden?

Margret Topp heute (Quelle: privat)
Margret Topp heute (Quelle: privat)

Später, nach der Veröffentlichung der Examensarbeit als Buch 1980, studierte ich für einige Semester in Siegen, lebte anschließend in Köln und kehrte dann 1983 nach der Geburt meines Sohnes Boris wieder nach Münster zurück und begann von da aus mein Referendariat für die Sekundarstufe I in Recklinghausen und Oer-Erkenschwick.

Danach machte ich ein Volontariat zur Journalistin von 1985-1987 beim Münsteraner Stadtblatt. Von 1988-1993 arbeitete ich bei der Arbeiterwohlfahrt Münster fünf Jahre lang im Bereich AIDS-Prävention. Von 1993 bis 2014 war ich für die Westfalenfleiß GmbH, Werkstatt für behinderte Menschen, tätig und zuständig für die PR der Westfalenfleiß GmbH und die Lehrgangsleitung für die Ausbildung der Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter in Werkstätten in NRW.

Heute, nach meiner aktiven Arbeitsphase bin ich Imkerin geworden.

Marion Lohoff-Börger

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