
Papa hatte seinem Filius versprochen: „Wenn du Mama und mir am 6. Februar ein Top-Zwischenzeugnis vorlegen kannst, dann bekommst du ein richtiges Herrenfahrrad in Schwarz mit Oberrohr.“ Nun kurvt der 10-Jährige laut trällernd nach der Melodie vom Tannenbaum über den Domplatz: „Helau, Helau, ich stelle vor, ich habe jetzt ein Ofenrohr.“ „Falsch, Junge! Das ist kein Ofenrohr, das ist ein Oberrohr! Die Querstange zwischen Lenker und Sattel.“
Arbeitserleichterung und Geschwindigkeitssteigerung
Zweirädrige Laufmaschinen, zunächst angedacht für Frauen, gab es bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Man achte auf die liebevollen, weiblichen Produktnamen. Die von 1817 bis 1819 aus Holz gefertigte Draisine verkaufte sich sage und schreibe 100-mal. Dagegen brachte es die schickere, von Monsieur Pierre Michaux, Paris, konstruierte Michauline (Laufrad mit Tretkurbel) bis 1870 bereits auf über 6.000 Räder. Dem folgte das Hochrad mit dem geschlechtsneutralen Produktnamen Velociped (schneller Fuß) und Absatzzahlen von rund 200.000 Stück. Übrigens: Anton Knubel war in Münster DER Pionier des Fahrradhandels. Er eröffnete 1886 ein Geschäft für Velocipede und betrieb sogar eine Fahrschule, was den ungewöhnlich frühen Fahrradverkehr in Münster besonders prägte.
Fahrradfahren wird Männerdomäne

Der Brite John Kemp Starley konstruierte 1885 das erste Sicherheitsfahrrad und gab ihm einen männlichen Namen: „The Rover“ (der Pfadfinder). Es war ein robustes Fahrrad mit einem stabilen Dreieck-Diamantrahmen. Das Herrenfahrrad mit Oberrohr war geboren. Unvorstellbar allein der Gedanke, damit Damen fahren zu lassen: Das ließen doch Kleidung und Keuschheit nicht zu! Man stelle sich vor, wie das hochgeschwungene, über den Sattel gehievte Bein einen Blick in die Tiefen der unschamhaften Unterwelt freigeben könnte. Und Brillenkneifer tragende Medizinmänner katastrophisierten sogar, Frauen könnten vom Fahrradfahren unfruchtbar werden. Fazit: Das neu entwickelte Fahrrad mit dem hohen Diamantrahmen (Oberrohr) wurde für Steifigkeit konstruiert. Das hohe Oberrohr symbolisierte muskulöse Stärke und athletische Sportlichkeit, damit war es unbedingt ein Herrenfahrrad.
Es gibt sie heute noch, die lupenreine Männersache, die Tour de France. 184 Rennfahrer quälen sich drei Wochen lang auf intensiven Hochgebirgsfahrten zum Ziel. Aber aufgepasst: Inzwischen fahren auch Frauen ihre Tour de France Femmes! Donnons des elles au vélo. (Frauen rauf aufs Fahrrad!)
Das Oberrohr als Multifunktionsstange

Meine erste Bekanntschaft mit dem Oberrohr machte ich als kleiner Knirps an einem Sonntag im Mai. Mein Papa schraubte ein kleines Kindersättelchen ganz vorn beim Lenker auf das Oberrohr seines „Vaterland“-Fahrrades, befestigte noch zwei ebenso kleine Fußstützen und radelte mit gespreizten Beinen – ich dazwischen sitzend – zum Festhochamt. Die Hin- und Rückfahrt empfand ich super. Vom Gottesdienst fand ich am besten das Lied „Maria zieh den breiten Mantel aus“. Ich hockte auf der Epistelseite (Männerseite) und sah um mich herum nur lange, dunkle Herrenmäntel.
Bei den Reiter-Equipen stellte sich gar nicht erst die Frage, „ob man das Stahlross mit Oberrohr anders als ein Pferd besteigt“. Die Männer schwingen immer ein Bein mit einem Bogen über das Hinterteil (des Pferdes). Die Damen sitzen seitlich auf und ruckeln sich aufs Oberrohr, so wie sie früher schräg im Damensattel saßen. Basta.
Für Frischverliebte war das Oberrohr ein absolutes Muss, das Highlight am Herrenfahrrad. Da setzte sich dann die Angebetete schräg auf die Stange, und er chauffierte sie erwartungsvoll am Sonntagabend über die Himmelreichallee in Richtung Aasee. Dabei kam es dann zu zärtlichen Körper- und Wangenkontakten, der siebte Himmel wartete schon. Oh, war die gute alte Zeit doch schön…
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Gesittet ging es dagegen zu, wenn der hochwürdigste Bischof Graf von Galen zur Firmung kam. Die Jungmänner-Kongregation putzte ihre Fahrräder blitzeblank, steckte Fähnchen an den Lenker und Blumen in die Speichen. Dann wurde das Oberrohr mit vielfarbigen Papierbändern umwickelt, und auf ging’s zur Ortsgrenze des damals noch selbstständigen Albachten/Münster. Dort wurde der hohe Herr von einer großen Schar Jungmänner empfangen und zum Haus Gottes eskortiert. Am Kirchenportal bildeten die Fräulein der Jungfrauen-Kongregation ein Spalier, erwiesen dem geweihten Jünger des Herrn kniebeugend die Ehre und blinzelten den fesch gekleideten Burschen mit ihren großartig geschmückten Herrenrädern zu.

Helau Münster, mir san mit’n Radl da
Ernst Neger wusste bereits 1973, womit man in der Karnevalszeit am besten unterwegs ist: „Ja, mir san mit’n Radl da!“ So erlebte dann ein närrischer Münsteraner auf der Fahrt über die Promenade gleich drei weitere wichtige Funktionen des Oberrohrs:
- Es ermöglicht ohne komplizierte Griffe, das betrunkene Rad auf die Schulter zu nehmen. Ein besoffenes Fahrrad macht komplizierte Verrenkungen und will mit festem Griff am Oberrohr nach Hause geführt werden.
- Falls sich aber der Karnevalist mit über 1,6 Promille im Blut den Hals sterilisiert hat, verhindert das Oberrohr, dass der Heimkehrer bei zu schmaler Promenade und den viel zu vielen Lindenbäumen in das Fahrrad fällt. Es bedarf mühsamer Anstrengungen, diesen gordischen Knoten wieder zu lösen.
Jedoch das Schlimmste, was dir widerfahren kann, ist, wenn du von der Pedale abrutschst, auf das Oberrohr aufschlägst und plötzlich schmerzhaft merkst: Du bist ein Mann. Genau dann fällt dir wieder ein, womit deine Partnerin dich beauftragte: „Wenn du heimkommst, bring Eier mit.“
Das Damenrad mit niedergelegtem Oberrohr
Etwas für „Tiefeinsteiger“ entwickelten die ersten Fahrradkonstrukteure recht schnell nach dem Herrenfahrrad: das Damenrad mit niedergelegtem Oberrohr, dem Schwanenhals. So wurde Frauen mit flatternden, langen Röcken sowie den geistlich Berufenen, Nonnen und Patres in wehenden Soutanen eine Möglichkeit der schnelleren Fortbewegung geschaffen. Und der am Anfang dieses Berichtes clevere 10-Jährige ergänzt: „Wegen seiner Hüftoperation ist aus Opa jetzt auch ein Tiefeinsteiger geworden. Er kriegt seine beiden Beine nicht mehr hoch genug über sein Ofenrohr. Pardon: Oberrohr!“
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