„Mir fehlte die Nähe zu meiner eigenen Musik.“ Sängerin LOTTE im Interview mit ALLES MÜNSTER

Sängerin LOTTE hat auf ihrem neuen Album zu sich gefunden. (Foto: Thomas Hölscher)
Sängerin LOTTE hat auf ihrem neuen Album zu sich gefunden. (Foto: Thomas Hölscher)

Vor dem Konzert von LOTTE im JOVEL Club am Mittwoch traf ALLES MÜNSTER die Sängerin zum Interview.

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Im August ist dein viertes Studioalbum erschienen, es trägt den Namen „LOTTE“ – steckt in diesem Album mehr LOTTE als in den anderen Werken?

Auf jeden Fall. Ich hab alles genau so gemacht wie ich es wollte. Nicht, dass ich das davor nicht gemacht hätte, aber es war alles ein bisschen schnell. Ich bin in die Musikindustrie `reingefallen und hatte anfangs gar keine Ahnung. Ich wusste nur, ich kann Songs auf Gitarre schreiben und die fühle ich genau so. Aber von Produktion und wie was klingen soll, damit habe ich mich nicht so viel beschäftigt. Ich bin durchgewirbelt worden in dem Hamsterrad Album-Tour-Album-Tour. Jetzt habe ich mir so richtig Zeit genommen, mir die Frage gestellt: Was will ich eigentlich wirklich machen, wie will ich klingen?

Daher die vierjährige Pause zwischen dem letzten und neuen Album?

Genau. Ich mag die Musik der 60er und 70er und Dreampop. Aber ich musste natürlich jemanden finden, der mich auch checkt und meine Idee von Musik versteht. Ich kann nicht morgens ins Studio gehen und mit der Pistole auf der Brust einen Song schreiben. Ich muss leben und dann kommt es irgendwie von selbst. Und das habe ich lange gesucht, bin herumgereist und habe in London einen Produzenten gefunden, der mega unkonventionell arbeitet. Und wir haben die ganze Nacht gearbeitet und am Tag geschlafen.

Schreibst und komponierst du alles selber?

Ja, aber manchmal schreibe ich gerne mit Leuten zusammen. Es gibt einen Song auf dem neuen Album, den habe ich zusammen mit Clueso geschrieben. Ein anderes Lied mit einem Produzenten in Wien. Ich mag das Ping-Pong-Spiel beim Musik machen – ich werfe dir etwas zu und du wirfst es mir zurück und sagst, was es mit dir macht. Aber ich muss immer dabei sein, weil es meine Geschichten sind, mein Leben, meine Träume und Sehnsüchte.

Eine gut gelaunte LOTTE im Interview. (Foto: Thomas Hölscher)

Das neue Album klingt tatsächlich anders. Es erinnert an die Musik von Lana del Rey, war sie deine Inspiration?

Ich liebe die Musik von von den 60ern bis 70ern von früher. Das heißt, ich höre viel von den BEATLES und BEACH BOYS und auch den Dreampop Ende der 80er. Und diesen halligen Vintage Pop, den eben auch Lana macht. Ich glaube, das ist eine gute Jetzt-Zeit-Referenz. Und ich habe auch ein, zwei Zitate von ihr in meinen Texten eingebaut, die man erkennt, wenn man richtig eintaucht. Ich liebe sie, ich finde sie fantastisch.

2022 hast Du „Angekommen, vielleicht“ veröffentlicht. Bist Du musikalisch angekommen, vielleicht?

Das glaube ich tatsächlich. Ich habe das erste Mal das Gefühl, dass ich einen Planeten gefunden habe, auf dem ich bleiben will. Klar kann man auf dem Planeten neue Städte und Fassaden entdecken, aber der Sound insgesamt fühlt sich für mich total richtig an. Er lebt ja auch dadurch, dass er frei ist und eben keine Regeln hat, also dass ich Songs machen kann wie „Wildes Kind“, der über 5 Minuten geht. Und ich glaube, diese Freiheit, die in dieser Musik steckt, ist das, was mich so anzieht.

Im Vergleich zu deinem neuen Stil klingt die bisherige Musik deutlich mehr nach Mainstream-Deutsch-Pop. Spielen möglichst hohe Chartplatzierungen jetzt weniger eine Rolle für dich?

Ich habe nicht ‚mal geguckt, wo das Album gechartet ist, ich habe keine Ahnung. Aber die Musik genügt sich selbst, weil ich sie so sehr liebe. Ich finde, gerade wenn man was macht, was nicht so konventionell ist, kann sie heute verbinden, aber genau so gut könnte sie in 20 Jahren als Soundtrack zu einem Film passen. Es ist mir tatsächlich egal, wann. Für mich ist wichtig, dass ich es fühle.

Der erste Song, den ich geschrieben habe, „Du fehlst“, hatte nicht ‚mal ’nen Chorus. Und dann bin ich damit in die Musikindustrie gefallen und große einflussreiche Menschen nahmen mich an die Hand und sagten, wie man das alles macht. Ich bin ja auch offen und will lernen und so habe ich mir bei den ersten Alben viel ‚reinreden lassen. Ich wusste es nicht besser.

Wie alt warst du bei deinem ersten Album?

20. Hinzu kommt, dass ich auch eine hochsensible Maus bin und zu people pleasing neige. Irgendwann kam der Moment, wo ich dissoziiert habe und mich in den Songs nicht wiedererkannt habe. Mir fehlte die Nähe zu meiner eigenen Musik. Bei dem neuen Album habe ich tatsächlich alle ausgeschlossen. Ich habe das Label gar nicht gefragt, sondern ihnen die Songs einfach gezeigt und sie beschützt wie eine Mama ihre Babytiger. Das ist meine Musik, das ist mein Album, ihr habt mir überhaupt gar nichts zu sagen.

Klingt wie ein musikalischer Befreiungsschlag.

Das merke ich jetzt, wo wir auf Tour sind, wie anders wichtig mir das nun ist. Ich bin viel emotionaler und freier auf der Bühne. Da ist viel mehr Herz drin. Ich kriege auch das Feedback nach den Shows, dass ich viel mehr ich bin.

"Ich bin viel emotionaler und freier auf der Bühne. Da ist viel mehr Herz drin." (Foto: Thomas Hölscher)
„Ich bin viel emotionaler und freier auf der Bühne. Da ist viel mehr Herz drin.“ (Foto: Thomas Hölscher)

Du warst im März bei uns in Münster und hast im Vorprogramm von Clueso schon ein paar Deiner neuer Songs vorgestellt. Warst du nervös, wie deine neue Musik angenommen wird?

Nicht nervös, wie es angenommen wird, sondern eher aufgeregt wie am Weihnachtsmorgen. Wir durften früher den Baum und die Geschenke nicht vorher sehen, es war voll die ÜbAcousticerraschung. Diese Vorfreude auf dem Moment, wenn was großartiges passiert.

Ist es nicht nicht grundsätzlich schwieriger, das Feedback des Publikums wahrzunehmen, wenn man ruhige Balladen singt? Wie erkennst du, ob die Leute begeistert sind?

Manchmal frage ich. (lacht) So: Hey, wie geht’s euch eigentlich? Noch ist niemand gegangen vom Konzert. Musik ist ja pures Gefühl und ich sehe das ein bisschen esoterisch. Man spürt eine gewisse Energie im Raum, eine Aufmerksamkeit und Bewegtheit. Und es gibt ja auch Songs, wo man mitsingen kann und das liebe ich. Wir haben in der Mitte des Sets auch einen -Block, wo ich die Songs nur auf Gitarre spiele und der ganze Raum mitsingt – das kommt schon an auf der Bühne.

Aber wenn ich mir die Streamingzahlen ansehe, ist das deutlich unter dem, was ich gewohnt war vor drei, vier Jahren. Die Streaming-Industrie hat sich verändert, es kommt AI-Musik dazu und so weiter. Aber ich habe mich davon freigemacht, was da an Zahlen steht. Das ist gerade nicht die Währung, um die es mir geht, sondern dass ich mich ausdrücken kann. Und das wird irgendwann seinen Platz finden, da bin ich mir sicher.

Auf dem neuen Album ist kein Feature. Ist das Zufall oder gibt es einen Grund?

Das hat mein Label auch gefragt. Und ich hab gesagt: das Album heißt ja auch LOTTE! (lacht.) Für mich fühlt es sich an wie ein Debütalbum, ein erstes Album von etwas komplett Neuem. Ich freue mich darauf, in Zukunft Features zu machen, die dazu passen, aber jetzt wollte ich mich erst mal selbst vorstellen.

Welcher der neuen Songs ist der persönlichste oder bedeutet Dir am meisten?

Ich glaube, „Oh mein Herz“ fasst meinen Schmerz – okay, das ist jetzt ein komischer Reim – sehr gut zusammen. Der Song ist an einem Nachmittag entstanden und so intuitiv, pur und ehrlich. Er handelt von dem Struggle mit meinem Herzen, das wie ein freies Radikal durch die Gegend fliegt und Sachen kaputt macht. Wo ich mir manchmal denke, ich will auch mal ankommen irgendwann.

Der zweite Song ist „Wildes Kind“. Ich habe ihn heute noch gehört, als ich die Stadt gegangen bin, um ein paar Sachen zu erledigen. Dieser Song sieht mich irgendwie. Jeder struggelt vielleicht mal damit, sich zu akzeptieren und anzunehmen. Und der hat dieses annehmende Gefühl. Du darfst so sein wie du bist, frei und trotzdem hier bei mir. Du darfst dich verlieren und wieder zurückkommen. Einfach so sein dürfen wie man ist, das musste ich jetzt mit Anfang 30 lernen. Und dieser Song gibt mir so viel zurück.

Du wirkst durch Deine Art und Musik sehr authentisch. Man glaubt, Dich zu kennen. Gibt es eine Seite an Dir, die uns alle überraschen würde?

Ich wurde noch nicht so oft nachts um 4 im Tourbus gefilmt… (lacht) Aber diese Seite kommt immer mehr raus, die unvernünftige Seite traut sich immer mehr. Ich bin sehr konservativ aufgewachsen und da versucht man immer, eine gutes Bild von sich nach außen zu tragen. Aber ansonsten bin ich schon sehr nah an dem, was man durch meine Musik von mir kennenernt. Ich hatte letztens ein Coaching „Wie nah bist du an deiner Musik dran?“, wo es genau darum ging. Die Einstufung zwischen Kunstfigur und authentisch. Ich bin ganz nah dran, die Musik ist schon sehr ich.

Einer Deiner größten Hits ist „Auf das, was da noch kommt“. Was wünschst du dir, was in den nächsten Jahren kommt?

Ich will weiter so frei Musik machen, aber das werde ich, denn Freiheit muss man sich nehmen. Und ich liebe diese Tour, ich würde wirklich gerne mehr live spielen. Mehr Festivals, die Musik einfach mehr unter die Leute bringen.

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