„Massives Leitungs- und Kontrollversagen“ Forschungsteam legt Zwischenergebnisse zur Missbrauchsstudie im Bistum Münster vor

Wie hoch mag die Dunkelziffer bei den Missbrauchsfällen im Bistum Münster sein? (Foto: DronesPhotography)
Wie hoch mag die Dunkelziffer bei den Missbrauchsfällen im Bistum Münster sein? (Foto: DronesPhotography)

Seit Oktober 2019 arbeitet ein fünfköpfiges Forscherteam der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) unter der Leitung von Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting und Prof. Dr. Klaus Große Kracht an einer Missbrauchsstudie zu Art und Umfang sexualisierter Gewalt durch Priester und Diakone des Bistums Münster zwischen 1945 und der Gegenwart. Heute stellten die Wissenschaftler erste Zwischenergebnisse vor. Herausgekommen ist eine Studie, die in nüchternen Zahlen, Daten und Fakten das Grauen mit wissenschaftlicher Genauigkeit dokumentieren. Demnach kam es zwischen 1945 und 2018 zu Beschuldigungen gegen rund 200 Priester wegen sexuellen Missbrauchs.

Für ihre Studie haben die Forscher Zugang zu allen Akten, zu laufenden Untersuchungen und zu den Beständen des Bistumsarchivs bekommen. Das bischöfliche Geheimarchiv steht ihnen ebenfalls offen. Bislang haben die Wissenschaftler „nicht den Eindruck, dass systematisch Akten gereinigt wurden“. Das bedeute aber keinesfalls, dass es eine gute Dokumentation, beispielsweise in den Personalakten geben würde. Aussagekräftig seien vor allem die teils langen Gespräche mit Opfern, die sich gemeldet haben. „Gerade in diesen Gesprächen treten Tatbestände zutage, die sich in den Akten des Bistums nicht finden lassen“, weiß Klaus Große Kracht um die Wichtigkeit dieser Interviews.

Eine Stichprobenanalyse von aktuell 49 Beschuldigten ergab 82 Betroffene, die zu 90 % männlich und zum Zeitpunkt des ersten Übergriffs durchschnittlich elf Jahre alt waren. Die Dauer des erlebten Missbrauchs erstreckte sich von einmaligen Übergriffen bis zu Zeiträumen von über zehn Jahren. Im zeitlichen Verlauf zeigt sich eine Häufung von Missbrauchstaten in den 1960er und 1970er Jahren. „Aber es wäre zu einfach“, erklärt Große Kracht, „diesen Anstieg auf die sogenannte sexuelle Revolution zurückzuführen. Vielmehr traf der gesellschaftliche Wertewandel die Kirche unvorbereitet. Auf die neue gesellschaftliche Situation konnte sie keine Antwort geben.“ Viele Taten aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren seien auf Intensiv- und Langzeittäter zurückzuführen, die bis zu 25 Jahre lang Minderjährige missbrauchten, so die Forscher.

Das Team der Aufarbeitungsstudie (v.l.): Prof. Dr. Klaus Große Kracht, Dr. Bernhard Frings, Natalie Powroznik, Prof. Dr. Thomas Großbölting, David Rüschenschmidt. (Foto: WWU / Peter Leßmann)
Das Team der Aufarbeitungsstudie (v.l.): Prof. Dr. Klaus Große Kracht, Dr. Bernhard Frings, Natalie Powroznik, Prof. Dr. Thomas Großbölting, David Rüschenschmidt. (Foto: WWU / Peter Leßmann)

Schweigende Arrangements

In den Fällen, in denen die Bistumsleitung von den Taten wusste, sei sie nach dem Modell des „schweigenden Arrangements“ verfahren – teils auch in Verletzung des kircheneigenen Regelwerks, indem die Verantwortlichen auf ein kirchenrechtliches Verfahren oder die Suspendierung des Täters verzichteten. Stattdessen wurden die Täter aus der Gemeinde genommen, kamen in eine stationäre oder ambulante Therapie und wurden danach wieder in der Seelsorge eingesetzt. „Den Skandal zu vermeiden und damit die Kirche als Institution zu schützen, aber auch den Mitbruder in seiner priesterlichen Existenz nicht zu gefährden – das waren Motive für diese Vorgehensweise“, sagt Forschungsleiter Thomas Großbölting, der inzwischen an der Universität Hamburg arbeitet. Nicht selten wiederholten sich die Taten. Die Betroffenen wurden dabei meist übergangen – kam es überhaupt zu einem Gespräch mit ihnen, so endete dies zumeist in einer Vereinbarung wechselseitigen Stillschweigens.

Nach Erkenntnissen der Forscher habe sich „eine spezifische katholische Schamkultur verfestigt“, die das Reden über Fälle sexualisierter Gewalt in der Familie, der Gemeinde und der Bistumsleitung verhinderte. Diese „Grenzen des Sagbaren“ führten dazu, dass Betroffene nur selten den Mut fanden, die Übergriffe zu melden. Taten sie es doch, reagierte das Umfeld oft mit Unglaube und Abwehr. Diese Sprachgrenzen blieben lange Zeit bestehen und wurden erst mit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 durchbrochen.

Versagen der Bistumsleitung

„Wir sehen ein deutliches Führungs- und Kontrollversagen der Bistumsleitung, das sich nicht auf Einzelfälle begrenzt, sondern über Jahrzehnte zu beobachten ist“, verdeutlicht Thomas Großbölting. Erst zu Beginn der 2000er Jahre und insbesondere seit 2010 verändern sich die Routinen des bislang praktizierten Umgangs mit Fällen sexueller Gewalt gegenüber Minderjährigen im Bistum Münster: Inzwischen gilt eine neue, durchaus strenge und gemessen an den vom Vatikan und der Deutschen Bischofskonferenz formulierten Leitlinien regelkonforme Verfahrensweise im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs.

Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster. (Foto: Bistum Münster)
Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster. (Foto: Bistum Münster)

Das Bistum reagierte bereits auf die Ausführungen der Wissenschaftler. „Wir sind dem Forscherteam dankbar, dass es heute einen Zwischenbericht über die bisherige Arbeit im Rahmen einer Pressekonferenz abgegeben hat“, sagt Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster. „Deutlich geworden ist, dass seitens des Bistums Münster den Forschern völlig freie Hand bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit gelassen wird. Das ist dem Bistum wichtig; denn nur so besteht die Aussicht darauf, dass die später vorgelegten Ergebnisse der Forscher eine fundierte Grundlage für die dann erforderliche Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen sein können. Daher arbeiten die Forscher absolut unabhängig von uns, haben uneingeschränkten Zugang zu allen Akten und entscheiden auch völlig frei, was sie wann in welcher Form veröffentlichen. So wurden auch die Verantwortlichen im Bistum nicht vorab über die heute vorgestellten Zwischenergebnisse informiert. Diese Vorgehensweise sind wir insbesondere den Betroffenen sexuellen Missbrauchs schuldig.

Nicht überraschend, aber erschreckend

Die vorgestellten Erkenntnisse seien leider – nach dem, was man aus anderen Untersuchungen schon wisse – nicht überraschend, aber doch erschreckend, so Frings weiter. „So haben die Forscher deutlich gemacht, dass es auch im Bistum Münster zahlreiche Fälle gibt, in denen die Bistumsleitungen der Vergangenheit von Missbrauchsfällen wussten, aber die Täter weder anzeigten noch aus der Seelsorge entfernten. Für die Verantwortlichen war die Fortführung der priesterlichen Existenz und das Bild der Kirche nach außen offenbar die oberste Leitschnur ihres Handelns. Das bleibt für uns heute unverständlich und lässt uns fassungslos zurück. Eine der Fragen, die zu beantworten sein wird, ist: wie konnte es dazu kommen, dass man die vom Missbrauch Betroffenen so ganz aus dem Blick gelassen hat? Wenn Anfang 2022 der gesamte Bericht vorliegt, werden viele Fragen sicherlich gestellt, aber auch beantwortet werden müssen. Dabei hoffen wir sehr, dass uns Betroffene und  kritische Christinnen und Christen begleiten; denn nur zusammen kann man dieses bedrückende Kapitel der Bistumsgeschichte bewerten.“

Hintergrund:
Die Initiative für die Studie ging vom Bistum Münster aus, das dafür rund 1,3 Mio. Euro zur Verfügung stellt. Ein Beirat begleitet die Forschung, die Beachtung wissenschaftlicher und juristischer Standards sowie die Zusammenarbeit von Bistum und Universität. Das Bistum hat dazu seinen Interventionsbeauftragten, die WWU ihre Ethikbeauftragte entsandt. Auch drei Vertreter von Betroffenen, darunter der Initiator einer Selbsthilfegruppe, sind vertreten. Das Forschungsteam will die Studie zum Frühjahr 2022 fertigstellen.

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