
Licht, Schatten, Hoffnung: Der Cityadvent in der Überwasserkirche Beim ersten Schritt in die Liebfrauen-Überwasserkirche ist vom dichten Gedränge der Münsteraner Weihnachtsmärkte nur noch ein fernes Murmeln übrig. Obwohl viele Menschen den Raum durchstreifen, legt sich eine erstaunliche Ruhe über einen – so, als hätte jemand kurz die Lautstärke des Advents heruntergedreht.
Hier lädt noch bis zum 21. Dezember der Cityadvent 2025 ein: eine große Rauminstallation, die sich zwischen Kunst, Nachdenklichkeit und leiser Hoffnung bewegt – und in der Religion als Angebot mitläuft, aber niemandem aufgedrängt wird.
Zwischen Weihnachtsmarkt und „Dornwald“
Thema in diesem Jahr: „… und das Böse wird nicht siegen!“ – verbunden mit dem Adventslied „Maria durch ein Dornwald ging“. Statt einer klassischen Ausstellung betritt man eine Art begehbares Bild: Gleich zu Beginn begegnet einem ein Mariengemälde – „Madonna im Rosenhag“ – als Symbol für Schönheit und Hoffnung.

Geht man weiter, kippt die Stimmung: Auf einem großformatigen Foto – dem World Press Photo 2024 von Mohammed Salem – hält eine Frau aus Gaza ihr totes Kind im Arm. Das ist hart anzusehen, aber gerade deshalb bewegend.
Von dort aus führt der Weg in einen „Dornwald“ aus schwarzen Gerüststangen, der sich quer durch das Kirchenschiff zieht. Dazwischen: Lichtinseln mit Exponaten zu Krieg, Klimakrise, Hunger, Einsamkeit, Mobbing und seelischen Verletzungen – Themen, die man sonst eher in Nachrichtenfeeds wegscrollt, die hier aber ganz bewusst zum Stehenbleiben zwingen. Zwischen all dem Dunklen blitzen immer wieder weiße Papierrosen auf – kleine, helle Marker für Trost, Neuanfang, Widerstandskraft.
Scannen, lesen, eintauchen: Kunst mit QR-Codes
Über den ganzen Raum verteilt finden sich Stationen, die erstaunlich durchdacht inszeniert sind. An jeder steht ein Aufsteller mit einem QR-Code. Wer mag, scannt mit dem Smartphone und bekommt Hintergründe zu Motiv, Idee und Symbolik der jeweiligen Arbeit. So kann jede*r selbst entscheiden, wie tief man einsteigt: nur schauen und wirken lassen , oder sich durch Texte, Zitate und Erklärungen genauer auf die Themen einlassen
Der Cityadvent wird damit zu einem Rundgang, der mehr ist als „nur schön“ oder „nur religiös“: Er spricht Menschen an, die Kunst mögen, Menschen, die politisch interessiert sind – und auch solche, die nach einem Ort suchen, an dem sie mal kurz innerlich abbremsen können.
1000 Rosen und ein spielendes Kind

Im vorderen Teil des Mittelschiffs wechselt die Atmosphäre: Über den Köpfen hängen rund 1000 weiße Papierrosen mit den Blüten nach unten – sie stehen für Unschuld, Treue, Vertrauen und die zarten Seiten des Lebens.
Darunter liegt ein runder Bodenspiegel. In seiner Mitte sitzt die Skulptur eines kleinen Kindes aus transparentem Drahtgeflecht, das mit einer Erdkugel spielt. Das wirkt gleichzeitig leicht und verletzlich – wie eine stille Frage: Was machen wir mit dieser Welt, die wir in den Händen halten? Wer religiös unterwegs ist, wird hier natürlich Anklänge an das Weihnachtsfest und das Jesuskind erkennen. Wer damit nichts anfangen kann, sieht einfach ein Kind, das die Welt spielerisch entdeckt – ein starkes Bild für Zukunft, Verantwortung und Hoffnung.
Sonnenscheibe, hebräische Schrift – und viel Raum für eigene Gedanken

Ganz hinten, im Chorraum, leuchtet hinter Gerüststangen, die an einen Dornbusch erinnern, eine große Sonnenscheibe. Auf ihr steht in hebräischen Buchstaben „anitani“ – „Du hast mir Antwort gegeben“. Man muss schon genauer hinschauen, um die Schrift zu erkennen. Genau das passt zur Stimmung dort: Es geht weniger um eindeutige Botschaften, sondern mehr um die eigenen Fragen: Wo erlebe ich Dunkelheit, Ohnmacht, „Dornen“? Wo blühen in meinem Leben trotzdem Rosen? Worauf setze ich meine Hoffnung – auf Menschen, Politik, Zufall, Gott?
Zwischen Installation und Altar bleiben einige Bänke stehen. Viele Besucher*innen setzen sich, schauen, schweigen, lassen den Raum auf sich wirken. Wer möchte, kann an zwei Kerzenständen eine Kerze entzünden, still für sich sein oder beten. Wer nicht, nutzt die Kirche einfach als starken, ruhigen Ort mitten im Dezembertrubel.
Stimmung: Besinnliche Aura trotz vieler Menschen
Trotz regen Besucheraufkommens herrscht eine spürbar besinnliche Aura. Man bewegt sich langsam durch den Raum, immer wieder bleibt jemand stehen, liest, fotografiert, scannt einen QR-Code oder blickt einfach nur in die Lichtinstallationen.
Viele Stationen sind kein „leichter Advents-Content“, sondern führen direkt in die Schattenseiten des Lebens – Schicksale in anderen Teilen der Welt, gesellschaftliche Bruchstellen, persönliche Verwundungen. Gleichzeitig wird man immer wieder auf hoffnungsvolle Perspektiven gestoßen: zarte Rosen im „Dornenwald“, das spielende Kind auf dem Spiegel warme Lichtstimmungen, die Dunkelheit nicht verdrängen, aber mildern. Das ist genau diese Mischung: zum Nachdenken, zum Innehalten, aber auch zum Hoffen.
Praktische Infos – und ein klarer Besuchstipp
Der Cityadvent 2025 in der Liebfrauen-Überwasserkirche (Überwasserkirchplatz, Münster) läuft noch bis zum 21. Dezember 2025.
Öffnungszeiten:
- Montag–Freitag: 11–19 Uhr
- Samstag: 11–21 Uhr
- Sonntag: 11–19 Uhr Der Eintritt ist frei.
An jedem der Adventsamstage ist abends ein kleines Konzert, dessen Eintritt ebenfalls frei ist.
Kleiner Tipp:
Wer es einrichten kann, sollte unbedingt mal nach Einbruch der Dunkelheit vorbeischauen. Dann kommen die Lichtinstallationen, die roten und warmen Töne im „Dornwald“ und die leuchtende Sonnenscheibe noch intensiver zur Geltung – besonders, wenn man direkt aus dem Lichtermeer der Weihnachtsmärkte herüberwechselt.
Zwischen Glühweinstand und Geschenkestress ist der Cityadvent so ein Ort, an dem man einmal tief durchatmen, hinhören und hinschauen kann – und vielleicht mit ein bisschen mehr Zuversicht wieder hinausgeht. Wer mag, nimmt Gott dabei mit in seine Gedanken. Wer nicht, nimmt trotzdem eine gute Portion Hoffnung mit nach draußen.
- Licht, Schatten, Hoffnung Der Cityadvent in der Überwasserkirche - 9. Dezember 2025
- Stimmungvolles Rudelsingen bei Nieselregen Erst trockene Klänge, dann immer mehr Regentröpfchen – und trotzdem festliche Gänsehautstimmung auf dem Domplatz: - 7. Dezember 2025
- Sechs Orte, ein stimmungsvoller Bummel Die Weihnachtsmärkte Münster 2025 / Unsere Tipps und die besten Wege durch die funkelnde City - 14. November 2025

Die lebenden Fische sind total gestresst. Das ist Tierquälerei und fehl am Platz.